Erzbischof Josef Grünwidl - Der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl mit Priesterkollar im Hof des Wiener Erzbischöflichen Palais - © Carolina Frank

Erzbischof Grünwidl: „Wir Christen können selbstbewusster sein“

Der neue Wiener Erzbischof, Josef Grünwidl, spricht im FURCHE-Interview u.a. über sein Verständnis des christlichen Glaubens, die Piusbrüder, den Islam und die Gefahr eines christlichen Nationalismus.

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Josef Grünwidl fliegen nach wie vor die Herzen zu. Mit kirchenpolitisch schwierigen Themen wurde der 63-Jährige bislang kaum konfrontiert. In seinem ersten großen Interview nach der Weihe spricht der neue Wiener Erzbischof auch über katholische Schmerzpunkte – und wirkt dabei dennoch erstaunlich entspannt.

DIE FURCHE: Herr Erzbischof, Ihr Wahlspruch lautet „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“ – ein sehr eingängiges Motiv, das viele berührt hat, aber auch etwas vage bleibt. Wenn man es, passend zur Fastenzeit, auf das Wesentliche reduziert: Was ist für Sie „christlich“? Und zugespitzt: Was ist „katholisch“?

Erzbischof Josef Grünwidl: Mit dem Bild der Melodie ist für mich das Evangelium verbunden, es ist fundamentale Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden. Jeder Mensch, der sich als christlich bezeichnet, muss sich auch am Evangelium orientieren. In diesem Spektrum gibt es viele Töne; einzelne Schwerpunkte oder einzelne Töne herauszusuchen, ist dann legitim, wenn die Grundorientierung am Evangelium bleibt. Als spezifisch katholisch sehe ich die Gemeinschaft, in die wir eingebunden sind, die katholische Tradition und die Fülle der Sakramente.

DIE FURCHE: Das Thema Tradition war schon immer Grundlage für innerkirchliche Flügelkämpfe. Der Passauer Bischof Stefan Oster warnte kürzlich vor einer „Selbstsäkularisierung“ der katholischen Kirche infolge des deutschen Synodalen Wegs. Findet aktuell eine Art „Protestantisierung“ der katholischen Kirche statt?

Grünwidl: Ich kenne diesen Text nicht, würde aber die Sorge in dieser Zuspitzung nicht teilen. Der Synodale Weg hat in Deutschland viele Themen aufgegriffen, die auch weltkirchlich aktuell sind, etwa um die Berufung und Charismen aller Getauften. Beim Synodalen Weg ist mir oft eine Koppelung der Themen aufgefallen: Das Priestertum soll gestärkt werden, und es soll darüber nachgedacht werden, ob es nicht auch neue Wege in der Ausbildung für Priester gibt. Oder: Bei der Frage, ob das Thema Leitung in der Kirche nicht auch für Frauen offensteht, heißt es, dass das zölibatäre Leben wertzuschätzen ist und dass zu fragen ist, ob nicht verheiratete Priester auch gute Priester sein können. Diesen Schritt weiterzudenken und zu überlegen, ob hier nicht eine Entwicklung notwendig ist, da sehe ich den Synodalen Weg.

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