Magid Magid - © Foto: APA/ AFP / Tolga Akmen
Porträtiert

Der Flüchtling, der zum Politstar wurde

1945 1960 1980 2000 2020
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Wäre Magid Magid heute fünf Jahre alt und würde versuchen, nach Großbritannien einzureisen, er hätte keine Chance dazu. Vor 23 Jahren hatte er dieses Glück noch -das weiß er und betont es immer wieder. Dann kommt er auf die Bilder zu sprechen, die Flüchtlinge auf hoher See zeigen, abgewiesen von Italien, der vollständigen Heimatlosigkeit entgegentreibend: "Wären das weiße Europäer, sie würden nicht weggeschickt werden."

Wäre Magid Magid heute fünf Jahre alt und würde versuchen, nach Großbritannien einzureisen, er hätte keine Chance dazu. Vor 23 Jahren hatte er dieses Glück noch -das weiß er und betont es immer wieder. Dann kommt er auf die Bilder zu sprechen, die Flüchtlinge auf hoher See zeigen, abgewiesen von Italien, der vollständigen Heimatlosigkeit entgegentreibend: "Wären das weiße Europäer, sie würden nicht weggeschickt werden."

Vor 23 Jahren war das noch anders. Magid durfte mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in Großbritannien einreisen, obwohl niemand von ihnen Englisch sprach. Nun war Magid, der Flüchtling aus Eritrea, nicht nur seit Mai 2018 Oberbürgermeister der Stadt Sheffield, er ist seit vergangenem Sonntag auch EU-Abgeordneter, denn er hat die Wahlen als Grüner Kandidat gegen die Tories, Labour, Ukip, die Liberalen und die Brexit-Neugründung von Nigel Farage gewonnen. Und wenn er in der Weise in Europa auftritt, wie er in Sheffield reussiert hat, dann wird er wohl schnell zu einem der gefragtesten Abgeordneten des EP avancieren - zumindest solange der Brexit nicht Wirklichkeit wird. Magid Magid predigt nämlich nicht persönlichen Erfolg und Ehrgeiz, sondern steht mit seinem persönlichen Stil für eine Anschauung von Macht, die nichts mit Egoismus zu tun hat. Er vertritt ein Modell, das man als christliche Nächstenliebe in der Politik beschreiben würde. Er umarmt seine Gegner und ist freundlich zu ihnen, bis er ihre Vorurteile geschlagen hat. "Meine Tür steht auch allen Rassisten offen, lieber eine unangenehme Konversation, als die Dinge unter den Teppich zu kehren." Das hat in Sheffield wunderbar funktioniert, auch weil Magid die Jugend durch "Aktionismus" für sich gewann. Nicht, weil er zu seiner Inauguration den "Marsch des Imperiums" aus Star Wars einspielen ließ. Sondern weil er etwa Künstler und Illusionisten in den Stadtrat einlädt, um die Köpfe der Stadträte für Inspiration zu öffnen. Weil die anfängliche Skepsis der Politiker verflog. Einhellige Meinung: "Man muss Magid einfach mögen." Dinge werden nun in der Stadt über die Parteigrenzen hinweg erarbeitet. Ein Vorbild für Europa? Vermutlich wird Magid nicht lange Zeit haben, sich im EP zu beweisen. Aber Zeit genug, um seinen Esprit zu genießen allemal.