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Gesellschaft

Am Ende doch noch Zuhause sein

1945 1960 1980 2000 2020
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Diese Frau hat dramatisch gelitten. Aber gestorben ist sie so, wie sie es sich immer gewünscht hat. (Desirée Amschl-Strablegg)

Ein intelligenter junger Bewohner des VinziDorfes hat zu mir offen gesagt: Ich bin hierher gekommen, um mich zu Tode zu trinken. Dass er das erreicht hat, hat mir sehr weh getan. (Franz Wallner)

Elf Monate oder 316 Tage: So lange hat Ajser I. am Ende ihres Lebens hier gewohnt. Es war eine schwierige Zeit für die gebürtige Mazedonierin - eine Zeit, in der sie der Darmkrebs unendlich quälte und die Schmerztherapie nicht selten an ihre Grenzen stieß. Und trotzdem fand sie hier auch eine neue Würde. Dienstag vergangener Woche war ihr Leiden schließlich zu Ende: Umarmt von ihrem Mann schmiegte sich die 56-jährige Muslima in die Ecke ihres Bettes, lauschte gesungenen Koran-Suren aus dem Handy und hörte irgendwann auf zu atmen.

"Das war sehr, sehr berührend", erinnert sich Desirée Amschl-Strablegg an diesen Moment. Drei Mal pro Woche kommt sie von der Palliativstation im Krankenhaus der Elisabethinen hierher ins VinziDorf-Hospiz, um als pflegerische Leiterin nach dem Rechten zu sehen. Dass sie zufällig miterleben durfte, wie Ajser I. friedlich ihren letzten Atemzug tat, betrachtet sie als Geschenk. "Diese Frau hat dramatisch gelitten," erzählt Amschl-Strablegg (siehe Foto rechte Seite)."Aber gestorben ist sie so, wie sie es sich immer gewünscht hat."

Ein Ort der Gastfreundschaft

Genau ein Jahr ist es her, dass das Grazer VinziDorf-Hospiz eröffnet wurde. Untergebracht in einem Gebäude der Pfarre St. Leonhard -unmittelbar neben dem VinziDorf für obdachlose Männer -soll es für Menschen am Rand der Gesellschaft eine letzte Heimat sein. Die Idee dazu kam von den Elisabethinen (siehe Interview rechts), die Anton Paar Gmbh sponserte schließlich die gesamten Baukosten und ermöglichte dadurch erst die Errichtung des Hospizes. Getragen wird es freilich von den Mitarbeitenden: Zwei 24-Stunden-Betreuer kümmern sich abwechselnd um die Bewohner, drei Ärzte und vier Pflegende der Elisabethinen schauen mehrmals pro Woche vorbei, und auch fünf Ehrenamtliche des Hospizvereins Steiermark kommen regelmäßig zu Besuch. Insgesamt sieben sterbenskranke Menschen wurden solcherart im ersten Jahr begleitet und betreut. Drei Männer und die krebskranke Ajser I. sind am Ende hier verstorben.

Als Frau und gläubige Muslima war die 56-Jährige eine denkbar atypische Bewohnerin. Auch obdachlos war sie nicht im engeren Sinn, doch ihre Lebensverhältnisse waren zweifellos prekär: Beinamputiert lebte sie mit ihrem kroatischen Mann in einer winzigen Einzimmerwohnung in Graz. Als auch noch der Krebs mit seinen höllischen Schmerzen dazukam, wurde das VinziDorf-Hospiz zum letzten Zufluchtsort. Gemeinsam bezog das Paar eines der zwei Zimmer. Nun, nach dem Tod seiner Frau, muss ihr 60-jähriger Mann die Überführung des Leichnams nach Mazedonien organisieren und danach für sich eine kleine Wohnung suchen. "Es war gut hier", erzählt er erschöpft. "Ohne das Hospiz wäre meine Frau auf der Straße gestorben."

Dass es gut war, hat auch mit Jelena Jantol zu tun (siehe Foto oben). Die gebürtige Russin kümmert sich als 24-Stunden-Betreuerin um die Bewohner des Hospizes: Sie kocht für sie, schlichtet das Geschirr in den Desinfektions-Geschirrspüler, besorgt im Bad die Körperpflege und lauscht nachts via Babyphon, ob alles in Ordnung ist. Fast wie eine normale Wohnung wirkt das Hospiz, im Aufenthaltsraum verströmt ein Osterstrauch eine Ahnung von Frühling. Nur der Pflegestützpunkt verrät, dass hier sterbenskranke Menschen zuhause sind.

