Auf dem Tiefpunkt der Glaubwürdigkeit

Wer jüngste Umfrageergebnisse bündelt, kommt um die Einsicht kaum herum, dass das Vertrauen der Publika in Massenmedien einen Tiefstand erreicht hat: 54 Prozent der Deutschen halten die Medien für "korrupt oder sehr korrupt“, hat Transparency International in seiner jährlichen Befragung herausgefunden. Zum ersten Mal stehen die Redaktionen dabei schlechter da als die öffentlicher Verwaltung und das Parlament. In einer Allensbach-Umfrage bewegen sich Journalisten im Blick auf ihr berufliches Ansehen seit Jahren in schlechter Gesellschaft von Politikern und Bankern, weit abgeschlagen hinter Ärzten und Krankenschwestern, Lehrern und Handwerkern.

Auch die Amerikaner beklagen sich heftig über Leistungsabfall und Glaubwürdigkeitsverluste der Medien. Ein knappes Drittel von ihnen, so ermittelte kürzlich das Project for Excellence in Journalism (PEJ), hat deshalb bereits seinen Nachrichten-Anbieter gewechselt. In einer vorangehenden PEJ-Studie beklagten 80 Prozent der Befragten, Journalisten würden häufig von "mächtigen Personen oder Institutionen beeinflusst“ und 75 Prozent, sie seien "nicht in der Lage, faktengetreu zu berichten“. Ergänzend wartete das Pew Research Center mit einer Umfrage auf, wer aus Sicht der US-Bevölkerung am ehesten einen "Beitrag zum Allgemeinwohl“ leiste: Das Militär sowie Lehrer und Ärzte führten diese Rangliste an, auf den letzten Plätzen landeten Journalisten, Manager und Rechtsanwälte.

Beschleunigung der Abwärtsspirale

Insgesamt geht es seit Jahrzehnten bergab mit der journalistischen Glaubwürdigkeit - und in den letzten Jahren hat sich die Abwärtsspirale offenbar beschleunigt.

Woher kommt das? Einmal gewiss durch die Umwälzungen, die das Internet mit sich gebracht hat. Seitdem die Publika online "alles gratis“ erwarten und die Werbetreibenden bei Google, Facebook & Co zielgruppengenauer ihre Adressaten erreichen als mit herkömmlichen Massenmedien, werden die Sparzwänge für viele Redaktionen immer absurder. Vor allem der journalistische Nachwuchs und freie Mitarbeiter werden gnadenlos ausgebeutet - und sind auf zusätzliche Einkommensquellen angewiesen, um zu überleben.

In den Redaktionen selbst ist weit weniger Recherche-Kapazität vorhanden als früher. Das tägliche Bombardement mit Pressemeldungen und PR-Botschaften, die in die Medien "reingedrückt“ werden, hat sich dramatisch verschärft. Zudem ist im Vorfeld der Redaktionen eine Grauzone entstanden: Vielfach lässt sich Journalismus nicht mehr scharf von Öffentlichkeitsarbeit abgrenzen, weil freie Mitarbeiter in beiden Bereichen tätig sind. Und clevere PR-Strategen zwingen obendrein die "alten“ Massenmedien zur Berichterstattung in ihrem Sinne - zum Beispiel mit Hilfe von "Guerilla Marketing“, bei dem sie im Cyberspace Blogger und soziale Netzwerke einspannen, um Themen zu setzen, welche die immer noch einflussreicheren traditionellen Medien schließlich aufgreifen müssen.

Vermutlich rührt der Glaubwürdigkeits-Verlust des Journalismus aber auch daher, dass Journalisten gerne mit zweierlei Maß messen: Von anderen fordern sie jederzeit Rechenschaft und Transparenz ein; wenn es ums eigene Geschäftsgebaren geht, mangelt es indes gerade an diesen Tugenden. Ein großangelegtes Forschungsprojekt unter Leitung von Susanne Fengler (TU Dortmund) hat in zwölf europäischen und in zwei arabischen Ländern der Frage nachgespürt, wie sich Journalisten zu ihrem eigenen Fehlverhalten stellen. Die Ergebnisse, die kürzlich in Brüssel präsentiert wurden, sind in ihrer Zweideutigkeit sehr erhellend.

"Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“, heißt es im Volksmund, und dieses Verhaltensmuster trifft ganz offensichtlich auch auf die Journalisten zu. Befragt wurden insgesamt 1762 von ihnen. In allen untersuchten Ländern bekannten sie sich durchgängig zur Rechenschaftspflicht der Medien, aber sobald es konkret wurde, wollten sie doch sehr viel lieber dem "eigenen Gewissen“ als irgendwelchen Selbstkontroll-Instanzen wie Presseräten, Ombudsleuten oder auch Vorgesetzten gegenüber verantwortlich sein. Erstaunlich ehrlich auch die Antwort, dass sie im Zweifelsfall eher ihren Quellen gegenüber als ihren Publika "voll und ganz“ Rechenschaft zu schulden glauben. Nur in Spanien und Jordanien gaben die Befragten die Antwort, die in den journalistischen Ethik-Kodizes vorgesehen ist - dass Loyalität vor allem den Lesern, Hörern und Zuschauern gebührt.

Wahrscheinlich haben die Glaubwürdigkeits-Verluste auch damit zu tun, dass die Medien zwar über alles Mögliche "aufklären“, aber kaum über sich selbst. Mit Ausnahme einiger weniger Qualitätsblätter geht die Berichterstattung über Journalismus und Medien gegen null, im Fernsehen gibt es zum Thema fast nur Comedy-Formate (wie die "heute-show“ beim ZDF). Auch die Schulen tun sich mit Medienkunde schwer.

Gerade weil die meisten Menschen kaum hinter die Kulissen des Medienbetriebs blicken können, sind Medienmärkte sogenannte "Zitronenmärkte“. Auf solchen Märkten, so der amerikanische Nobelpreisträger George Akerlof, erfolgt der Wettbewerb nicht über die Produktqualität, sondern über den Preis. Wenn die Qualität eines Produkts für den Käufer intransparent ist oder auf der Käuferseite Qualitätsbewusstsein fehlt, werden gerne Güter relativ schlechter Qualität angeboten, eben sogenannte Zitronen - ein Begriff, der im amerikanischen Slang auch für Gebrauchtwagen steht.

Zeitungen wie Gebrauchtwagen?

Für solche Lemons sinkt dann die Zahlungsbereitschaft - und das wiederum erschwert es den Anbietern hochwertiger Qualität, sich am Markt zu behaupten. Durchbrechen lässt sich dieser Teufelskreis wohl nur, indem qualitätsbewusste Redaktionen den journalistischen Mehrwert, den sie erzeugen, auch kommunizieren. Das wiederum geht aber nicht allein mit teurer Werbung und mit PR.

Am ehesten dürfte sich das Qualitätsbewusstsein - und damit auch die Zahlungsbereitschaft der Publika - durch beherzten und unbestechlichen Medienjournalismus heben lassen, statt die Probleme in falscher Solidarität mit den Dreckschleudern der Branche unter den Teppich zu kehren.

* Der Autor ist Medienwissenschafter an der Universität Lugano/CH |

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