Musk

Elon Musk: Asperger-Syndrom, Gewaltopfer, Twitterkönig

1945 1960 1980 2000 2020

Autopionier, Börsenguru, Tech-Visionär, Exzentriker – Elon Musk ist eine der schillerndsten Figuren der Unternehmerwelt. Doch was steckt hinter der Fassade? Ein Porträt.

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Autopionier, Börsenguru, Tech-Visionär, Exzentriker – Elon Musk ist eine der schillerndsten Figuren der Unternehmerwelt. Doch was steckt hinter der Fassade? Ein Porträt.

Als im Frühjahr nach nur zwei Jahren Bauzeit die Tesla-Fabrik in Grünheide eröffnet wurde, war das ein medienpolitisches Ereignis – obwohl einige Medienvertreter gar nicht aufs Gelände durften. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) waren gekommen, ebenso der Ministerpräsident von Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD).

Doch neben dem großen Showman Elon Musk wirkte die Politprominenz bloß wie Staffage. Die Bühne gehörte dem Tesla-Gründer – da mochte sich Kanzler Scholz auch noch so Mühe geben, die Rekord-Bauzeit des Werks als Ausweis deutscher Industrie- und Standortpolitik zu loben („Deutschland kann schnell sein“). Der Tesla-Chef ließ bereits die Bagger rollen, als das Genehmigungsverfahren noch im Gange war. Die Klagen von Umwelt- und Bürgerverbänden, die sich um die Wasserknappheit in der Region sorgen, konterte er mit der Frage: „Sieht das hier aus wie eine Wüste?“

Gehirnchips und Geheimnisse

Der reichste Mann der Welt (geschätztes Vermögen laut Forbes: 207 Milliarden Dollar) lässt sich nicht auf das bürokratische Kleinklein von Umweltverträglichkeitsprüfung und Trinkwasserverordnungen herab. Musk denkt groß: Er will mit seinem Hyperloop-Projekt einen Hochgeschwindigkeitszug mit über 1000 Stundenkilometern durch eine Röhre rasen lassen, Menschen mit Gehirnchips verdrahten und irgendwann den Mars besiedeln. Man könnte das für eine abwegige Science-Fiction-Phantasie aus dem Silicon Valley halten. Dort gibt es ja eine Menge eigenwilliger Start-up-Gründer, die einem das Blaue vom Himmel versprechen. Doch Elon Musk ist kein Phantast, sondern ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann.

Wenn er 43 Milliarden Dollar für die Übernahme des Kurznachrichtendiensts Twitter auf den Tisch legt, darf man annehmen, dass er einen Businessplan hat. Mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX hat er eine Schwerlastrakete (Falcon 9) entwickelt, die Astronauten und Weltraumtouristen zur ISS bringt. Die Raketenfirma spielt auch eine Schlüsselrolle bei einem weiteren Projekt: Starlink. Musk will in den nächsten Jahren 42.000 Satelliten ins All schießen, um die Welt mit schnellem Internet zu versorgen. Weltraumschrott? Lichtverschmutzung? Sonnenstürme? Egal. Musk lässt sich durch Rückschläge wie Satellitenabstürze nicht von seinen hochfliegenden Plänen abbringen.

Als im Frühjahr nach nur zwei Jahren Bauzeit die Tesla-Fabrik in Grünheide eröffnet wurde, war das ein medienpolitisches Ereignis – obwohl einige Medienvertreter gar nicht aufs Gelände durften. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) waren gekommen, ebenso der Ministerpräsident von Brandenburg, Dietmar Woidke (SPD).