Je drei Wochen werden die Bewohner von Jantol umsorgt, danach wird sie von Cristian Manescu, einem gebürtigen Rumänen, abgelöst. Menschen am Rand der Gesellschaft zu begleiten -das habe sie schon immer interessiert, erzählt Jantol in rudimentärem Deutsch. Kommuniziert wird wenn nötig über Google Translate, ansonsten lässt die Chiropraktikerin ihre Hände sprechen: Oben, im ersten Stock, hat sie neben den Betten der 24-Stunden-Betreuer eine Massageliege aufgebaut. Wenn die Schmerzen zu groß werden, hilft Berührung.

Mit Katze im Hospiz

Marco hat sich dadurch manchmal schon ein wenig öffnen können, erzählt Jantol. Doch ansonsten ist der Mann, der gemeinsam mit seiner Katze im zweiten Hospiz-Zimmer wohnt und in Wirklichkeit anders heißt, sehr in sich gekehrt. Selbst Jantol weiß nur wenig über ihn: dass er schon im VinziDorf ein Einzelgänger war, dass seine gesamte Familie weggestorben ist, dass er exzessiv Drogen und Alkohol konsumierte und dass ihn außer den Ehrenamtlichen niemand besucht. Und doch hat Jelena Jantol diesen Mann lieb gewonnen: "Er ist ein guter, intelligenter Mensch!", sagt sie.

Marco ist freilich auch ein medizinisches Wunder. Schon einmal ist er nach einer Magenblutung und einem Aufenthalt auf der Intensivstation der Elisabethinen hierher ins Hospiz gekommen. Drei Monate später hatte er sich so erfangen, dass er wieder zurück in seinen VinziDorf-Container wollte. "Es gibt Leute, die es notwendiger haben als ich", meinte er. Jetzt im Winter ließen Depressionen seinen Alkoholkonsum aber wieder steigen. Am Ende bat er wieder um Aufnahme ins Hospiz. Erst hier habe er Menschen erlebt, "denen es wichtig ist, dass ich am Leben bin", sagte er einmal.

Wie sehr der Alkohol Menschen zerstört, muss der Seelsorger des Hospizes, Diakon Franz Wallner (siehe Foto oben), allzu oft miterleben. Viele der Männer im VinziDorf seien ohne Hoffnung, erzählt er, sie hätten ihre Kinder seit Jahren nicht gesehen und würden von Schuldgefühlen geplagt. Besonders nahe ging ihm das Schicksal eines jungen Mannes, der so alt war wie sein eigener Sohn: "Der war hochintelligent, aber er hat offen zu mir gesagt hat: Ich bin hierhergekommen, um mich zu Tode zu trinken. Dass er das erreicht hat, hat mir sehr weh getan." Allein im Vorjahr seien von den 35 Vinzi-Dorf-Bewohnern sieben verstorben, erzählt Wallner im Aufenthaltsraum des Hospizes. Manche verbrachten ihre letzte Zeit hier im Hospiz, andere starben in einem Akutspital - aber alle gingen sie lange vor der Zeit.

Wenn du elf Monate lang mit jemandem durch alle Höhen und Tiefen gehst -und dann siehst, wie er erhobenen Haupts von dieser Erde gehen kann, dann ist das bewegend. (D. Amschl-Strablegg)

Bei Helmut Pretterer soll es einmal anders kommen. "Back to the future", heißt sein Projekt. Es war vor drei Jahren, als der Vater, Großvater und Schwiegervater des gebürtigen Weizers binnen zehn Tagen starben, er daraufhin zu trinken begann und schließlich ins Grazer VinziDorf geschickt wurde. Doch nun sucht er in seinem winzigen Container nach einer Wohnung. Die anderen aufzuheitern und "einen Koarl" zu machen -das ist seine besondere Gabe. Bei Marco ist ihm das freilich nie geglückt. Dass es nun einen Ort gibt, an dem Menschen wie Marco oder Ajser I. ein letztes Zuhause haben, findet Helmut "unheimlich super". Sie zu besuchen, habe er sich aber bislang nicht getraut: "Ich habe halt Angst vor tote Leut'", sagt Helmut.

Desirée Amschl-Strablegg hat diese Angst schon lange abgelegt. Als sie letzte Woche kam, um nach Ajser I. zu sehen, war ihr bald klar, dass bereits der Sterbeprozess eingesetzt hatte. Sie versuchte Ruhe einkehren zu lassen und zog sich mit dem ebenfalls anwesenden ärztlichen Leiter des Hospizes, dem Internisten Gerold Muhri, ein wenig zurück. Als Ajser I. am Ende ruhig aushauchte, war sie unglaublich berührt. "Wenn du elf Monate lang mit jemandem durch alle Höhen und Tiefen gehst, vieles nicht verstanden hast -und dann siehst, wie er erhobenen Hauptes von dieser Erde gehen kann, dann ist das schon bewegend."

