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Wenig Zaster für kaltes Pflaster

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Nach den turbulenten Experimenten vergangener Jahre sucht die Grazer Verkehrspolitik eine neue Orientierung.(Mehr zum Thema Graz siehe Steiermark-Dossier auf den Seiten 13 bis 17)

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Nach den turbulenten Experimenten vergangener Jahre sucht die Grazer Verkehrspolitik eine neue Orientierung.(Mehr zum Thema Graz siehe Steiermark-Dossier auf den Seiten 13 bis 17)

Die heißen Tempo-30-Debatten sind verstummt, die Parkplatzbewirtschaftung ist zur Routine geworden und auch die Ideologieschlacht zwischen Auto- und Radfahrern gönnt sich eine Pause. Graz, zweitgrößte Stadt des Landes und lange Jahre bekannt als experimentierfreudiges Labor für kreative Verkehrslösungen, ist heute längst kein heißes Pflaster mehr in Sachen Verkehr.

Vorbei sind die wilden siebziger Jahre, als die Grazer gegen eine geplante Stadtautobahn so massiv zu Feld zogen, daß der ansonsten beliebte Bürgermeister Gustav Scherbaum den Hut nehmen mußte. Vorbei ist auch die Phase des Aufbruchs in den achtziger Jahren, als die Stadt an der Mur mit ihrem Radwegenetz Furore machte und die "Alternative Liste Graz" als bundesweit erste Grün-Partei mit gleich vier Mandaten in den Gemeinderat stürmte.

Vorbei ist schließlich die Zeit des Vordenkers Erich Edegger, jenes ÖVP-Verkehrsstadtrates, dessen Konzept "Platz für Menschen" erstmals eine konsequente Bevorrangung der sanften Verkehrsformen gegenüber dem motorisierten Individualverkehr bedeutete. Edegger zog sich den Zorn der Autofahrer zu, dennoch baute er unbekümmert die Fußgängerzonen aus, ließ Radfahrer gegen die Einbahn strampeln, verdichtete den Straßenbahntakt und rückte dem Moloch Auto tatkräftig mit Betonpollern und Verkehrsinseln zu Leibe.

Seit der Reformer 1992 überraschend verstarb, ist rund um den Uhrturm vieles anders geworden. Im Gemeinderat sitzt jetzt auch die Autofahrerpartei, Radwege und Park-and-Ride-Modelle liegen im Dornröschenschlaf und am Stadtrand wuchern unkontrolliert moderne Einkaufszentren mit Hang zum Größenwahn. Die "sanfte Mobilität" wurde zum Feindbild, das Grazer Verkehrsressort wurde der ÖVP entzogen und zwischen FPÖ und SPÖ aufgeteilt. Daß ein neuer, energischer Anlauf inzwischen überfällig ist, leugnet auch FP-Stadtrat Franz Josel nicht. Der neue Referent für die übergeordnete Verkehrsplanung steht vor einem Berg von Problemen: Im Osten und Süden der Stadt gibt es gefürchtete Stauzonen, weil Wohngebiete ohne Verkehrsanbindung aus dem Boden schießen.

Das Netz der Gürtelstraßen ist mehr als lückenhaft, Parkplätze und Leitsysteme fehlen, die Innenstadt stirbt in rasantem Tempo aus. Allein in den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung der Grazer City von 8.000 auf 4.000 Menschen geschrumpft. Und dem öffentlichen Verkehr gebricht es nach wie vor an Effizienz und Akzeptanz - trotz Milliardeninvestitionen wie etwa bei der hochmodernen Verkehrsdrehscheibe Jakominiplatz.

Andererseits türmen sich auf Josels Tisch die Ausbauwünsche der unterschiedlichsten Lobbies. Allein zwei verschiedene Vorschläge zur Erweiterung des Straßenbahnnetzes werden gefordert, dazu Straßenbauten, Garagen, Park-and-Ride-Plätze und last not least neue Radwege - ein Wunschzettel an das Christkind, den niemand realisieren kann. Obwohl die im letzten Wahlkampf versprochene Stadt- und Regionalbahn zur Anbindung der Umlandgemeinden gar nicht mitgerechnet ist, käme dieses Programm auf Kosten von 2,6 Milliarden Schilling.

Die Diskrepanz zwischen Wollen und Können hat phasenweise äußerst peinliche Folgen: So wurden 5,4 Hektar an Vorbehaltsflächen für Park-and-Ride-Systeme reserviert, die jetzt wieder an ihre Eigentümer zurückfallen, weil die Stadt das nötige Geld nicht aufbringt. "Wir müssen endlich wieder den Bezug zur Realität herstellen", fordert Josel. Er versichert zwar, daß sich das Tempo-30-Konzept Edeggers "im großen und ganzen bewährt" habe und daran "nicht gerüttelt" werde. Ansonsten aber hängt das Herz des Planungsstadtrates am Ausbau des hochrangigen Straßennetzes. Die umstrittene "Nordspange" in Graz-Andritz ist bereits in Bau, dazu soll möglichst bald der "Dritte Südgürtel" kommen, für den man im Flächenwidmungsplan bereits Vorbehaltsflächen ausgewiesen hat.

Tempo 30 bewährt Um das Netz an Gürtelstraßen zu schließen, wäre freilich auch im Südosten der Stadt eine Lösung nötig. Dort hat man hochrangige Straßen einst verhindert, dann wurde alles hemmungslos zugebaut. Heute herrscht im Stadtteil St. Peter täglich das programmierte Chaos. Dazu Josel: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß man durch dieses Siedlungsgebiet irgendeine Straße baut. Wahrscheinlich müßte man eine Tunnelröhre quer durch das ganze Hügelland ziehen." Daß Bund und Land für derartige Pläne Geld bereitstellen, glaubt allerdings nicht einmal der Referent: "Ich erwarte mir in nächster Zeit nur punktuelle Verbesserungen, aber keinen großen Wurf."

Dieses Credo gilt noch stärker für den öffentlichen Verkehr. Wünsche nach neuen Straßenbahnen quittiert Josel mit einer simplen Rechnung: Ein Kilometer Straßenbahn kostet 40 bis 80 Millionen Schilling, während etwa eine Bushaltestelle bereits um lumpige 50.000 Schilling wohlfeil ist. Folglich sind neue Buslinien das Höchste der Gefühle.

Das aktuellste Projekt: Zu Jahresanfang 1999 geht die "Tangentiallinie Graz-West" in Betrieb, welche die Stadtteile Eggenberg, Wetzelsdorf, Straßgang und Puntigam miteinander verbindet.

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