Wolfgang Lutz und Gudrun Kugler - Gudrun Kugler ist Nationalratsabgeordnete und Bereichssprecherin des ÖVP-Parlamentsklubs für Menschenrechte und Internationale Entwicklung. Seit 2024 ist die promovierte Juristin Vizepräsidentin sowie Sonderbeauftragte für demographischen Wandel und Sicherheit der Parlamentarischen Versammlung der OSZE. <br />
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Wolfgang Lutz ist Demograf mit dem Forschungsschwerpunkt internationale Bevölkerungsentwicklung und Bildung. Nach der Verleihung des Wittgenstein-Preises gründete er 2010 das Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital. - © Carolina Frank
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Demografie: Sind sinkende Geburtenraten wirklich ein Problem?

Über abnehmende Kinderzahlen, die Ängste davor und die Weltanschauungen dahinter debattieren die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler und der international anerkannte Demograf Wolfgang Lutz.

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Gerade eben war Wolfgang Lutz noch für einen mehrwöchigen Forschungsaufenthalt in Kapstadt. Nun sitzt er in der Wiener Hainburgerstraße, um über sein Herzensthema Demografie zu diskutieren. Sein Vis-à-Vis, die ÖVP-Politikerin und OSZE-Sonderbeauftragte Gudrun Kugler, forciert dieses Themas schon seit Jahren, etwa in ihrem „Demografie-Donnerstag“.

Zuletzt erhielt das Thema zusätzlich Konjunktur: Bevor Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine europapolitische Aufrüstungsrede hielt, forderte er seine Landsleute zur „demografischen Aufrüstung“ auf. In einem Brief an alle 29-jährigen Französinnen und Franzosen erinnerte er sie daran, den eigenen Fruchtbarkeitsstatus im Blick zu behalten.

DIE FURCHE: Die jüngste Aktion von Emmanuel Macron ist ein Beispiel von vielen, wie Regierungen weltweit auf sinkende Geburtenzahlen reagieren. Herr Professor Lutz, erhält Ihr Fachgebiet jetzt zu Recht mehr Aufmerksamkeit als früher?

Wolfgang Lutz: Als ich 1984 mit einem Doktorat in Demografie aus den USA nach Österreich zurückgekommen bin, wusste überhaupt niemand hier, was das ist. Heute ist es umgekehrt: Demografie ist in aller Munde und fast alle Probleme dieser Welt werden auf die demografischen Veränderungen geschoben.

Dabei wird aber Demografie meist sehr eng ausgelegt und nur auf die Veränderung der Bevölkerungsgröße und vor allem die Altersstruktur geschaut – während die Demografie, so wie sie ursprünglich konzipiert war und so auch wie ich sie verstehe, ein multidimensionales Phänomen ist: Auch die Zusammensetzung der Geschlechter gehört dazu, die Bildungsstruktur, der jeweilige Wohn- und Arbeitsort, die Erwerbstätigkeit, die ethnische Struktur usw. Demographie schaut also auf viele Variablen, die sich derzeit stark verändern.

DIE FURCHE: Verändern sie sich so stark, dass Alarmismus angebracht ist?

Lutz: Wenn wir nochmal auf Frankreich schauen, dann hatte das Thema dort schon seit dem 19. Jahrhundert über alle politischen Parteien hinweg nationale Priorität und es wurden extreme geburtenfördernden Maßnahmen ergriffen, z.B. in den Steuergesetzen. Die Äußerung von Macron steht also in einer langen Tradition. Neu befeuert wird sie jetzt, da auch in Frankreich die Geburtenrate von einem europaweit verhältnismäßig hohen Niveau zurückgeht – so wie in allen anderen europäischen Ländern und fast allen Ländern der Welt.

DIE FURCHE: Frau Kugler, Sie forcieren das Thema Demografie in Ihrer politischen Arbeit als Nationalratsabgeordnete – bis hin zum regelmäßigen „Demografie-Donnerstag“. Warum?

Gudrun Kugler: Zum einen gehört das zu meiner Rolle als Sonderbeauftragter der parlamentarischen Versammlung der OSZE für den demografischen Wandel. Zum anderen wird der Politik generell immer bewusster, dass hier massive Veränderungen im Gange sind. In den USA ist das Bestanderhaltungsniveau, also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, die nötig ist, damit eine Bevölkerung (ohne Zu- oder Abwanderung) langfristig zahlenmäßig konstant bleibt, erst 2008 unterschritten worden.

In Europa sind wir bereits seit 1970 unter Bestanderhaltungsniveau. Aber dass das ein politisch relevantes Thema ist, wird erst seit den letzten Jahren klarer. Denn dass die Geburtenrate in Österreich bei 1,3 liegt, in Europa bei 1,38, ist etwas, das große gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringt. Derzeit sind wir noch nicht ausreichend bereit, die Änderungen anzugehen, die wir brauchen.

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