"Mein Leben ist lebendiger geworden“

Die Aussicht, ihr Kind ohne Vater aufziehen zu müssen, hat Marlies Salchegger während ihrer Schwangerschaft in eine tiefe Krise gestürzt. Doch die "Bindungsanalyse“ hat ihr Mut gemacht, Ja zu sagen. Nun möchte sie andere Frauen mit dieser Kurzzeittherapie unterstützen.

Im Hintergrund spielt ein Akkordeonspieler. Er geht von Tisch zu Tisch am gut besuchten Yppenplatz in Wien-Ottakring. Matti schaut ihm fasziniert zu. Er ist müde, aber vor den Augen des einjährigen Kindes passiert zu viel, um einfach einzuschlafen. Seine Mutter trinkt Cappuccino und freut sich, dass er so brav ist.

Geplant war Matti nicht, aber "als ich es erfahren habe, habe ich mich durch und durch, von ganzem Herzen gefreut“, strahlt die junge Frau. Schwierig waren die Umstände allemal: "Meine Beziehung war ein ständiges Auf und Ab, entweder war es super oder eine Katastrophe.“ Ihr Freund hatte schon eine Familie, eine Frau und drei Buben. "Einmal hieß es, nun sind wir zusammen, und im nächsten Augenblick bekam er die Krise und ging zurück.“ Über ein gemeinsames Kind habe er zwar mit ihr gesprochen, aber als sie schwanger wurde, sei er völlig überfordert gewesen. "Das war in der Schwangerschaft sehr schlimm für mich, ich hatte regelrechte Nervenzusammenbrüche.“ Salchegger hat nach Hilfe gesucht und ging zu einer Beratungsstelle von aktion leben österreich. Dort hat man ihr zu einer "Bindungsanalyse“ geraten und sie finanziell unterstützt (siehe Tipp). Diese vorgeburtliche Beziehungsförderung überzeugte sie so sehr, dass sie im Oktober einen Ausbildungslehrgang anfing.

Schwangerschaft als Psychotherapie

Die Bindungsanalyse wurde von den ungarischen Psychoanalytikern Jeno Raffai und György Hidas begründet. Bei dieser Begleitung kann sich die Frau etwa zwei Mal in der Woche ganz der Beziehung zum Ungeborenen widmen. Wie in der Psychoanalyse ist das Setting im Liegen, wodurch die Wahrnehmung von Signalen des Babys unterstützt werden soll. "Jede Frau durchläuft in der Schwangerschaft eigentlich eine kleine Psychotherapie“, erklärt die junge Mutter, während sie Matti mit Heidelbeermus füttert. "Man wird unbewusst mit der eigenen Geburt und mit der Zeit im Mutterbauch konfrontiert. Und durch die Schwangerschaft wird die Frau von der Tochter zur Mutter. Das Kind soll man verstehen lernen und mit ihm in einen Dialog treten.“ Kurz vor der Geburt wird die bevorstehende Trennung vom Baby im Bauch und eine neue Form der Mutter-Kind-Beziehung thematisiert. Die Auswirkungen sollen laut Raffai und Hidas eine leichtere Geburt sein, eine bessere Verständigung zwischen Mutter und Kind. "Ein Schatz dieser Analyse ist, dass es für Frauen in einer schwierigen Lage einen Raum gibt, wo es nur um die Beziehung zum Baby geht“, weiß Salchegger aus eigener Erfahrung.

Nach Beendigung des Lehrgangs möchte die ausgebildete Kindergartenpädagogin in einer Kindergruppe arbeiten und zusätzlich Schwangere begleiten. Auch ihre Kenntnisse als Kunsttherapeutin will sie einfließen lassen.

Ihre eigene Situation hat sich noch nicht ganz entspannt: Die Beziehung zum Kindesvater ist ein Hin und Her, er ist in eine andere Stadt geflüchtet, weg von allen. "Es kostet so viel Energie, dass ich mich immer mehr nur auf mich und Matti konzentrieren will.“ Derzeit muss die 34-Jährige mit 800 Euro im Monat über die Runden kommen. Kürzlich hat sie einen Antrag auf Mindestsicherung gestellt. "Auf das Sozialamt gehen zu müssen, war heftig für mich.“

Versteht sie andere Frauen, die sich in einer ähnlichen Lage für einen Abbruch entscheiden? Salchegger denkt nach, bevor sie spricht und wägt ihre Worte genau ab: "Sicher, jede Frau muss spüren, was für sie stimmig ist. Für mich war aber klar: Ich könnte damit nicht leben. Das Leben ist nun entstanden, und das hat einen guten Grund. Ich wollte mich auf diese Phase einlassen und schauen, welche Schätze und Konflikte entstehen. Nun empfinde ich das Leben als lebendiger. Es gibt einen Menschen mehr in meinem Leben. Und das ist einfach schön.“

Während einer Runde im Kinderwagen um den Yppenplatz ist Matti eingeschlafen. "Das Schmerzlichste ist, dass ich mit meinem Freund nicht alles Schöne teilen kann“, sagt Salchegger. "Sicher hadere ich oft mit meinem Schicksal. Es gibt Tage, da frage ich mich: Warum muss ich so alleine kämpfen? Ich muss alles alleine tragen und entscheiden. Das zehrt an mir. 24 Stunden lang muss ich den Fokus auf Matti haben“, schildert sie ihre Situation. Ihre Nachbarin ist ebenfalls alleinerziehende Mutter. Einmal in der Woche passen sie abwechselnd auf beide Kinder auf, damit jede von ihnen kurz durchatmen kann.

Durchatmen kann sie auch bei der wöchentlichen Probe des Wiener Beschwerdechors unter Leitung des Performancekünstlers Oliver Hangl. "Es tut gut, sich so frei zu singen“, sagt die junge Mutter. Jetzt, wo es Sommer wird, träumt sie auch vom Reisen. Erstmals geht es mit Matti vier Tage lang ans Meer. "Aber später würde ich gerne mehr reisen, etwa mit einem Hippi-Bus. Und dann fahren wir einfach los!“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau