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"Franziskus: wie ein Frühling gekommen"

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Der mexikanische Bischof Raúl Vera López setzt sich für Indigene und Migranten ein. Und er kämpft für einen neuen kirchlichen Umgang mit Homosexuellen: "Wir wollen die Homophobie aus den Herzen der Menschen löschen", sagt der streitbare Kirchenmann im FURCHE-Gespräch.

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Der mexikanische Bischof Raúl Vera López setzt sich für Indigene und Migranten ein. Und er kämpft für einen neuen kirchlichen Umgang mit Homosexuellen: "Wir wollen die Homophobie aus den Herzen der Menschen löschen", sagt der streitbare Kirchenmann im FURCHE-Gespräch.

Die Stadt Saltillo im mexikanischen Bundesstaat Coahuila liegt nur etwa 300 Kilometer von der texanischen Grenzstadt Laredo entfernt. Dreieinhalb Stunden sind das über die Autobahn, das letzte Teilstück einer langen Reise mexikanischer oder zentralamerikanischer Auswanderer, die in den USA ihr Glück versuchen wollen. Raúl Vera López steht seit 16 Jahren als Bischof der Diözese Saltillo vor und ist dort täglich mit dem Leid der Migranten befasst. Mitte September war er auf Einladung des Instituts Dominique Chenu und der Dominikaner anlässlich einer Tagung in Wien.

In der Casa del Migrante (Haus des Migranten), das Pater Pedro Pantoja in der Diözese eingerichtet hat, werden täglich hunderte Verzweifelte unterstützt. Nicht nur mit Nahrung, Kleidung und einem Dach über dem Kopf, sondern auch mit Rechtsberatung. Im ersten Halbjahr 2016 haben 130 dieser Migranten Anzeige erstattet, weil sie auf ihrem Weg durch Mexiko überfallen und ausgeraubt oder verschleppt und erpresst wurden.

Irrelevant, wer US-Wahl gewinnt

MexikosRegierunghilftdenUSA, die Migranten zu stoppen, erzählt Bischof Vera bei seinem Wienbesuch: "Wenn sie auf die Güterzüge klettern, werden sie von der Polizei hinuntergestoßen. Viele sterben oder verlieren Arme oder Beine". Besonders brutal sei die Bundespolizei. Für Raúl Vera lässt sich der Migrantenstrom auch durch eine Mauer, wie Präsidentschaftskandidat Donald Trump sie bauen will, nicht aufhalten, "solange nicht die Ursachen beseitigt werden: nämlich das Wirtschaftsmodell, das die Armen der Welt vom Konsum ausschließt". Da weiß er sich einer Meinung mit Papst Franziskus, der von für das System entbehrlichen "Wegwerfmenschen" spreche.

Vera hält es für das Problem der Massenmigration in die USA für irrelevant, ob Trump oder Hillary Clinton die Wahl im November für sich entscheidet: "Beide sind Populisten". Selbst Barack Obama, der als "neuer Franklin D. Roosevelt antreten wollte", sei gescheitert. Das System sei stärker als er.

Mexiko sieht der Bischof als völlig zerstörtes Land, "wo die Menschenrechte nicht mehr existieren". Unter der Präsidentschaft von Enrique Peña Nieto wurden bereits 74.000 Menschen ermordet.

"Nur drei Prozent der Morde kommen zur Anzeige, nur zwei Prozent werden untersucht". Vor allem die Korridore der Migration seien gesetzlose Zonen, wo das organisierte Verbrechen freie Hand habe.

Im Bundesstaat Guerrero hat sich die Zusammenarbeit von korrupten Funktionären, Drogenbanden und Sicherheitskräften für alle Welt sichtbar gezeigt, als vor zwei Jahren bei Ayotzinapa 43 Studenten verschleppt und vermutlich ermordet wurden. Sie waren bei einer Demonstration festgenommen und dann angeblich auf Befehl des Bürgermeisters an eine Drogenbande ausgeliefert worden.

