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Eroberungen im Grünraum

Die Bürger der Metropolen erobern alte Industrie- und Verkehrsflächen als Felder für Natur- und Gesellschaftsexperimente zurück. Eine neue Kommunalpolitik entsteht. Reportage aus Berlin.

An einem schönen Mai-Tag dieses Jahres drängt sich viel Publikum in einer frisch herausgeputzten Grünanlage an der Spree, unweit des Schlosses Charlottenburg. Die Österreich-Werbung in Berlin bewirbt etwas, das selbst smartesten PR-Leuten noch nicht eingefallen ist. Nahezu alles im Leben wird bereits als Folie für Product Placement verwendet, eines bisher nicht: Ein Park.

Und so gibt es seit ein paar Monaten in Berlin den Österreich-Park, für den die Österreich-Werbung die Patenschaft übernommen hat. Zur Eröffnung werden an Ständen Steckerlfisch, Bergkäse und Linzer Torte angeboten, Burgenland-Tücher im Blaudruck wehen zwischen den Bäumen. Zum Rasten hat man die Wahl zwischen rustikalen Salzburger Almbänken oder der einer Donauwelle nachempfundenen Oberösterreich-Liege am Wasser, zu der eine Allee junger steirischer Apfelzierbäume führt.

Themenparks scheinen in Berlin in Mode zu kommen. Teilweise gibt es sie schon länger: Den Mauerpark an der ehemaligen Trennlinie zweier städtischer Hemisphären, oder die Gärten der Welt, noch aus Ostberliner Zeit stammend, wo sich von einer Gartenlandschaft in die nächste schlendern lässt: Von Italien nach Korea, von China in den Orient. Zuletzt ist ein "christlicher Garten“ als weiterer Park im Park dazu gekommen. Den Gärten der Welt steht der Britzer Garten, Überbleibsel einer Gartenschau, im alten Westteil gegenüber.

Kürzlich ist das riesige Areal des insgesamt 340 Hektar großen Flughafens Tempelhof in dem an Grün ohnehin nicht armen Berlin hinzugekommen. Während die Verantwortlichen der Stadt noch überlegten, was mit der enormen Fläche - vergleichbar mit der Größe des New Yorker Central Parks - mitten in der Stadt nun eigentlich geschehen solle, hatten es sich die Berliner Bürger blitzartig angeeignet: Obwohl es so gut wie keinerlei Infrastruktur und auch keinerlei Schatten weit und breit auf der nun flugzeuglosen Weite gibt, war in den ersten vier Monaten nach der Öffnung des Areals bereits über eine Million Besucher da. Auf den kilometerlangen früheren Rollwegen joggen, radeln oder skaten sie, auf der Wiese vor dem Flughafengebäude versuchen Kitesurfer mit Unterstützung des Windes die Bodenhaftung abzuschütteln.

Afrikanische Familien bereiten ein großes Grillfest vor, arabische Frauen aus dem an Parks armen angrenzenden Nachbarbezirk Neukölln haben Urban Gardening für sich entdeckt. Parzellen in der Größe von Friedhofsgräbern wurden geschaffen, Holzlatten begrenzen dort kleine Erdhügel, auf denen Paradeiser und Petersilie gezogen werden. Modernes Schrebergärtnern ohne Zaun und Hecke. Almende-Kontor nennt die stadteigene Grün Berlin-Gesellschaft das Projekt, das auf eine der zahlreichen Anwohnerideen zurückgeht und dem nun eines von drei Zwischennutzerfelder für drei Jahre zugesprochen wurde.

