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Tag der Arbeit

Obdachlos - © Foto: Pixabay
Gesellschaft

Ein Arbeitsplatz als Wendepunkt im Leben

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ehemals Obdachloser hat durch seinen neuen Job zurück ins Leben gefunden. Über Arbeit aus einer anderen Perspektive anlässlich des 1. Mai.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein ehemals Obdachloser hat durch seinen neuen Job zurück ins Leben gefunden. Über Arbeit aus einer anderen Perspektive anlässlich des 1. Mai.

Es ist morgen in Wien. Die ersten Sonnenstrahlen wecken den 23-Jährigen. Er hat wieder eine Nacht im Freien überstanden. Langsam räumt er seinen Schlafplatz und packt seine wenigen Habseligkeiten ein, bevor er mit den abwertenden Blicken der ersten Menschen, die sich auf den Weg in die Arbeit machen, konfrontiert wird. Dann geht er los in Richtung Vinzi Rast im 12. Bezirk, wo er bald ein Frühstück bekommen wird.

Mit Anfang 20 machte sich der Mann selbstständig und bezog anfangs ein relativ gutes Gehalt. Langsam wurde sein Lebensstil immer ausschweifender, Partys und spontane Reisen wurden zur Gewohnheit. So ebnete sich der Weg in die Obdachlosigkeit: Schulden habe er immer wieder zur Seite geschoben, wodurch sie langsam zu einer Summe anwuchsen, die er nicht mehr begleichen konnte. Immer mehr Besitztümer mussten schließlich verkauft werden. Das letzte, das der damals 23-Jährige aufgeben musste, war seine Wohnung.

In der Gesellschaftslosigkeit

Mittlerweile ist der Mann, der "Vinzi Gast" genannt werden will, 26 Jahre alt und blickt auf zweieinhalb Jahre Obdachlosigkeit zurück. "Zu Beginn dachte ich, dass es nur momentan eine schwere Phase sei. Nach etwa sechs Tagen fing dann aber der tägliche Kampf ums Überleben an", erklärt er. Dazu gehörte die Suche nach einem Schlafplatz, Essen und Gewand. Ein ganzes Jahr lang verbringt der HAK-Absolvent dem Wetter ausgeliefert auf der Straße, bekam Krankheit und Mangelernährung am eigenen Leib zu spüren und musste mit den Blicken der Passanten leben. "Ich bewegte mich auf einer zerstörerischen und verwüstenden Abwärtsspirale. Dann fand ich die Vinzi Rast, und ab diesem Zeitpunkt ging es aufwärts", erzählt er. Langsam gewöhnte er sich daran, wieder in einem Bett zu schlafen, täglich zu duschen und regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Die wichtigsten "Spenden" waren aber nicht materieller Natur: "Ich bin dort als Gast betrachtet worden, und man hat mich mit viel Respekt behandelt. Alleine die Worte 'bitte' und 'danke schön' haben dazu beigetragen, dass sich mein zerstörtes Selbstbewusstsein langsam erholt hat. Ich konnte mit neuer Kraft mein Leben langsam wieder aufbauen."

In Zusammenarbeit mit einem österreichischen Mobilfunkanbieter begann Vinzi Gast im Dezember des vergangenen Jahres, seinen Alltag als Obdachloser via Facebook zu schildern. "Ich wollte dazu beitragen, dass solche Menschen nicht länger von einer Mauer aus Vorurteilen umgeben sind und zeigen, dass auch Obdachlose Persönlichkeiten sind", meint er. Seine Initiative wird sofort angenommen: 6215 Personen folgen seinen Einträgen derzeit. Sie sind nicht nur stumme Teilhaber seines Lebens, sondern bieten ihm Ratschläge und Sachspenden an, kommentieren seine Beiträge und unterstützen ihn virtuell durch anerkennende Worte. Neben unzähligen Fotos der ehrenamtlichen Mitarbeiter, bei denen er sich immer wieder bedankt, schreibt Vinzi Gast oft über lange Spaziergänge durch die Stadt, sowie Besuche in der Kirche und der Bücherei.

