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Auf dem Turm der Weil

Werk und Wirken des österreichischen Pädagogen und Philosophen Alois Höfler gewinnt aus der Perspektive zeitgenössischen Denkens eine überraschende Aktualität und Bedeutung.

Betrachten wir zunächst das Schicksal dieses österreichischen Denkers und Gelehrten. Am 6. April 1853 zu Kirchdorf in Oberösterreich geboren, besuchte er die Volksschule und hierauf das Piaristengymnasium in Wien, studiert an der Universität in Wien Mathematik, Physik und Philosophie. In der Mittelschule ist Ludwig Boltzmann sein Lehrer und Hasen-öhrl sein Mitschüler. 27 Jahre lang ist er als Mittelschullehrer tätig (davon 22 Jahre am Theresianum), bis er als Nachfolger Willmanns nach Prag berufen wird. Seine wissenschaftlichen Hauptwerke muß er neben der Lehrverpflichtung an der Mittelschule unter drückender Zeitnot verfassen. Für Philosophie und Pädagogik habilitiert, wirkte er seit 1907 als Ordinarius für Pädagogik an der Universität Wien bis zu seinem Tod am 26. Februar 1922.

Als Lehrer war ihm die Gabe konkret lebendiger, wahrhaft „ansprechender“ Darstellung eigen. Er versteht es, an die Wirklichkeit heranzuführen und den abstrakten Formeln und Formen konkret-lebendige Erfüllung und Durchblutung zu sichern. Dieses Bemühen war ihm mehr als ein didaktisches Anliegen. Sie entsprang seiner philosophischen Ueberzeugung, Wahrheit der Erkenntnis sei nicht in den abstrakten Formen der Begrifflichkeit zu gewinnen, sondern nur aus den konkreten, gehaltvollen Bezügen der Erkenntnis zur Wirklichkeit zu begründen. Diese aber erschließen sich grundlegend und allgemein gültig nur in der „Evidenz der inneren Wahrnehmung“, wie schon F.Brentano formulierte. Diese Evidenz meint die letzten und grundlegenden Einsichten, auf denen alle Erkenntnisse beruhen. Sie bezieht sich auf Urteile oder Sätze, deren inhaltliche Wahrheit unmittelbar (d. h. ohne Ableitung) einsichtig ist. Das Denken kann Gegenstände konstruieren, die es gar nicht gibt, dagegen gibt es unumstößlich sichere innere Erfahrungen, deren Inhalte das Denken nicht konstruieren kann — man hat sie oder hat sie nicht. Das Denken kann die Inhalte nur schlicht hinnehmen und sie in die logische Form des Urteils kleiden und so als objektiven Sinn eines Satzes zum Ausdruck bringen. Das Wesentliche ist, daß das Urteil durch seinen Inhalt notwendig über seine logische Form hinausgreift, auf etwas hin, daß innerhalb der Logik mit den Formen des reinen Denkens allein nicht zustandegebracht werden kann; dies ist der Sinn des Satzes. Das hat auch Wittgenstein erkannt. So führt der Sinn über den Satz, d. h. über die formale Logik, jedoch nicht über die Logik schlechthin hinaus, da es ja die Logik zweifellos nur mit prinzipiell sinnvollen Sätzen zu tun hat. So bildete die Evidenzlehre und insbesondere die Anschauung Flöflers mit einen entscheidenden Impuls für mich zu einer neuen Logik, zu einer Form und Inhalt zu integrierender Gestalteinheit verbindenden oder integralen Logik der konkreten Sinnformen oder logischen Gestalten.

Nicht zufällig erfolgte zu Höflers Zeit durch Ehrenfeld die Entdeckung der Gestalten in der Psychologie (auch E. Mach hat sich mit dem Gestaltproblem eingehend und positiv auseinandergesetzt) und in folgenreichen Auswirkungen, wie die Schlüsselbegriffe „Ganzheit“, „Gestalt“ und „Struktur“ beweisen, auch auf anderen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung (wie in der Soziologie, Biologie, ja auch Physik). Aber das Entscheidende liegt vielleicht nicht im Problem der Gestalt, obwohl gerade hier der Zug jüngsten Denkens zum Konkreten und Anschaulichen, den wir für Höfler schon charakteristisch verzeichneten, besonders offenbar wird. Das Entscheidende liegt in dem, was ich die Erneuerung der Theorie nennen möchte. Unter Theorie versteht man, diesem griechischen Worte gemäß, Schau oder Anschauung. Mit der „Evidenz der inneren Wahrnehmung“ wurde solche Schauoder Anschauungshaftigkeit als Struktur der Erkenntnis angesetzt. Man kann die Bedeutung dieser Auffassung nur ermessen, wenn man bedenkt, wie sehr der Charakter der reinen Anschauung, also der Theorie, nicht nur in der Erkenntnis, sondern in der gesamten Kultur und Geisteshaltung der Neuzeit abhanden kam und zu einem Dominieren abstrakter Beziehungen und Funktionalitäten, zu einer allgemeinen pragmatistischen Entartung geführt hat. Ein tiefgreifender Wandel betrifft in der neuzeitlichen Denkentwicklung die Stellung und Funktion der Idee. Bei Piaton waren die Ideen die unvergänglichen Gestalten reiner Anschauung, der Theorie, und daher der wahren Wirklichkeit. Auch Aristoteles pries das theoretische Leben der Erkennntnis als Gipfel und Blüte menschlichen Daseins. Im Mittelalter zogen führende Geister die Einsamkeit mönchischen Daseins dem praktischen Leben vor, um in der vita contemplativa beschaulichen Lebens tiefster Berührung mit der absoluten, göttlichen und eigentlichen Wirklichkeit teilhaft zu werden. Wir haben zu bedenken, daß sich schon in dem griechischen Wort Theorie die Beziehung zum Theos, zum Göttlichen, ausdrückt. Neuzeitlich wird die Idee auf die rein menschliche und rein pragmatische Beziehung reduziert, d. h. Ideen sind nicht mehr die ewigen Grundwahrheiten des Daseins, sondern die unmittelbaren, im Grunde wahrheitsindifferenten Antriebe des Handelns, also die bewußten und unbewußten Tendenzen gegenständlicher Daseinsbewältigung, in erster Linie in ökonomischen und politischen Bereichen. Die eigentliche kopernikanische Wendung neuzeitlichen Denkens besteht schon bei Kant darin, daß die Ideen ihren legitimen Ort in der theoretischen Vernunft einbüßen und in die praktische Vernunft übersiedeln, wo sie als Forderungen, als Postulate des Handelns fungieren. Mit Recht konnte daher Arnold Gehlen den neuzeitlichen Idealismus einen verkappten Pragmatismus nennen. Die Idee nimmt die Gestalt des Willens an, um extrovertiert als „Wille zur Macht“, durch Wissenschaft und Technik die Welt den menschlichen Zwecken und Zielen zu unterwerfen, zu subjizieren (äußerer Subjektivismus) oder wie im Idealismus in schöpferischer sittlicher Freiheit das innere Selbst zur Entfaltung zu bringen (innerer Subjektivismus). Alles Denken und Erkennen ist dann ursprünglich schon eine Anstrengung des Wollens als Weltwille oder Selbstwille. Philosophie als Theorie hat keinen Platz mehr in dieser faustischen Welt reinen Strebens, dominierender Praxis. Es sei denn, sie fügt sich den Mächten, wird zur Dienerin der technischen Wissenschaft wie im Positivismus oder der politischen Systematik (wie im dialektischen Materialismus). Idee wird zur Ideologie, womit sie ihre praktisch-positive Bestimmung und Funktion offen zur Schau trägt.

Nun sehen wir allerdings heute schon die Folgen dieser aufreizenden Vordringlichkeit des Willens — Schopenhauer hat den Nihilismus, der darin waltet, enthüllt. Wir haben die Folgen des Irrationalen erfahren bis zur letzten drohenden Auflösung aller substantiellen Ordnung des Daseins, die zuletzt doch nur aus der Vernunft und ursprünglich — das sollten uns die Griechen unverlierbar gelehrt haben — aus einer das Ganze umfassenden Schau, der Theorie, entspringt. So hat heute schon eine Bewegung des Denkens zur Theorie, zur Schau des Ganzen, wieder eingesetzt, eine Bewegung, die immer stärker wird, die im Denken und Leben nicht der Gewalt, sondern der Gestalt verbunden und der Anschauung zugeordnet ist und d. h. den synthetischen Gefügen im Erkennen und Handeln. Nach all den analysierenden Zer-spaltungen und Zerstückelungen der Wirklichkeit ist heute nichts nötiger als dieses integrale Denken, nach der maßlosen Vergewaltigung die einende Erfassung und Gestaltung der Welt nach den wahren Maßen und Urbildern, nach den ewigen Gesetzen und Ordnungen, die niemand ungestraft verletzen kann. Der Philosoph aber, zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, und unter ihnen der große österreichische Denker Alois Höfler, weiß seinen Platz auf dem Turme der Welt, von dem aus er das Künftige sieht, das ja immer schon Gegenwart ist.

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