Bürgerliche Zwischennutzung

Zwischennutzung nennt die Stadt die spontane Inbesitznahme öffentlichen Raums durch ihre Bewohner, was seinen Ursprung in den Hausbesetzungen hat. Am todgeweihten Palast der Republik war das besonders gut zu beobachten gewesen, als das Kulturprogramm für seine Erhaltung gewaltigen Zuspruch gefunden hatte. Doch letztlich war diese Abstimmung mit den Füßen vergeblich, denn die Politiker hatten beschlossen, ihn abzureißen. In Tempelhof hingegen zog die Stadt Berlin nach und nannte das Feld in der Stadt "Tempelhofer Freiheit“. Sie reservierte Zonen zum Grillen, schuf Baseballplätze, zäunte Gebiete ein, wo Brachpieper, Grauammer und Feldlerche, von ohrenbetäubendem Fluglärm abgesehen, bisher ungestört im hohen Gras nisten konnten. Hundeareale und Informationstafeln wurden geschaffen. Planungen sahen das Feld als Ort der Internationalen Gartenausstellung 2017 (IGA) vor. Zaghaft wurde Randbebauung geplant, doch das wollen die Anwohner nicht, die fürchten, dass dann auch die Preise fürs Wohnen in ihren Straßen ansteigen werden. Die Stadt schrieb einen Wettbewerb für die Nachnutzung des Flugfeldes aus, der Gewinner präsentierte Ideen von einem künstlichen Felsen bis zum Eislaufplatz. Doch die Bevölkerung verwarf all dies, sie wollen das Tempelhofer Feld, wie es ist: Berlinerisch, nämlich unkompliziert, ein wenig ungepflegt, aber offen für alles, ohne unnötigen Firlefanz.

Wo auf der 2,3 Kilometer langen Start- und Landebahn dann eben auch solche Dinge Platz haben wie am Tag vor der Eröffnung des Österreich-Parks, als die "urbane Symphonie Airfield Broadcast“ der New Yorker Komponistin Lisa Beilawa zur Aufführung gelangte. Im Herbst sollen 1000 Musiker Ähnliches in einem Park von San Francisco produzieren. Hier in Berlin fanden sich 100 Musiker zusammen, vom Chor der John F. Kennedy School über das Berliner Alphornorchester und das Jugendjazzorchester Sachsen bis zu den Original Wandlitzer Musikanten.

Sie alle musizierten erst gemeinsam auf einem Platz in der Mitte der ehemaligen Startbahn und verteilten sich dann im Areal, mit ihren Instrumenten stets korrespondierend. Allerdings vertrieb der Wind viele Töne und ließ Raumwirkung und akustischen Zusammenhalt der Choreografie bald im Freizeitlärm untergehen. Und da nirgends auf dem Tempelhofer Feld die Performance angekündigt war, wunderten sich am Handy telefonierende Rollschuhfahrer über die entgegenkommenden Musikgruppen, und Kinder fuhren den Teilnehmern mit ihren Dreirädern vor die Füße.

Die Welt als Garten und Drehscheibe

Mittlerweile ist die Stadt von der Absicht zu größeren Eingriffen in Tempelhof abgerückt und möchte nur mehr behutsam verändern. Die IGA wird auch nicht mehr hier, sondern in den Gärten der Welt stattfinden.

Der jüngste Themenpark unter der Obhut von Grün Berlin ist der eben erst eröffnete Park auf dem Gleisdreieck. Als man den nahen Potsdamer Platz zu bebauen begann, war das Gebiet unter den U-Bahnbrücken Lagerplatz für Materialien. Diese frühere Brache war aus den beiden für Berlin üblichen Gründen dazu geworden: Die unmittelbare Nähe zum Mauerstreifen und die Stilllegung eines Rangierbahnhofs.

Der ist auch zum Thema geworden: Gleise ziehen sich durch die Wiesen, aus der Milchladerampe ist ein Lokal geworden. Mehr davon bietet der Natur-Park Schöneberger Südgelände, südlich davon: im Wäldchen steht eine Dampflok unweit eines Wasserturms. Eine Drehscheibe wird mitunter in Bewegung gesetzt. In beiden Parks gilt es seltene Pflanzen zu berücksichtigen: Denn jahrzehntelang war dieses Areal entlang der Anhalter Bahn ungenützt. An den Zügen von weither reisten fremde Samen und Kleintiere mit, die auch hier zu Boden fielen, sich aber anders als anderswo ungestört entwickeln konnten. Auch im neuen Park am Gleisdreieck gibt es einen Garten im Garten, der weiter gepflegt wird: Den interkulturellen Rosenduftgarten, der in den 1990ern traumatisierten Flüchtlingen der Bürgerkriege auf dem Balkan die Gelegenheit bot, in der Erde zu graben, anzubauen, Lebendiges zu schaffen. Das machen Einheimische und Migranten dort auch heute noch.

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