Arbeitsplatz als Neueinstieg

Letztere sucht er vor allem auf, um den freien Internetzugang für das Verfassen von Bewerbungen zu nutzen. Von diesen sollte er eine ganze Menge schreiben, bevor er erstmals zum Probearbeiten in ein Restaurant eingeladen wird. Am zweiten Arbeitstag folgt jedoch der erste Rückschlag: "Nachdem der Geschäftsführer mit dem Küchenchef gesprochen hatte, sagte er mir, dass ich 'aufgrund meiner derzeitigen Lage' und 'zum Wohle aller' nicht aufgenommen werde". Also lässt sich Vinzi Gast weiterhin beim AMS beraten, neue Bewerbungen werden geschrieben und versendet. Den Wendepunkt in seinem Leben als Obdach-und Arbeitsloser hat er jedoch letztendlich seinen authentischen Einträgen im Internet zu verdanken: Die Ehefrau eines Bäckerei-Managers verfolgte seine Schilderungen und lud ihn zu einem Gespräch ein. "Wir haben uns dann getroffen und weil der Manager meinte, dass meine vielen Bemühungen belohnt werden sollen, gab er mir eine Chance", erzählt er.

Seit 17. Februar ist Vinzi Gast in eben dieser Bäckerei beschäftigt und sichtlich zufrieden. Seit er einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, sei er wieder glücklich: "Ich wusste, dass ich etwas Nützliches mache und spürte, dass ich am richtigen Weg bin", sagt er. Mittlerweile hat sich beim ehemaligen Obdachlosen eine Arbeitsroutine eingestellt: Ist er für die Frühschicht eingeteilt, steht er um 4 Uhr früh auf und beginnt seine Arbeit um 5:30 Uhr, die Mittagsschicht startet um 12:30 Uhr. In der Bäckerei schlichtet er Waren, verpackt diese, bereitet Kaffee zu und kassiert. Eine Veränderung hat sich auch in seiner Wohnsituation ergeben: Während er bisher in der Notschlafstelle untergebracht war, schläft der 26-Jährige seit Mitte April in einem eigenen Zimmer in der Vinzi Rast. Anfangs hätte er vor allem mit der Stille im Raum Schwierigkeiten gehabt und habe sich sogar einsam gefühlt - kein Wunder, war er doch daran gewohnt, neben vielen anderen Obdachlosen zu schlafen, von Privatsphäre war gut zweieinhalb Jahre lang keine Rede. "Aber jetzt liebe ich die Ruhe. Wenn es mir zu still wird, öffne ich das Fenster und dann kann ich meine Leidensgenossen im Hof reden hören", freut er sich.

Befremdlicher Luxus

Auch im Internet zeigt Vinzi Gast stolz seine neue Bleibe, berichtet über erstmals selbst gekochtes Essen und lässt die Leser an seiner Freude über einen geborgten Fernseher teilhaben. Nach wie vor sei es für ihn eigenartig, zu beliebiger Uhrzeit nachhause kommen zu können ohne vor verschlossenen Türen zu stehen, auch dass er nun genügend Platz für seine Besitztümer habe, wäre noch gewöhnungsbedürftig. Aus alter Gewohnheit ziehe es ihn oftmals immer noch nach draußen ins Freie.

Die Arbeit, ohne die diese Veränderungen nicht zustande gekommen wären, sei für ihn "lebensessenziell". Sie sichere nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern halte ihn auch aktiv und in Bewegung. Bei der Suche nach einem Arbeitsplatz wurde Vinzi Gast von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern der Vinzi Rast, von Beratungsstellen und Sozialarbeitern unterstützt. Trotzdem weiß er, dass obdachlose Menschen nicht nur der Vorurteile wegen große Schwierigkeiten haben, den Schritt zurück in die Arbeitswelt zu schaffen: "Da spielt die Psyche eine ganz wichtige Rolle. Man muss mit Menschen, die auf der Straße mit Diskriminierung, Unterdrückung und Spott zu kämpfen hatten, mit viel Verständnis und Mitgefühl umgehen", weiß er. Für seine eigene Zukunft will Vinzi Gast vorerst keine großen Pläne anstellen -zu oft musste er in den vergangenen Jahren Enttäuschungen verarbeiten und Schwierigkeiten überwinden. "Ich gebe einfach jeden Tag mein Bestes und hoffe, dass sich meine Vorstellung vom Leben eines Tages verwirklichen wird", meint er. Einen Wunsch gesteht er sich aber doch zu, nämlich eines Tages aktiv zur "Harmonisierung und sozialen Entwicklung unserer Gesellschaft" beitragen zu können und anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen.

