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Schöne neue Erlebniswelt

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Im Süden Wiens ist die Wirtschaftswelt noch heil. Dort tobt sich ungebremste Investitionsfreude aus. Ödes Grünland wird endlich nutzbringender Verwendung zugeführt.

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Im Süden Wiens ist die Wirtschaftswelt noch heil. Dort tobt sich ungebremste Investitionsfreude aus. Ödes Grünland wird endlich nutzbringender Verwendung zugeführt.

Wiener Neudorf ist drauf und dran, einen großen Coup zu landen: Die „Shopping City Süd” wirft ein begehrliches Auge auf eine große Grünfläche südlich des Kinkaufseldorados. Nicht eine Erweiterung der Verkaufsfläche steht auf dem Programm, sondern ein innovatives Produkt wird dem Süden Wiens beschert: eine Erlebniswelt, „Ultrapohs 3000”.

Eine asiatische Sage liefert das Konzept für die in Aussicht genommene künstliche Welt. Diese internationale Attraktion - man will sie weltweit bewerben - soll zur Pflichtübung für jeden Wientouristen werden. Genaueres über das Angebot weiß man zwar noch nicht, aber die harten Wirtschaftsdaten des Projekts sprechen für sich: vier Millionen Besucher pro Jahr, ein 1.000-Betten-Ho-tel, 45 Meter hoch, 2.000 neue Arbeitsplätze. Eine Gruppe von Investoren rund um Ex-UNO-Generalsekretär Perez de Cuel-lar und den Sultan von Brunei will sechs bis sieben Milliarden Schilling lockermachen.

Aber nicht nur Wiener Neudorf soll sich mit einem Unterhaltungsmekka schmücken dürfen. In Ebreichsdorf, etwas weiter südlich im Wiener Becken gelegen, forciert der Milliardär Frank Stronach ein ähnliches Projekt, den „Vienna Globe Besort Park”. Vergnügen auf 250 Hektar sind angesagt: Pferderennbahnen, künstliche Teiche, Stallungen für 800 Pferde und vor allem eine 140 Meter hohe Kugel (Durchmesser 120 Meter) mit Bestaurants, einem Aquarium-Marineland, Messeflächen, einem Theater für 1.400 Personen, Kinos für 1.200 Personen und einem Unterhaltungszentrum zum Thema „Zivilisation der Menschheit”. All das soll 28.000 Personen pro Tag anlocken.

Vergessen sind die Vorsätze, die man in Baumordnungsplänen findet und in politischen Festtagsreden zu hören bekommt, vergessen Niederösterreichs Vorreiterrolle in der Dorferneuerung. Da werden zwar sanfter Tourismus, Kampf der Zersiedelung, Aufwertung des Ortsbildes, Besinnung auf kulturelle Eigenart propagiert. Aber kaum winken die Milliarden, treten die hehren Ziele in den Hintergrund.

So liegt etwa das Stronach-Projekt zum Teil auf dem Gebiet der „Welschen Halten”, für die ein Naturdenkmalverfahren eingeleitet worden war. In weiser Voraussicht gelingt es der zuständigen Bezirkshauptmannschaft den Bescheid so zu gestalten, daß Naturschutz und Projekt friedlich koexistieren können. Unwillkürlich erinnert man sich an das Naturschutzverfahren für den Bau des Kraftwerks Hainburg.

„Naturschutz geht nicht ohne Verzicht”, heißt es in „Zukunft konkret” (Herausgeber Erwin Pröll). Und: „Zum Schutz unserer Natur sowie zur Erhaltung unserer Kulturlandschaft sind der zügellose Landschaftsverbrauch und die Zersiedelung sowie Zerschneidung von Lebensräumen zu verhindern.”

Ob Ultrapolis 3000 und Stro-nach-Kugel wesentlich zur Verwirklichung dieser Gedanken beitragen werden? Man bedenke: Der Baum südlich von Wien ist jetzt schon total zersiedelt, vom Verkehr überlastet (140.000 Kfz pro Tag auf der Südautobahn in Vösendorf), vom Verkehrslärm erfüllt, von Abgas- und Ozonproblemen heimgesucht.

