Schönborn - © APA / AFP / Alberto Pizzoli   -   Kardinal Schönborn präsentiert das Apostolische Schreiben "Amoris Laetitia" im Vatikan am 6. April 2016
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Zehn Jahre „Amoris laetitia“: Es brodelt

Franziskus' Nachsynodales Schreiben sorgte für Aufruhr in der katholischen Kirche. Dass Papst Leo seinen Vorgänger zum Jahrestag des Erscheinens des Dokuments nun explizit würdigt, ist ebenso wichtig wie notwendig. Von Andreas R. Batlogg.

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Gedenktage sind Pflichtübungen. Auch für Päpste. Aber man kann Jahrtage auch übergehen – und so ein Zeichen setzen. Leo XIV. tut das nicht. In den letzten Monaten hat er öfters an den 60. Jahrestag der Veröffentlichung bestimmter Konzilsdokumente in der Schlussphase des Zweiten Vatikanums erinnert.

Leo XIV. mag sich stilmäßig von Franziskus abheben. Inhaltlich geht er in vielem in dessen Fußspuren. Was sich auch in einem am 19. März 2026 veröffentlichten Schreiben zeigt, mit dem er erinnert: an das Nachsynodale Schreiben Amoris laetitia vom 19. März 2016, das seinerzeit Kardinal Christoph Schönborn, der Erzbischof von Wien, und nicht der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, im Vatikan vorstellen durfte.

Einzigartiger Erpressungsversuch

Dieses Datum ist nun erst zehn Jahre her, aber es hat die Kirche nachhaltig verändert – und seinerzeit heftigen Widerstand innerhalb der Kirche hervorgerufen. Man denke nur an die vier dubia-Kardinäle, die Franziskus aufforderten, einige Punkte klarzustellen, was dieser nicht tat. Woraufhin sie ihre Zweifel öffentlich machten. Eine einzigartige Erpressung, der Papst Franziskus nicht nachgab. Auch eine Reihe von Theologen schloss sich den Bedenken der Purpurträger an. Franziskus ließ sich nicht einschüchtern.

Nun würdigt Leo das Apostolische Schreiben seines Vorgängers, das er „eine leuchtende und hoffnungsvolle Botschaft“ und das „Ergebnis eines dreijährigen synodalen Unterscheidungsprozesses, der in das Heilige Jahr der Barmherzigkeit mündet“ nennt: „Am zehnten Jahrestag wollen wir dem Herrn für diese Anregung für das Studium und die pastorale Umkehr der Kirche danken, und ihn um den Mut bitten, den Weg weiterzugehen, indem wir das Evangelium stets aufs Neue in der Freude annehmen, es allen verkünden zu dürfen.“

Es gilt vor dem Hintergrund familiärer Krisen und Dramen Wege zu suchen, die Menschen wirklich helfen. Sture Prinzipien- und Traditionstreue kann neues, zusätzliches Leid erzeugen.

Realist genug und als Missionar und Bischof von Chiclayo (2015 bis 2023) in Peru mit der Pastoral vertraut, kennt Leo menschliche Grenzsituationen, schwierige pastorale Zwickmühlen, eben die Zerbrechlichkeit des Lebens. „Amoris laetitia sammelt“ für ihn „die Früchte der synodalen Unterscheidung und bietet eine wertvolle Lehre, die wir heute weiter vertiefen müssen“. Vertiefen heißt für ihn: Vor dem Hintergrund familiärer Krisen und Dramen Wege suchen und finden, die Menschen wirklich helfen. Sture Prinzipien- und Traditionstreue kann neues, zusätzliches Leid erzeugen.

Vertiefen heißt für Leo auch: weiter beraten, analysieren und auswerten. Er will den Reformansatz seines Vorgängers fortsetzen und hat dafür Beratungen im Oktober 2026 angekündigt. Nicht im Format einer Weltbischofssynode, sondern mit den Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen, von denen es weltweit 115 gibt. Was zeigt sich damit? Leo ist sich bewusst, dass es nach wie vor Widerstände gibt, kritische Rückfragen, ob dieses Dokument nicht der bisherigen Lehrtradition widerspricht oder diese konterkariert.

Auch im Vorfeld der ersten Session der Weltsynode im Oktober 2023 hatten sich im August 2023 fünf Kardinäle vorsorglich gemeldet und ihre Sorgen bekundet: Walter Brandmüller (Deutschland), Raymond Burke (USA), Juan Sandoval Íñiguez (Mexiko), Robert Sarah (Guinea) und Joseph Zen (China). Zwar waren alle bereits im Ruhestand, aber Burke und Sarah waren noch konklaveberechtigt (und sollten im Mai 2025 auch unter den Papstwählern sein). Kein Hehl machten sie aus ihrer dezidiert konservativen Opposition gegen den Reformkurs von Franziskus. Als das Dikasterium für die Glaubenslehre unter Kardinal Victor Manuel Fernández im Dezember 2023 das Dokument Fiducia supplicans über die nicht-liturgische Segnung gleichgeschlechtlich Liebender veröffentlichte, gab es ebenfalls Proteste, die bis heute anhalten.

Es brodelt also nach wie vor – öffentlich oder im Geheimen. Papst Leo XIV. weiß darum. Und will deswegen beraten. Aber in der Tradition von Franziskus.

Der Autor ist Jesuit und Publizist in Wien.

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