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Feuilleton

Auto-Alltag in Wien

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Technische Museum zeigt Vorgeschichte und Konsequenzen der Massenmotorisierung.

Kaum ein Phänomen hat die Stadt in den letzten 100 Jahren mehr verändert als das Auto. Der Straßenraum büßte seine Funktion als Aufenthalts-und Spielraum ein und wurde zum reinen Verkehrsraum. Gehsteige und Vorgärten mussten Straßenflächen weichen. Und nicht zuletzt war und ist der Individualverkehr verantwortlich für das Ausufern der Stadt in die Peripherie. Die Ausstellung Spurwechsel im Technischen Museum Wien führt diese Entwicklungen am Beispiel Wiens vor Augen. Die Schau präsentiert keine Technikgeschichte des Automobils, sondern urbane Verkehrsgeschichte, wenn man so will: die Konfliktgeschichte rund um eine technische Errungenschaft, die maßgeblich den Alltag der Menschen beeinflusst.

Von Anfang an stand das Auto als Verursacher von Lärm, Gestank und Staub in der Kritik. Die von vermummten Automobilisten chauffierten Fahrzeuge wurden als Fremdkörper erlebt, die mit ungewohnter Geschwindigkeit in die vertraute Umgebung eindrangen. Die Stadt ersticke im Verkehr, hieß es um 1910, als gerade einmal 4000 Autos in Wien unterwegs waren. Der Erste Weltkrieg jedoch, in dem Lastkraftwagen massenhaft zum Transport eingesetzt wurden, brachte einen Gewöhnungseffekt, außerdem standen nach dem Krieg die übrig gebliebenen Lastwagen billig zum Verkauf an. So wurde das Luxusgut Auto zu einem Berufs-und Nutzfahrzeug. Doch noch war der Besitz eines eigenen Autos für die meisten nahezu undenkbar. Trotzdem wurden die realen und mentalen Weichen für die spätere Massenmotorisierung bereits in der Zwischenkriegszeit gestellt.

Die Deutsche Wehrmacht wurde schließlich zur Fahrschule für Hunderttausende junge Österreicher, die im Krieg erstmals die Gelegenheit bekamen, ein Kraftfahrzeug zu lenken. Noch vor der 1955 einsetzenden Massenmotorisierung herrschte Konsens darüber, dass bei allen stadtplanerischen Unternehmungen der Autoverkehr oberste Priorität hatte. Das Leitbild war die autogerechte Stadt. Wertvolle Bausubstanz, etwa die barocke Rauchfangkehrerkirche, sowie Straßenbahnlinien wurden der Flüssigkeit des Verkehrs geopfert, Fußgänger wurden in unterirdische Passagen verbannt. In den 1960er Jahren ging die Anzahl der Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel deutlich zurück. Projekte wie eine Stadtautobahn im Wiental, die den Naschmarkt verdrängt hätte, blieben zum Glück unrealisiert, so dass Wien eine vergleichsweise menschengerechte Stadt blieb.

Mitte der 1970er Jahre kam die Trendwende. Immer mehr Menschen wollten die negativen Auswirkungen des Autoverkehrs nicht mehr hinnehmen. Fußgängerzonen wurden eingerichtet, später kamen verkehrsberuhigende Maßnahmen hinzu, wie Tempo-30-Zonen, der (Wieder-) Ausbau von Gehsteigen sowie die Aufstellung von Blumentrögen und Pollern. Und von den vier großen unterirdischen Wiener Fußgängerpassagen wurde eine in einen Tanzclub umgewandelt, eine zweite harrt ihrer Stilllegung.

Dennoch ist das Auto alles andere als eine bedrohte Spezies. Zu viele Pendler sind auf das Auto angewiesen, zu sehr hat sich das Auto als fahrende Einkaufstasche und als Rückzugsraum etabliert.

Spurwechsel

Wien lernt Auto fahren

Technisches Museum Wien

Mariahilfer Straße 212, 1140 Wien

www.tmw.at

Bis 28. 2. 2007 Mo-Fr 9-18 Uhr,

Sa, So 10-18 Uhr