Es ist morgen in Wien. Die ersten Sonnenstrahlen wecken den 23-Jährigen. Er hat wieder eine Nacht im Freien überstanden. Langsam räumt er seinen Schlafplatz und packt seine wenigen Habseligkeiten ein, bevor er mit den abwertenden Blicken der ersten Menschen, die sich auf den Weg in die Arbeit machen, konfrontiert wird. Dann geht er los in Richtung Vinzi Rast im 12. Bezirk, wo er bald ein Frühstück bekommen wird.

Mit Anfang 20 machte sich der Mann selbstständig und bezog anfangs ein relativ gutes Gehalt. Langsam wurde sein Lebensstil immer ausschweifender, Partys und spontane Reisen wurden zur Gewohnheit. So ebnete sich der Weg in die Obdachlosigkeit: Schulden habe er immer wieder zur Seite geschoben, wodurch sie langsam zu einer Summe anwuchsen, die er nicht mehr begleichen konnte. Immer mehr Besitztümer mussten schließlich verkauft werden. Das letzte, das der damals 23-Jährige aufgeben musste, war seine Wohnung.

In der Gesellschaftslosigkeit

Mittlerweile ist der Mann, der "Vinzi Gast" genannt werden will, 26 Jahre alt und blickt auf zweieinhalb Jahre Obdachlosigkeit zurück. "Zu Beginn dachte ich, dass es nur momentan eine schwere Phase sei. Nach etwa sechs Tagen fing dann aber der tägliche Kampf ums Überleben an", erklärt er. Dazu gehörte die Suche nach einem Schlafplatz, Essen und Gewand. Ein ganzes Jahr lang verbringt der HAK-Absolvent dem Wetter ausgeliefert auf der Straße, bekam Krankheit und Mangelernährung am eigenen Leib zu spüren und musste mit den Blicken der Passanten leben. "Ich bewegte mich auf einer zerstörerischen und verwüstenden Abwärtsspirale. Dann fand ich die Vinzi Rast, und ab diesem Zeitpunkt ging es aufwärts", erzählt er. Langsam gewöhnte er sich daran, wieder in einem Bett zu schlafen, täglich zu duschen und regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Die wichtigsten "Spenden" waren aber nicht materieller Natur: "Ich bin dort als Gast betrachtet worden, und man hat mich mit viel Respekt behandelt. Alleine die Worte 'bitte' und 'danke schön' haben dazu beigetragen, dass sich mein zerstörtes Selbstbewusstsein langsam erholt hat. Ich konnte mit neuer Kraft mein Leben langsam wieder aufbauen."

In Zusammenarbeit mit einem österreichischen Mobilfunkanbieter begann Vinzi Gast im Dezember des vergangenen Jahres, seinen Alltag als Obdachloser via Facebook zu schildern. "Ich wollte dazu beitragen, dass solche Menschen nicht länger von einer Mauer aus Vorurteilen umgeben sind und zeigen, dass auch Obdachlose Persönlichkeiten sind", meint er. Seine Initiative wird sofort angenommen: 6215 Personen folgen seinen Einträgen derzeit. Sie sind nicht nur stumme Teilhaber seines Lebens, sondern bieten ihm Ratschläge und Sachspenden an, kommentieren seine Beiträge und unterstützen ihn virtuell durch anerkennende Worte. Neben unzähligen Fotos der ehrenamtlichen Mitarbeiter, bei denen er sich immer wieder bedankt, schreibt Vinzi Gast oft über lange Spaziergänge durch die Stadt, sowie Besuche in der Kirche und der Bücherei.

