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Der richtige Spürsinn für atypische Meisterwerke

Sie haben etwas, was nur wenige wirklich haben: einen Spürsinn für unterschätzte, große Kunstwerke. Margit und Rolf Weinberg gehören zu den bedeutendsten Schweizer Privatsammlern. Für eine Schau im Kunstforum der Bank Austria hat sich das Ehepaar kurzfristig von seiner rund 80 Werke umfassenden Kollektion getrennt.

Einzelne Gemälde der Stiftung waren bisher in verschiedenen Ausstellungen in Paris, London, New York und Wien zu sehen. Die Qualität der gesamten Sammlung war aber bisher nur einer Gruppe von Fachleuten bekannt. Um so erfreulicher ist es, daß die ungewöhnlichen Meisterwerke nun erstmalig in Österreich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werden.

„Ich habe immer schon mit der Präsentation außergewöhnlicher Privatsammlungen einen Schwerpunkt im Programm des Kunstforums gesetzt”, meint Direktor Klaus Albrecht Schröder. Auf die Sammlung Leopold folgten die Sammlungen Drennig und Essl. Nun sorgt die Stiftung Weinberg für Überraschungen. Wer einen charakteristischen Degas mit Balletteusen erwartet, wird enttäuscht sein. Der Wieder -erkennungseffekt von einem typischen Picasso oder Cezanne bleibt dem Besucher verwehrt. Denn die Weinbergs haben ihr Auge für atypische Meisterwerke geschärft. Sie lieben das Unerwartete, Ungewohnte in einem bestimmten Bild. Dadurch begegnet einem die Kunstgeschichte oftmals aus völlig neuer Perspektive. Wo hat man schon zuvor ein menschenleeres, beinahe monochromes Gemälde von Degas gesehen? „Interieur” nennt sich das Degas-Bild, das in seiner geheimnisvollen Leere eher an ein Werk des amerikanischen Malers Edward Hopper erinnert als an ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert.

Für das Schweizer Sammlerehepaar ist Kunst kein Statussymbol. Margit und Rolf Weinberg haben zum Teil Bilder erworben, die für den Handel als schwer oder unverkäuflich gegolten haben. Die intuitive Entscheidung hat sich oft auch als kunsthistorisch bedeutend erwiesen. Einer dieser Glücksgriffe war das Matisse-Bild „Le bras”, das zur Zeit des Ankaufs als Fragment galt. Später fanden sich Studien, die den Beweis dafür lieferten, daß es sich nicht um ein zerstückeltes Gemälde handelt, sondern daß Matisse mit seinem kopflosen Frauentorso bewußt ein „offenes Kunstwerk” geschaffen hat. Er malte nur den oberen Teil eines Frauen-Oberkörpers, den Best muß der Betrachter im Geiste ergänzen. So unabgeschlossen und offen wie „Le bras” präsentiert sich die Sammlung insgesamt. Viele Bilder wirken im positiven Sinne skizzenhaft und unfertig und ermöglichen dem Betrachter unterschiedliche Lesarten. Interessant ist eine Farbskizze Pi-cassos zu „De-moiselles d' Avignon” oder Egon Schieies geradezu abstraktes Ölbild „Gewitterberg, eine seiner ersten expressionisti sehen Arbeiten aus dem Jahr 1910. Besonders beein druckt hat in seiner mysteriösen Leere Felix Valottons Gemälde „Die Theaterloge”, in dem mehr unsichtbar und verborgen als sichtbar ist.

Die Kollektion umfaßt Werke aus unterschiedlichsten Epochen und Stilen, und doch wirkt sie einheitlich und geschlossen.Gemeinsam ist allen Arbeiten ein Hang zum Konstruktiven. Der Konstruktivismus bildet zum einen den Sammlungsschwerpunkt, ist aber zum anderen auch als Grundhaltung in vielen gegenstandlichen Arbeiten zu erkennen. Diese Vorliebe geht Hand in Hand mit Margit Weinbergs eigener Forschungsarbeit. Als Absolventin der Ulmer Schule und Mitarbeiterin von Max Bill, war sie später Mitbegründerin des „Hauses für konstruktive und konkrete Kunst” in Zürich, das sie bis 1993 leitete. Sie gilt als Spezialistin für alle konstruktive Bewegungen wie Futurismus, Suprematismus oder De Stil. Dementsprechend kennerhaft hat Margit Weinberg konstruktive „Meisterwerke” von Balla, Kupka, Leger, Mondri-an, Rodtschenko, Popowa, Schlemmer, Rodtschenko, Moholy-Nagy und anderen für ihre Sammlung aus aller Welt zusammengetragen.

Eines der wesentlichen Kriterien für den Kauf eines Gemäldes ist für das Ehepaar die „Magie, die von einem Bild ausgeht”. Tatsächlich hat man selten so viele geheimnisvolle Werke wie in dieser Sammlung gesehen. Gebannt steht man etwa vor dem kleinformatigen „Totenschädelgemälde” im prunkvollen Goldrahmen eines unbekannten, niederländischen Künstlers des 17. Jahrhunderts. Der Schädel liegt nicht wie bei üblichen Vanitas-Darstellungen, umgeben von Vergänglichkeitssymbolen, auf einem

Tisch. Wie bei einem Porträt tritt der „Totenkopf” dem Betrachter frontal entgegen, scheint einen sogar „anzublicken”. Ähnlich unheimlich ist Bedons großartige Zeichnung vom Kopf eines „Hingerichteten”. Thematisch dominieren Porträts und Stilleben. Dies ist sehr ungewöhnlich für eine Privatsammlung. Aber Rolf Weinberg schwimmt gegen den Strom: „ Mag sein, daß andere Sammler sich durch wildfremde Leute an der Wand in ihrer Ruhe gestört fühlen. Mich interessiert, wie große Künstler einen Menschen psychologisch erfassen”. Die hervorragenden Porträts begeistern beim Gang durch die Ausstellung wie Ingres „Profil eines bärtigen Mannes” oder das um die Jahrhundertwende entstandene „Männerporträt” eines unbekannten Malers, das an die Betrachtungsweise der neuen Sachlichkeit erinnert. So schnell vergessen wird man auch Gustav Courbets Porträt von „Jo, der schönen Irin” mit den langen, roten Haaren oder den Kopf der „Lorette” mit den mandelförmigen Augen von Matisse nicht.

Die Ausstellung macht deutlich, daß zu qualitätsvollen Bildern auch die passende Rahmung gehört. Margit und Rolf Weinberg haben manchmal sogar jahrelang auf der ganzen Welt nach dem richtigen Rahmen für eines ihrer Meisterwerke gesucht.

Nach Besuch der Schau wird einem bewußt, daß kompetentes Sammeln mehr bedeutet als unverkennbare Meisterwerke wie Van Goghs „Sonnenblumen” um Unsummen zu erwerben. Es ist vor allem die Liebe zur Eigenheit jedes einzelnen Bildes, die die Sammlung zu einer besonderen werden läßt. Und trotzdem verbindet die einzelnen Werke etwas miteinander, sagt Margit Weinberg: „Sie wurden von denselben Augen entdeckt und gesammelt; und sie werden von denselben Augen geliebt”.

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