So die offizielle Version. Bischof Vera erzählt, dass eine Abordnung der Interamerikanischen Menschenrechtskommission kürzlich herausgefunden habe, dass einer der Busse, die die Jugendlichen für ihre Demonstration gekapert hatten, voll mit Heroin gewesen sei. Die Ladung sei bereitgestanden, um in die USA transportiert zu werden. Das werde von den Behörden weiterhin vertuscht, sagt Vera: "Als die Kommission den Bus untersuchen wollte, wurde ihr ein anderer untergeschoben und als sie den Chauffeur befragen wollten, schickte die Regierung einen anderen." Der Fall der 43 Verschwundenen hat eine landesweite Protestbewegung ins Leben gerufen, die nicht locker lasse, bis die Wahrheit über das Verbrechen ans Licht kommt. "Wir werden nicht zulassen, dass diese Bewegung aufgibt", versichert der Bischof von Saltillo.

Raúl Vera ist aber auch im Bemühen um eine Erneuerung der Kirche engagiert. So hatte er in seiner Diözese eine Pastoral für Homosexuelle eingerichtet. "Homosexuelle Christen halfen mir, an weitere Homosexuelle heranzukommen. Sie verbreiteten in ihren Kreisen christliche Botschaften." Die LGBT-Gemeinschaft San Elredo, die sich im Bistum ansiedelte, rief bald konservative Aktivisten auf den Plan.

So beschuldigte die Organisation Familias Mundi den Bischof, Homoehe und Adoptionen durch Homosexuelle zu unterstützen. "Sie warfen mir Förderung der Promiskuität vor", sagt Vera, der den damaligen Papst Benedikt XVI. vergeblich um Hilfe bat und der Gemeinschaft 2011 schließlich seine Unterstützung entziehen musste. "Jesus Christus hieß die Sünder willkommen und warf die Pharisäer hinaus. Das zeigt, dass es unchristlich ist, andere auszugrenzen", so Vera: "Wir wollen die Homophobie aus den Herzen der Menschen löschen."

Seine eigene Haltung zur Homosexualität hat der Bischof nicht geändert: "Die Kirche betrachtet sie als krank. Aber was krank ist, ist diese Einstellung. Zehn Prozent der Menschen kommen mit homosexuellen Veranlagungen auf die Welt." Mit dieser wissenschaftlichen Tatsache müsse man umgehen. Man könne Homosexualität nicht wie eine Krankheit behandeln "und erreichen, dass die Menschen dann Hetero werden". Man müsse ihre Rechte respektieren.

Kirchliche Problemzone Sexualität

Das Problem der Kirche sei ihr Umgang mit der Sexualität insgesamt: "Als wir im Priesterseminar auf den Zölibat vorbereitet wurden, hörten wir frauenfeindliche Argumente. Das ist eine Schande." Die Sexualität werde nicht gewürdigt. Der Verzicht auf Familie müsse mit der eigenen Identität vereinbar sein. Homosexuelle wären durch die scheinheilige Sexualmoral gezwungen, sich zu verstecken.

Vera vergleicht die Homosexuellen mit den Indigenen in Mexiko. Auch sie seien eine besonders verwundbare Gruppe. Als Koadjutor von Bischof Samuel Ruiz im südmexikanischen Chiapas hat er viel über den Umgang mit Minderheiten gelernt. "Ruiz hat die Sprachen der indigenen Völker gelernt und die Messe auf Tzeltal oder Tzotzil gelesen." Als Papst Franziskus vor kurzem auf seiner Mexikoreise in San Cristóbal de las Casas war, sei das Evangelium in indigenen Sprachen gelesen worden.

Raúl Vera wurde 2010 für sein Engagement für die Menschenrechte mit dem seit 1987 jährlich vergebenen Rafto Prize ausgezeichnet. Er scheute sich auch nicht, sich mit den Mächtigen anzulegen. So feierte er eine Messe für den indigenen Lehrer Alberto Patishtán, der zu 60 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er im Jahr 2000 an der Ermordung von sieben Polizisten beteiligt gewesen sein soll. Amnesty International und andere Menschenrechts-NGOs haben allerdings schwere Unregelmäßigkeiten bei Untersuchung und Prozess aufgedeckt und sind von der Unschuld Patishtáns überzeugt, der 2013 nach 13 Jahren Haft begnadigt wurde.

Über Papst Franziskus ist Bischof Vera sehr glücklich: "Er ist wie ein Frühling gekommen und hat neue Hoffnung gebracht."

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