Arbeitsplatz als Neueinstieg

Letztere sucht er vor allem auf, um den freien Internetzugang für das Verfassen von Bewerbungen zu nutzen. Von diesen sollte er eine ganze Menge schreiben, bevor er erstmals zum Probearbeiten in ein Restaurant eingeladen wird. Am zweiten Arbeitstag folgt jedoch der erste Rückschlag: "Nachdem der Geschäftsführer mit dem Küchenchef gesprochen hatte, sagte er mir, dass ich 'aufgrund meiner derzeitigen Lage' und 'zum Wohle aller' nicht aufgenommen werde". Also lässt sich Vinzi Gast weiterhin beim AMS beraten, neue Bewerbungen werden geschrieben und versendet. Den Wendepunkt in seinem Leben als Obdach-und Arbeitsloser hat er jedoch letztendlich seinen authentischen Einträgen im Internet zu verdanken: Die Ehefrau eines Bäckerei-Managers verfolgte seine Schilderungen und lud ihn zu einem Gespräch ein. "Wir haben uns dann getroffen und weil der Manager meinte, dass meine vielen Bemühungen belohnt werden sollen, gab er mir eine Chance", erzählt er.

Seit 17. Februar ist Vinzi Gast in eben dieser Bäckerei beschäftigt und sichtlich zufrieden. Seit er einer regelmäßigen Arbeit nachgeht, sei er wieder glücklich: "Ich wusste, dass ich etwas Nützliches mache und spürte, dass ich am richtigen Weg bin", sagt er. Mittlerweile hat sich beim ehemaligen Obdachlosen eine Arbeitsroutine eingestellt: Ist er für die Frühschicht eingeteilt, steht er um 4 Uhr früh auf und beginnt seine Arbeit um 5:30 Uhr, die Mittagsschicht startet um 12:30 Uhr. In der Bäckerei schlichtet er Waren, verpackt diese, bereitet Kaffee zu und kassiert. Eine Veränderung hat sich auch in seiner Wohnsituation ergeben: Während er bisher in der Notschlafstelle untergebracht war, schläft der 26-Jährige seit Mitte April in einem eigenen Zimmer in der Vinzi Rast. Anfangs hätte er vor allem mit der Stille im Raum Schwierigkeiten gehabt und habe sich sogar einsam gefühlt - kein Wunder, war er doch daran gewohnt, neben vielen anderen Obdachlosen zu schlafen, von Privatsphäre war gut zweieinhalb Jahre lang keine Rede. "Aber jetzt liebe ich die Ruhe. Wenn es mir zu still wird, öffne ich das Fenster und dann kann ich meine Leidensgenossen im Hof reden hören", freut er sich.

Befremdlicher Luxus

Auch im Internet zeigt Vinzi Gast stolz seine neue Bleibe, berichtet über erstmals selbst gekochtes Essen und lässt die Leser an seiner Freude über einen geborgten Fernseher teilhaben. Nach wie vor sei es für ihn eigenartig, zu beliebiger Uhrzeit nachhause kommen zu können ohne vor verschlossenen Türen zu stehen, auch dass er nun genügend Platz für seine Besitztümer habe, wäre noch gewöhnungsbedürftig. Aus alter Gewohnheit ziehe es ihn oftmals immer noch nach draußen ins Freie.

Die Arbeit, ohne die diese Veränderungen nicht zustande gekommen wären, sei für ihn "lebensessenziell". Sie sichere nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern halte ihn auch aktiv und in Bewegung. Bei der Suche nach einem Arbeitsplatz wurde Vinzi Gast von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern der Vinzi Rast, von Beratungsstellen und Sozialarbeitern unterstützt. Trotzdem weiß er, dass obdachlose Menschen nicht nur der Vorurteile wegen große Schwierigkeiten haben, den Schritt zurück in die Arbeitswelt zu schaffen: "Da spielt die Psyche eine ganz wichtige Rolle. Man muss mit Menschen, die auf der Straße mit Diskriminierung, Unterdrückung und Spott zu kämpfen hatten, mit viel Verständnis und Mitgefühl umgehen", weiß er. Für seine eigene Zukunft will Vinzi Gast vorerst keine großen Pläne anstellen -zu oft musste er in den vergangenen Jahren Enttäuschungen verarbeiten und Schwierigkeiten überwinden. "Ich gebe einfach jeden Tag mein Bestes und hoffe, dass sich meine Vorstellung vom Leben eines Tages verwirklichen wird", meint er. Einen Wunsch gesteht er sich aber doch zu, nämlich eines Tages aktiv zur "Harmonisierung und sozialen Entwicklung unserer Gesellschaft" beitragen zu können und anderen Menschen in schwierigen Situationen zu helfen.