Diese Frau hat dramatisch gelitten. Aber gestorben ist sie so, wie sie es sich immer gewünscht hat. (Desirée Amschl-Strablegg)

Ein intelligenter junger Bewohner des VinziDorfes hat zu mir offen gesagt: Ich bin hierher gekommen, um mich zu Tode zu trinken. Dass er das erreicht hat, hat mir sehr weh getan. (Franz Wallner)

Elf Monate oder 316 Tage: So lange hat Ajser I. am Ende ihres Lebens hier gewohnt. Es war eine schwierige Zeit für die gebürtige Mazedonierin - eine Zeit, in der sie der Darmkrebs unendlich quälte und die Schmerztherapie nicht selten an ihre Grenzen stieß. Und trotzdem fand sie hier auch eine neue Würde. Dienstag vergangener Woche war ihr Leiden schließlich zu Ende: Umarmt von ihrem Mann schmiegte sich die 56-jährige Muslima in die Ecke ihres Bettes, lauschte gesungenen Koran-Suren aus dem Handy und hörte irgendwann auf zu atmen.

"Das war sehr, sehr berührend", erinnert sich Desirée Amschl-Strablegg an diesen Moment. Drei Mal pro Woche kommt sie von der Palliativstation im Krankenhaus der Elisabethinen hierher ins VinziDorf-Hospiz, um als pflegerische Leiterin nach dem Rechten zu sehen. Dass sie zufällig miterleben durfte, wie Ajser I. friedlich ihren letzten Atemzug tat, betrachtet sie als Geschenk. "Diese Frau hat dramatisch gelitten," erzählt Amschl-Strablegg (siehe Foto rechte Seite)."Aber gestorben ist sie so, wie sie es sich immer gewünscht hat."

Ein Ort der Gastfreundschaft

Genau ein Jahr ist es her, dass das Grazer VinziDorf-Hospiz eröffnet wurde. Untergebracht in einem Gebäude der Pfarre St. Leonhard -unmittelbar neben dem VinziDorf für obdachlose Männer -soll es für Menschen am Rand der Gesellschaft eine letzte Heimat sein. Die Idee dazu kam von den Elisabethinen (siehe Interview rechts), die Anton Paar Gmbh sponserte schließlich die gesamten Baukosten und ermöglichte dadurch erst die Errichtung des Hospizes. Getragen wird es freilich von den Mitarbeitenden: Zwei 24-Stunden-Betreuer kümmern sich abwechselnd um die Bewohner, drei Ärzte und vier Pflegende der Elisabethinen schauen mehrmals pro Woche vorbei, und auch fünf Ehrenamtliche des Hospizvereins Steiermark kommen regelmäßig zu Besuch. Insgesamt sieben sterbenskranke Menschen wurden solcherart im ersten Jahr begleitet und betreut. Drei Männer und die krebskranke Ajser I. sind am Ende hier verstorben.

Als Frau und gläubige Muslima war die 56-Jährige eine denkbar atypische Bewohnerin. Auch obdachlos war sie nicht im engeren Sinn, doch ihre Lebensverhältnisse waren zweifellos prekär: Beinamputiert lebte sie mit ihrem kroatischen Mann in einer winzigen Einzimmerwohnung in Graz. Als auch noch der Krebs mit seinen höllischen Schmerzen dazukam, wurde das VinziDorf-Hospiz zum letzten Zufluchtsort. Gemeinsam bezog das Paar eines der zwei Zimmer. Nun, nach dem Tod seiner Frau, muss ihr 60-jähriger Mann die Überführung des Leichnams nach Mazedonien organisieren und danach für sich eine kleine Wohnung suchen. "Es war gut hier", erzählt er erschöpft. "Ohne das Hospiz wäre meine Frau auf der Straße gestorben."

Dass es gut war, hat auch mit Jelena Jantol zu tun (siehe Foto oben). Die gebürtige Russin kümmert sich als 24-Stunden-Betreuerin um die Bewohner des Hospizes: Sie kocht für sie, schlichtet das Geschirr in den Desinfektions-Geschirrspüler, besorgt im Bad die Körperpflege und lauscht nachts via Babyphon, ob alles in Ordnung ist. Fast wie eine normale Wohnung wirkt das Hospiz, im Aufenthaltsraum verströmt ein Osterstrauch eine Ahnung von Frühling. Nur der Pflegestützpunkt verrät, dass hier sterbenskranke Menschen zuhause sind.

