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Sanfte Mobilität

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Verkehr Ist ein wichtiges -wenn nicht überhaupt das zentrale - Problem praktisch alier Städte. Denn die autogerechte Stadt der Sechziger hat sich als Schnellstraße In den Kollaps erwiesen. Und der Versuch gegenzusteuem, läuft oft auf einen Kampf zwischen Auto, Bim, Bus, Rad und Fußgänger hinaus.- Graz versucht, einen anderen Weg zu gehen.

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Verkehr Ist ein wichtiges -wenn nicht überhaupt das zentrale - Problem praktisch alier Städte. Denn die autogerechte Stadt der Sechziger hat sich als Schnellstraße In den Kollaps erwiesen. Und der Versuch gegenzusteuem, läuft oft auf einen Kampf zwischen Auto, Bim, Bus, Rad und Fußgänger hinaus.- Graz versucht, einen anderen Weg zu gehen.

Sanfte Mobilität" nennt sich der Schlüssel der steirischen Landeshauptstadt zur Änderung der Verkehrssituation. „Das ist unser Weg, die umweltfreundlichen Verkehrsmittel nicht nur faktisch zu bevorzugen, sondem dafür auch ein Bewußtsein zu schaffen. Ein ‘Miteinander statt Gegeneinander im Straßenverkehr’", so Vizebürgermeisterin Ruth Feldgrill.

Besonders augenfällig ist dieser Trend beim Modellversuch, Tempo 30 flächendeckend mit Ausnahme der Vorrangstraßen zu verordnen. Die begleitenden Untersuchungen zeigen nicht nur eine Abnahme von Tempo und Unfällen in den Tempo 30-Berei-chen, sondem auch in jenen

15 Prozent des Straßennetzes, in denen 85 Prozent der Verkehrsleistung erbracht werden und Tempo 50 gilt.

Einen ruhigeren, homogeneren Verkehrsfluß bestätigen die beauftragten Wissenschafter der TU Graz: 41,3 Prozent weniger Unfälle von September 1993 bis Jänner 1994 (den fünf Monaten im zweiten Jahr des Modellversuchs) als im Vergleichszeitraum 1991/92.

Und eine Senkung der Unfallzahlen auch bei Radfahrern um 34,3 Prozent. Was für Graz deshalb wichtig ist, weil hier Radfahren keine Exotendisziplin mehr ist, sondem eine allgemein geübte Fortbewegungsart. Immerhin 13 Prozent der Wege werden in Graz schon per umweltfreundlichem Zweirad erledigt, 16 sollen es im Jahr 2000 sein.

Der Weg dorthin führt über den Ausbau des Radwegenetzes von derzeit 70 auf angepeilte 200 Kilometer - bei insgesamt 850 Kilometer Straßen in Graz. Dazu kommt eine Stärkung des Fußgeherverkehrs durch das Konzept „Platz für Menschen", einer menschengerechten Aus- und Umgestaltung der Innenstadt, der Bezirkszentren und vieler Wege dazwischen. Wobei menschengerecht auch behindertengerecht heißt.

„Die Grazer Leitlinie der Sanften Mobilität nimmt Maß

an den schwächsten Ver-kehrsteilnehmem. Den Älteren, den Kindern und den Behinderten. Durch die öffentliche Diskussion, durch Öffentlichkeitsarbeit UND eine klare politische Linie hat sich in den Köpfen vieles verändert", meint dazu Feldgrill.

Das sei aber nicht Grund, stehenzubleiben, sondem nur Grund, die nächsten Schritte zu planen und zu setzen.

So startet mit 28. Februar der Verkehrsverbund für 700.000 Steirerinnen und Steirer, im Frühsommer werden die Blauen Zonen um 1.500 Stellplätze auf 9.300 erweitert, Straßenbahn- und Buslinien durch Bevon-angung an Ampeln und eigene Fahrspuren beschleunigt.

Mit den Taktfahrplänen I und II wurden darüber hinaus die Intervalle des Öffentlichen Verkehrs verdichtet und neue Buslinien eingeführt. Der Ja-kominiplatz wird umgebaut, die Linie 6 verlängert.

„Tempo 30/50 ist eine Software-Lösung. Soll heißen, daß sie schnell und einfach -weil nur sehr begrenzt durch bauliche Maßnahmen flankiert - eingeführt werden kann. Sie muß aber durch permanente Öffentlichkeitsarbeit in den Köpfen der Menschen verankert bleiben."

Auch die Parkraumbewirtschaftung ist Software, genauso wie Intervallverdichtungen und neue Buslinien. „Priorität haben jetzt aber Hardware-Lösungen. Also Verlängerung, Umlegung und Enwei-terung des Straßenbahn-Netzes."

Geplant für die nächsten zehn Jahre ist die Verlängerung einer Linie in den Osten, einer in den Süden, die Umlegung einer Linie über die Universität, eine Entlastungsstrecke für die Innenstadt und den Neubau einer Linie in den Südwesten. Gesamtkosten: Knapp 2 Milliarden.

Zusätzlich soll noch eine Stadtbahn das Grazer Umland erschließen und damit den 60.000 Einpendlem eine

Alternative zum Auto anbieten. Kosten der ersten Linie: 500 Millionen für die Infra-stmktur, 500 Millionen für das rollende Material.

Mit allen Projekten zum Ausbau des Öffentlichen Verkehrs - wobei die Bevölke-mng schon heute weitere fordert - steht die Stadt einem Investitionsvolumen von 3 Milliarden gegenüber. Einem Rahmen, den Graz weder alleine, noch in Zusammenarbeit mit dem Land Steiermark zur Verfügung stellen wird können.

Auch anderen Städten geht es nicht besser. „Deswegen ist bei der Rnanzierung auch

der Bund gefordert, sei es über eine Anhebung der Mineralölsteuer oder ein Nahverkehrsfinanzierungsgesetz.

Jedenfalls muß, wer eine Ökologisierung des Verkehrs fordert und die Bereitschaft zum Umsteigen fördert, auch die Möglichkeit zum Umsteigen anbieten. Sonst kann auch Sanfte Mobilität nur eingeschränkt greifen. Und die menschengerechte Stadt bliebe ein Schlagwort", legt Graz dem Bund den Ball auf.

Wobei bereits beschlossene Geldmittel für den Ausbau des Öffentlichen Verkehrs wirklich für diesen Zweck genützt werden müssen. Denn der für Investitionen gebundene Zuschlag zur Mineralölsteuer hat Begehrlichkeiten über die Sanfte Mobilität hinaus geweckt.

Er droht damit nicht dem umweltfreundlichen Vonwärts-kommen zu dienen. Sondem dem ländlichen Wegebau, der Abdeckung von Nebenbahnverlusten oder dem Stopfen von Budget-Löchern. Einer Entwicklung jedenfalls, der die Grazer Stadtpolitiker keinen Sinn abgewinnen können. Und daher die widmungsgemäße Verwendung dieser Gelder fordem.

Für einen Ausbau des Öffentlichen Verkehrs. Damit für sanftere Formen der Mobilität.

Dipl. Ing. Manfred Hönig

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