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Die „sündenlose Gesellschaft“

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Wozu dann angesichts einer solchen Situation noch Gewerkschaften, wenn es bereits so ist, daß etwa alle sozialen Fortschritte ohnedies in Eigenfinanzierung von allen für alle realisiert werden müssen? Was die klassischen Gewerkschaften gefordert hatten, ist — so scheint es — erfüllt, übererfüllt. Sind daher in einer sozial gleichsam „sündenlosen“ Gesellschaft des „Überflusses“ Gewerkschaften nicht ein Anachronismus, ein unnützer Anwalt, da man doch Richter in eigener Sache zu sein vermag? Das fragen sich nicht nur die Gewerkschaftsfeinde aus Profession und eine von ihnen wohlhonorierte Presse, sondern auch viele Dienstnehmer, wenngleich aus anderen Motiven. Die Gewerkschaften selbst — ihr Apparat — sind unsicher geworden und spüren an ihrem scheinbar alt gewordenen Körper die Zeichen, die man als solche eines Verfalls zu deuten vermöchte.

Wir sind jedenfalls, und dies seit Jahren, gewohnt, von einer „Krise des Gewerkschaftsgedankens“ zu sprechen. Diese „Krise" — sicherlich literarisch und vott Interessenten maßlös,, Arefin njcfit*Mgehüßlicfi übertrieben'— TsY1 fin ' so hiantjÄeri, SInpfbrnen ’flhuW'ilSIbär ' angedeutet. Wer sich — wie auch der Schreiber dieser Zeilen — dem Gewerkschaftsgedanken verpflichtet fühlt, sollte diesen Tatbestand nicht verschweigen, auch bei Gefahr, selbst als „Gewerkschaftsfeind“ deklariert zu werden. Freilich gilt hier: Wer etwa den Krebs untersucht, muß deswegen noch nicht für den Krebs sein.

Symptome

Worin zeigt sich nun die „Krise“ im Bereich der Gewerkschaften? Sie zeigt sich:

• an der wachsenden demonstrativen Interesselosigkeit, mit der die Masse der (Noch-) Mitglieder der Gewerkschaften die Tätigkeit ihrer Funktionäre verfolgt, mißvergnügt, skeptisch, stets auf Suche nach Motiven für Vorwürfe;

• an der Eigenmacht der einzelnen Dienstnehmer, die sich als Individuen oder als einzelbetriebliche Gruppen ihre Arbeitsbedingungen selbst aushandeln. Ohne Gewerkschaften, gleichsam ohne „Anwaltszwang“.

Die Folge: der überbetriebliche, nach Branchen gegliederte Arbeitsmarkt löst sich zuweilen in Kleinstmärkte auf. Die Interessenten kontrahieren als Einzelunternehmer und als Gruppe der Dienstnehmer eines Betriebes. In einer solchen Marktsituation ist die Gewerkschaft ohne gesicherten Standort. Die Belegschaft scheint keines „Zwischenhändlers“ zu bedürfen.

• Die Zahl jener Dienstnehmer, die vorweg, auf Grund ihrer beruflichgesellschaftlichen Stellung, den Gewerkschaften stets reserviert gegenübergestanden waren, wächst: Es sind die Angestellten. Sie lassen sich wegen eines wachsenden mitunternehmerischen Denkens weniger auf berufliche überbetriebliche Gesamtforderungen hin verpflichten; sie sind also nicht in gleicher Weise organisationsgeneigt wie die Arbeiter, von denen sie sich — wie sie meinen — am besten dadurch sozial distanzieren, indem sie sich vom Gewerkschaftsleben absentieren.

• Der relative Anteil der Gewerkschafter an der Zahl der Dienstnehmer sinkt. Nicht überall. Aber doch in den Ländern der klassischen Gewerkschaftsbewegung.

Krise ist nicht Verfall

Krise und Verfall sind nicht das gleiche. Eine Krise muß nicht Verfall andeuten, sondern kann auf eine Krankheit an einem sonst gesunden Körper verweisen. Mehr nicht. Und das glauben wir auch in der Frage der sogenannten „Gewerkschaftskrise".

Der Bestand von Gewerkschaften ist keine Episode in der Sozialgeschichte. Die Gewerkschaften sind aus der Sachgesetzlichkeit des ökonomischen und des gesellschaftlichen Prozesses einfach nicht wegzudenken und ein notwendiger Teil der Industriegesellschaft, deren Natur sie fordert. Bestünden sie nicht, müßten sie im Interesse der ökonomischen und gesellschaftlichen Ordnung errichtet werden. Sogar von Unternehmerseite. Ohne Gewerkschaften gäbe es keine freiheitliche Ordnung in der industriellen Gesellschaft. Freilich müssen wir dabei von echten Gewerkschaften ausgehen und als „Gewerkschaften“ effkėtfPert GėMde''ih deh'tötälftäreft ato rvyüv es im’--..

Staaten ausklammern,. die nur Voll- zugspjgane der Unternehmungsfuhrun* gen sind.

Die Gewerkschaften sind auch deswegen notwendig, weil ohne Gewerkschaften der Arbeitsmarkt desintegriert, in einzelbetriebliche Teilarbeitsmärkte aufgespalten und völlig unübersichtlich würde; allen zufälligen Einflüssen ausgesetzt. Ein gewerkschaftsfreier Arbeitsmarkt stünde allen anarcho - syndikalistischen Einflüssen offen.

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