Je drei Wochen werden die Bewohner von Jantol umsorgt, danach wird sie von Cristian Manescu, einem gebürtigen Rumänen, abgelöst. Menschen am Rand der Gesellschaft zu begleiten -das habe sie schon immer interessiert, erzählt Jantol in rudimentärem Deutsch. Kommuniziert wird wenn nötig über Google Translate, ansonsten lässt die Chiropraktikerin ihre Hände sprechen: Oben, im ersten Stock, hat sie neben den Betten der 24-Stunden-Betreuer eine Massageliege aufgebaut. Wenn die Schmerzen zu groß werden, hilft Berührung.

Mit Katze im Hospiz

Marco hat sich dadurch manchmal schon ein wenig öffnen können, erzählt Jantol. Doch ansonsten ist der Mann, der gemeinsam mit seiner Katze im zweiten Hospiz-Zimmer wohnt und in Wirklichkeit anders heißt, sehr in sich gekehrt. Selbst Jantol weiß nur wenig über ihn: dass er schon im VinziDorf ein Einzelgänger war, dass seine gesamte Familie weggestorben ist, dass er exzessiv Drogen und Alkohol konsumierte und dass ihn außer den Ehrenamtlichen niemand besucht. Und doch hat Jelena Jantol diesen Mann lieb gewonnen: "Er ist ein guter, intelligenter Mensch!", sagt sie.

Marco ist freilich auch ein medizinisches Wunder. Schon einmal ist er nach einer Magenblutung und einem Aufenthalt auf der Intensivstation der Elisabethinen hierher ins Hospiz gekommen. Drei Monate später hatte er sich so erfangen, dass er wieder zurück in seinen VinziDorf-Container wollte. "Es gibt Leute, die es notwendiger haben als ich", meinte er. Jetzt im Winter ließen Depressionen seinen Alkoholkonsum aber wieder steigen. Am Ende bat er wieder um Aufnahme ins Hospiz. Erst hier habe er Menschen erlebt, "denen es wichtig ist, dass ich am Leben bin", sagte er einmal.

Wie sehr der Alkohol Menschen zerstört, muss der Seelsorger des Hospizes, Diakon Franz Wallner (siehe Foto oben), allzu oft miterleben. Viele der Männer im VinziDorf seien ohne Hoffnung, erzählt er, sie hätten ihre Kinder seit Jahren nicht gesehen und würden von Schuldgefühlen geplagt. Besonders nahe ging ihm das Schicksal eines jungen Mannes, der so alt war wie sein eigener Sohn: "Der war hochintelligent, aber er hat offen zu mir gesagt hat: Ich bin hierhergekommen, um mich zu Tode zu trinken. Dass er das erreicht hat, hat mir sehr weh getan." Allein im Vorjahr seien von den 35 Vinzi-Dorf-Bewohnern sieben verstorben, erzählt Wallner im Aufenthaltsraum des Hospizes. Manche verbrachten ihre letzte Zeit hier im Hospiz, andere starben in einem Akutspital - aber alle gingen sie lange vor der Zeit.

Wenn du elf Monate lang mit jemandem durch alle Höhen und Tiefen gehst -und dann siehst, wie er erhobenen Haupts von dieser Erde gehen kann, dann ist das bewegend. (D. Amschl-Strablegg)

Bei Helmut Pretterer soll es einmal anders kommen. "Back to the future", heißt sein Projekt. Es war vor drei Jahren, als der Vater, Großvater und Schwiegervater des gebürtigen Weizers binnen zehn Tagen starben, er daraufhin zu trinken begann und schließlich ins Grazer VinziDorf geschickt wurde. Doch nun sucht er in seinem winzigen Container nach einer Wohnung. Die anderen aufzuheitern und "einen Koarl" zu machen -das ist seine besondere Gabe. Bei Marco ist ihm das freilich nie geglückt. Dass es nun einen Ort gibt, an dem Menschen wie Marco oder Ajser I. ein letztes Zuhause haben, findet Helmut "unheimlich super". Sie zu besuchen, habe er sich aber bislang nicht getraut: "Ich habe halt Angst vor tote Leut'", sagt Helmut.

Desirée Amschl-Strablegg hat diese Angst schon lange abgelegt. Als sie letzte Woche kam, um nach Ajser I. zu sehen, war ihr bald klar, dass bereits der Sterbeprozess eingesetzt hatte. Sie versuchte Ruhe einkehren zu lassen und zog sich mit dem ebenfalls anwesenden ärztlichen Leiter des Hospizes, dem Internisten Gerold Muhri, ein wenig zurück. Als Ajser I. am Ende ruhig aushauchte, war sie unglaublich berührt. "Wenn du elf Monate lang mit jemandem durch alle Höhen und Tiefen gehst, vieles nicht verstanden hast -und dann siehst, wie er erhobenen Hauptes von dieser Erde gehen kann, dann ist das schon bewegend."