Doch neben dem großen Showman Elon Musk wirkte die Politprominenz bloß wie Staffage. Die Bühne gehörte dem Tesla-Gründer – da mochte sich Kanzler Scholz auch noch so Mühe geben, die Rekord-Bauzeit des Werks als Ausweis deutscher Industrie- und Standortpolitik zu loben („Deutschland kann schnell sein“). Der Tesla-Chef ließ bereits die Bagger rollen, als das Genehmigungsverfahren noch im Gange war. Die Klagen von Umwelt- und Bürgerverbänden, die sich um die Wasserknappheit in der Region sorgen, konterte er mit der Frage: „Sieht das hier aus wie eine Wüste?“

Gehirnchips und Geheimnisse

Der reichste Mann der Welt (geschätztes Vermögen laut Forbes: 207 Milliarden Dollar) lässt sich nicht auf das bürokratische Kleinklein von Umweltverträglichkeitsprüfung und Trinkwasserverordnungen herab. Musk denkt groß: Er will mit seinem Hyperloop-Projekt einen Hochgeschwindigkeitszug mit über 1000 Stundenkilometern durch eine Röhre rasen lassen, Menschen mit Gehirnchips verdrahten und irgendwann den Mars besiedeln. Man könnte das für eine abwegige Science-Fiction-Phantasie aus dem Silicon Valley halten. Dort gibt es ja eine Menge eigenwilliger Start-up-Gründer, die einem das Blaue vom Himmel versprechen. Doch Elon Musk ist kein Phantast, sondern ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann.

Wenn er 43 Milliarden Dollar für die Übernahme des Kurznachrichtendiensts Twitter auf den Tisch legt, darf man annehmen, dass er einen Businessplan hat. Mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX hat er eine Schwerlastrakete (Falcon 9) entwickelt, die Astronauten und Weltraumtouristen zur ISS bringt. Die Raketenfirma spielt auch eine Schlüsselrolle bei einem weiteren Projekt: Starlink. Musk will in den nächsten Jahren 42.000 Satelliten ins All schießen, um die Welt mit schnellem Internet zu versorgen. Weltraumschrott? Lichtverschmutzung? Sonnenstürme? Egal. Musk lässt sich durch Rückschläge wie Satellitenabstürze nicht von seinen hochfliegenden Plänen abbringen.

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Jüngst hat der Milliardär sein Satellitennetzwerk dem ukrainischen Militär zur Luftaufklärung zur Verfügung gestellt. Daraufhin drohte ihm Russland, er werde sich wegen „der Versorgung faschistischer Kräfte“ verantworten müssen. Musk reagierte, wie er es immer tut, wenn er in die Defensive gerät – mit einem flapsigen Spruch. „Wenn ich unter mysteriösen Umständen sterben sollte – war gut, euch gekannt zu haben“, schrieb er auf Twitter.

Musk ist ein Großsprecher, aber alles andere als ein großer Redner – bei seinen Auftritten verhaspelt er sich oft und stottert. Doch ihn umgibt eine geheimnisvolle Aura des Visionären, der man sich nur schwer entziehen kann. Sein Privatleben füllt Klatschblätter, seine Tweets bringen Börsenkurse ins Wanken, von seinen Jüngern wird er geradezu kultisch verehrt. Er war sogar die Vorlage für die Filmfigur Tony Stark in „Iron Man“ (2008).

Aber Musk ist nicht nur der große Zampano, als der er sich gerne auf großer Bühne inszeniert – hinter seinen grauen Augen, die manchmal geschlossen wie ein Visier wirken, steckt ein verwundbares Wesen. Wer den Menschen Musk verstehen will, muss sich ihm über seine Biografie nähern.

Ein Bub wie in Trance

Elon Musk wurde am 28. Juni 1971 in Pretoria geboren und wuchs als ältestes von drei Kindern im Reichenviertel einer „Gated Community“ in Johannesburg auf. Es war die Zeit der Apartheid in Südafrika, Schwarze und Weiße wurden getrennt, Nachrichten zensiert – die Zeitung, die morgens an der Türschwelle lag, enthielt ganze Passagen, die geschwärzt waren. Wenn Musk heute sagt, er sei ein „Absolutist der Meinungsfreiheit“, muss man diese Sozialisation im Hinterkopf haben. Musks Mutter Maye arbeitete als Model, sie zierte unter anderem das Cover des Time Magazine und die Verpackung einer Zerealien-Marke.

