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Ausstellung

Picassos Picassos

1945 1960 1980 2000 2020

Die Großausstellung "Pablo Picasso - Figur und Porträt" im Kunstforum der Bank Austria in Wien zeigt die künstlerische Entwicklung eines Genies.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Großausstellung "Pablo Picasso - Figur und Porträt" im Kunstforum der Bank Austria in Wien zeigt die künstlerische Entwicklung eines Genies.

Rund 35.000 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen hinterließ Pablo Picasso seinen Erben: große Teile des lange geschmähten Spätwerkes, aber auch frühere Arbeiten, die ihm besonders teuer und lieb waren, die er nicht aus der Hand geben wollte: Picassos Picassos (siehe auch furche 35/00). Das Kunstforum der Bank Austria in Wien zeigt nun eine Auswahl aus jenem Teil des Nachlasses, der sich heute im Besitz des Picasso-Enkels Bernard befindet - ein Konvolut von 104 Werken, das bis jetzt noch nie in dieser Geschlossenheit der Öffentlichkeit präsentiert wurde. "Picasso - Figur und Porträt" lautet der Titel der programmierten Blockbuster-Ausstellung, bei der 200.000 Besucher erwartet werden. Die Schau, obwohl sie auf eine chronologische Hängung verzichtet, erlaubt es auf eindrucksvolle Weise, die künstlerische Entwicklung eines Malergenies nachzuvollziehen, exemplarisch aufgehängt am Menschenbild.

Der Selbstmord eines befreundeten Malers wurde zum Ausgangspunkt der "Blauen Periode" Picassos, in der er sich auf blaue Farbschattierungen beschränkte ("Der Tote Casagemas", 1901). In den Jahren 1906 bis 1907 wandte er sich vom traditionellen Figurenbild ab und entwickelte den Kubismus, als dessen Begründer er - zusammen mit Georges Braque - gilt. Dabei ging es Picasso nicht mehr darum, eine bestimmte Person abzubilden, sondern zu einem Typus, einer Grundstruktur zu gelangen. "Die Erlösung des Menschen vom Willkürlichen und Zufälligen" lautete das Ziel, das er durch die Auflösung der Figur zu erreichen suchte. Frontal-, Seiten- und Rückenansicht eines Menschen werden gleichzeitig gezeigt, der Körper wird auf geometrische Grundformen zurückgeführt, die Grenzen zwischen Figur und Raum verschwinden. Schließlich sind die Porträtierten nur noch durch einzelne Charakteristika erkennbar, etwa an einer charakteristischen Haarlocke.

Auf den Kubismus folgt bei Picasso ein Klassizismus, dann eine irritierende Stilvielfalt. Ab 1929 arbeitete er an Metallskulpturen, auch in der Malerei beginnt er, Gesichter zu deformieren und Gestalten zu verzerren, immer abstrakter und reduzierter werden seine Figuren ("Frau", 1928/29).

In den Kriegsjahren, die Picasso in Paris verbringt, geraten seine Motive zusehends klaustrophobischer: Frauen mit seltsamen Hüten, schmerzhaft verdrehten Gesichtshälften und verkümmerten Armen, die zu nichts zu gebrauchen sind - gehalten in düsteren, trostlosen Farben. ("Frau mit Blumenhut", 1939/42). Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt er zum bekanntesten und bestverdienenden zeitgenössischen Künstler auf, doch in der Fachwelt gilt er schon als rückständig. Seit 1945 lasse er jeden Fortschritt gegenüber seinem früheren Schaffen vermissen, hieß es lange über sein farbenfrohes, ungemein umfangreiches Spätwerk.

Um 1960 bekam der Mythos Picasso die ersten Sprünge: Die neue Avantgarde, etwa die Vertreter der Pop Art, wählten nicht ihn, sondern Marcel Duchamp zu ihrem geistigen Vater. In einer Picasso-Ausstellung 1973, kurz nach dem Tod des Malers, sah sich ein Kritiker wegen der oftmals obszönen, mit großer Schnelligkeit gemalten Werke gar von "unzusammenhängenden Schmierereien eines besessenen Greises aus dem Vorzimmer des Todes" umgeben. Obwohl das Spätwerk ein Schwerpunkt der Ausstellung im Kunstforum ist, stellt "Der Maler und sein Modell" (1964) vom Thema und der Ausführung her das einzige gezeigte Bild der beim alten Picasso dominierenden Fixierung auf junge Frauen dar: Der Maler und ein nacktes, ihr Geschlecht entblößendes Modell.

Erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Qualitäten von Picassos Spätwerk erkannt. Dies geschah im Rahmen des (vielleicht letzten) Versuchs, der Malerei neuen Geist einzuhauchen und sie wieder als künstlerisches Leitmedium zu etablieren.

Vergeblich: In den Neunziger Jahren wurde die Relevanz der Malerei für die zeitgenössische Kunst abermals (vielleicht endgültig) in Frage gestellt und Picasso mit all seinen Bildern ein für alle Mal zu einer historischen Größe - aber was für einer, wie man sich nun in Wien überzeugen kann!

Bis 7. Jänner 2001