Die Bürger stehen den Großprojekten eher ablehnend gegenüber. In Wiener Neudorf ergab eine Volksbefragung, bei der es um die Verbauung der Gründe ging, bei 1 öprozentiger Beteiligung eine 94prozentige Ablehnung. Nicht repräsentativ, meint der Gemeinderat, der im zuständigen Ausschuß für das Projekt votiert und im Dezember dafür grünes Licht geben will.

Die weitere Entwicklung scheint vorgezeichnet: Die Gemeinde handelt im vorauseilenden Gehorsam, macht sich das Projekt zu eigen, bevor es noch halbwegs einschätzbar ist. Dann wird massiv und einseitig auf die Bevölkerung eingewirkt. Projektgegner werden als engstirnig, fortschrittsfeindlich und-falsch informiert dargestellt ...

Warum dieses immer wiederkehrende Szenario? Weil die privatwirtschaftlichen Interessen heute die Welt regieren. Wer mit Milliarden winkt, hat im Zeitalter wachsender Arbeitslosigkeit alle Argumente auf seiner Seite - auch wenn weit und breit kein Bedarf nach der in Aussicht gestellten Wohltat besteht.

Ehrlich gesagt: Braucht Wien diese gigantischen Erlebniswelten? Nein, Wien ist auch so attraktiv genug. Aber anderswo entstehen doch auch Erlebniswelten: „Euro-Disney und „Futuroscope” in Frankreich, „Movie World” in

Deutschland, „Borna vetus” in Italien! Es wird schon gelingen, die Nachfrage zu schaffen. Und: Der Freizeitsektor wird zum Hoffnungsgebiet der Wirtschaft.

Tatsächlich stößt man beim materiellen Konsum langsam an Grenzen: Kleider, Häuser, Autos, Badewannen und Südfrüchte - irgendwann einmal gibt es da eine Sättigung.

Aber im Freizeitbereich, da ist noch viel zu holen. Das hat die Wirtschaft längst entdeckt. Sie malt uns Traumwelten an die Wand, in denen ihre Produkte; die Staffage abgeben. Warum sollte sie nicht auch solche Traumwelten bauen? Als Abwechslung zum grauen, sinnlosen Alltag?

Schon seit längerem wird die Freizeit wirtschaftlich okkupiert. „Shopping macht hap-py”, ist die Devise einer Gesellschaft, in der die Menschen zu süchtigen Abnehmern in der Konsummaschinerie konditioniert werden: „Ich will alles, und das sofort”, „Täglich alles”, „Fit for fun”. Wallfahrten zu den Einkaufstempeln als Feiertagsvergnügen. Alles inklusive. In der Erlebniswelt wird für den Spaß gesorgt. Konsum total.

Erfolgreiche Beiseveranstal-ter verfolgen das Bezept seit langem: Von früh bis spät eingespannt in betreute Aktivitäten (Sport, Tanz, Spiel, Besichtigung) und vor allem Essen und Trinken. Schlaraffenland perfekt

In den neuen Erlebniswelten läßt sich all das noch überbieten. Die Elektronik macht es möglich: Erlebnis total aus dem Computer, alles „artificial”. Da kann man den wirklichen „Kick” bieten, das Erlebnis, das die ganze Person gefangennimmt. Im Cyberspace zeichnet sich der totale Zugriff auf die Erlebnisfähigkeit ab, die einsame Befriedigung aller Bedürfnisse durch die Maschine vom Cybersex über das Abenteuer im Flugsimulator zum Hauseinsturz durch Erdbeben - alles hautnah zu erleben.

Die Logik des Wirtschaftens treibt uns in Bichtung Erlebniswelten. Werden wir den Milliardenverlockungen widerstehen können?

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