Der Vater Errol, dem er wie aus dem Gesicht geschnitten ist, war Elektroingenieur. Der kleine Elon lebte in seiner eigenen Welt: Er war verträumt und in sich gekehrt, reagierte manchmal nicht auf Fragen. Seine Eltern machten sich ernste Sorgen, ob der Bub gehörlos ist. Mehrere Hörtests beim Arzt ergaben keine Gehörschwäche. Doch das Kind träumte weiter in den Tag hinein, wirkte wie in Trance.

Bereits als Bub hatte er ein ausgeprägtes Gedächtnis, interessierte sich für Technik, bastelte heimlich Sprengstoff und Raketen.

Noch heute hat er zuweilen diesen starren Blick. Im vergangenen Jahr bekannte Musk öffentlich, dass er am Asperger-Syndrom, einer milden Form des Autismus, leide. Die Eltern merkten früh, dass der Junge anders ist als seine Altersgenossen: Er hatte ein ausgeprägtes fotografisches Gedächtnis und löste Aufgaben schneller als andere. Schon als Heranwachsender interessierte er sich für Technik: Wenn seine Eltern weg waren, bastelte er Sprengstoff und Raketen. „Ich bin schockiert, dass ich noch alle Finger habe“, scherzte er rückblickend.

Nerd las zehn Stunden am Tag

Elon verschlang Bücher, las alles, was ihm in die Hände kam, manchmal zehn Stunden am Tag: Science-Fiction, Comics, Enzyklopädien. Früh zeigte sich sein Geschäftssinn: Im Alter von zwölf Jahren programmierte er auf einem Commodore-Rechner ein Computerspiel, dessen Code er einem südafrikanischen Verlag für 500 Dollar verkaufte. In der Schule wurde der Nerd mit den Pausbäckchen von seinen Mitschülern gehänselt. Einmal musste er blutüberströmt ins Krankenhaus eingeliefert werden, nachdem ihm ein Mitglied einer Bande in den Nacken getreten und ihn die Stiege hinuntergestoßen hatte.

Elon war so übel zugerichtet, dass ihn selbst der Vater nicht mehr erkannte. Die Kindheitstraumata erzählen auch viel über seine Persönlichkeit und Charakterzüge im Erwachsenenalter. Musk, der immer einstecken musste, teilt heute selbst aus – lästert auf Twitter über Bill Gates her, macht misogyne Witze oder wettert gegen politische Korrektheit.

Nach der High School in Südafrika wanderte Elon im Alter von 17 Jahren mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern nach Kanada aus. Als Student der Queen’s University versuchte er, nicht mehr als einen kanadischen Dollar am Tag für Lebensmittel auszugeben – nicht, weil das Budget knapp war, denn an Geld mangelte es im Hause Musk nun wahrlich nicht, sondern als Experiment. Auf dem etwas monotonen Speiseplan standen Pasta, grüne Paprika und Orangen. Zwar war der Student die Hotdogs und Orangen irgendwann überdrüssig. Den frugalen Lebensstil sollte er aber noch eine Weile beibehalten.

Als er 1995 mit seinem Bruder Kimbal in Palo Alto seine erste Firma gründete, schlief er im Büro und duschte in einer nahegelegenen Jugendherberge. Das Startup Zip2, das Online-Städtepläne für Zeitungen erstellte, verkaufte er vier Jahre später für 900 Millionen Dollar an den Computerhersteller Compaq. Es war die Initialzündung auf dem Höhepunkt des Dot-Com-Booms. Mit dem Geld gründete Musk den Finanzdienstleister X.com, der später mit Peter Thiels Softwareschmiede Confinity zum Zahlungsdienstleister Paypal fusionierte.

Der Rest ist Geschichte. Und vielleicht endet sie eines Tages auf dem Mars.

Navigator Autoren

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