Sex - © Illustration: Rainer Messerklinger
Religion

Eberhard Schockenhoff: Sexualität als Liebeskunst

1945 1960 1980 2000 2020

Als der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff im Sommer 2020 verstarb, hatte er seine „neue“ Sexualethik fast fertiggestellt. Nun ist sein gewichtiges Werk „Die Kunst zu lieben“ postum erschienen.

1945 1960 1980 2000 2020

Als der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff im Sommer 2020 verstarb, hatte er seine „neue“ Sexualethik fast fertiggestellt. Nun ist sein gewichtiges Werk „Die Kunst zu lieben“ postum erschienen.

Bis vor wenigen Jahren wurde in der katholischen Kirche nur denjenigen eine Lehrerlaubnis für Moraltheologie erteilt, die im Bereich der Sexualmoral auf Punkt und Beistrich die offizielle römische Lehre vertraten – das heißt, dem Rigorismus bei der Empfängnisverhütung, Sexualität vor und außerhalb der Ehe, nicht heteronormativer Sexualität etc. verpflichtet waren. Zumindest exponierten sich Theologische Ethiker oft nicht, denn wenn sie – vor allem auch mit dem Gepäck moderner humanwissenschaftlicher Erkenntnisse – weiterdachten und -forschten, gerieten sie unweigerlich in Konflikt mit Rom.

Bis vor wenigen Jahren wurde in der katholischen Kirche nur denjenigen eine Lehrerlaubnis für Moraltheologie erteilt, die im Bereich der Sexualmoral auf Punkt und Beistrich die offizielle römische Lehre vertraten – das heißt, dem Rigorismus bei der Empfängnisverhütung, Sexualität vor und außerhalb der Ehe, nicht heteronormativer Sexualität etc. verpflichtet waren. Zumindest exponierten sich Theologische Ethiker oft nicht, denn wenn sie – vor allem auch mit dem Gepäck moderner humanwissenschaftlicher Erkenntnisse – weiterdachten und -forschten, gerieten sie unweigerlich in Konflikt mit Rom.

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Dass Eberhard Schockenhoff, ein führender Theologischer Ethiker des deutschen Sprachraums, erst jetzt „seine“ Sexualethik in Buchform vorlegt, ist gewiss dieser Tatsache geschuldet: Denn erst mit dem Pontifikat von Franziskus begann die geknebelte Moraltheologie neu Atem zu schöpfen – und immer mehr Vertreter warfen ihre Argumente für eine kirchliche Neubewertung der menschlichen Sexualität in die Waagschale. Auch der in Freiburg lehrende Schockenhoff gehörte dazu: Sein vor der Deutschen Bischofskonferenz im Frühjahr 2019 gehaltenes Plädoyer für eine Reform der Sexualmoral machte Furore, beim Synodalen Weg in Deutschland engagierte er sich für dieses Thema intensiv.

Eine hinterlassene Ethik

In kurzer Zeit entstand daraus Schockenhoffs letztes Buch „Unterwegs zu einer neuen Sexualethik“, so der Untertitel, zu Sommerbeginn 2020 waren die ersten sechs der sieben Kapitel fertiggestellt. Am 18. Juli 2020 ist Schockenhoff jedoch an den Folgen eines Unfalls verstorben. Die fast fertige Sexualethik haben seine Mitarbeiter nun unter dem Titel „Die Kunst des Liebens“ herausgebracht – eine gründliche und aktuelle Fundierung ethischer wie theologischer Argumentationen in Bezug auf die Sexualität. Ein Buch, das trotz seines fehlenden Schlusses wohl in jede Hand gehört, die über die Grundlagen katholischer Sexualethik im 21. Jahrhundert informiert sein will.

Schockenhoff ist es einmal darum zu tun, die geschichtliche Entwicklung der katholischen Sexualmoral darzulegen und auch deren Wurzeln, die sich oft genug gar nicht auf biblische Aussagen zurückführen lassen, sondern auf Anschauungen aus der hellenistisch-römischen Kultur, in der sich das junge Christentum entwickelt hat. Gleichzeitig zeigt Schockenhoff auf, dass bis in jüngste Zeiten – trotz aller rigorosen Sexualnormen – ein davon abweichendes Verhalten toleriert wurde, und zwar in vielen Gesellschaften quer durch die Jahrhunderte.

Dass die Sexualität so stark mit Sünde verquickt wurde, hat also auch nach Schockenhoff weniger mit den biblischen Befunden oder gar mit der Lehre Jesu direkt zu tun als mit heidnischer Moralphilosophie, vor allem der Stoiker, die in den ersten Jahrhunderten Eingang in die christliche Theologie und Verkündigung fanden. Natürlich ordnet Schockenhoff die zentrale Rolle des Kirchenvaters Augustinus (354–430) bei der Entwicklung christlicher Sexualmoral ein: Augustinus’ Verquickung der Sexualität mit seiner Erbsündenlehre hat bekanntlich jenen Sexualpessimismus befördert, aufgrund dessen jeder Sexualakt jahrhundertelang als (Tod-) Sünde verstanden wurde; dessen Anteil an der Zeugung von Nachkommen galt mehr als notwendiges Übel denn als gottgewolltes, lustvoll-schöpferisches Geschehen. Schockenhoff identifiziert Augustinus aber nicht eindimensional als „Schuldigen“ einer verklemmten Sicht auf die Sexualität, sondern ortet vieles davon in der Biografie des Kirchenvaters und vor allem in der Rezeption durch die Jahrhunderte danach.

Schockenhoff entwickelt seine Sexualethik aus einer biblischen Perspektive (und nicht aus einer außerchristlichen Philosophie).

Abgesehen von gewichtigen, wenn auch letztlich sich nicht durchsetzenden Ausnahmen (etwa die Sicht auf die Sexualität im vom Konzil von Trient angestoßenen Catechismus romanus) verfestigte sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts die katholische Position, dass Sexualität nur innerhalb der sakramental geschlossenen Ehe erlaubt sei und dass jeder Sexualakt prinzipiell der Fortpflanzung zu dienen habe.

Vorwärtssturm und Rückschritt

Schockenhoff zeigt dann auf, wie sehr solches Konzept durch die Entwicklung der Humanwissenschaften, nicht zuletzt auch durch den durch Sigmund Freud an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angestoßenen Umbruch bei der wissenschaftlichen Erforschung und Bewertung der Sexualität immer obsoleter wurde.

In der katholischen Theologie entwickelte sich dann rasant eine Neubewertung der Sexualität, die auf dem II. Vatikanum (1963–65) den Durchbruch erfuhr und die von einer Abkehr der alten Lehre des „Ehezwecks“ der Fortpflanzung hin zu einer Sicht von der Sexualität als Ausdruck der Liebe zweier Partner in der Ehe führte. Allerdings folgte nach dem Konzil mit dem „Pillenverbot“ der Enzyklika „Humanae vitae“ 1968 sowie vor allem mit der „Theologie des Leibes“, unter der die ausführlichen Mittwochskatechesen von Papst Johannes Paul II. subsumiert werden, Anfang der 1980er Jahre auch in der Sicht Schockenhoffs ein Rückschritt, weil da – salopp gesprochen – durch die Hintertür der Aspekt der Sexualität als liebende Begegnung wieder in den Hintergrund tritt und die Fortpflanzung als die Prämisse für den Sexualakt behauptet wird.

Schockenhoff setzt dieser Engführung einen Dialog mit den Erkenntnissen der Biologie und der Anthropologie in Bezug auf die Sexualität entgegen und versucht danach, Sexualethik aus einer biblischen Perspektive (und nicht aus einer stoischen oder anderen außerchristlichen Philosophie heraus) zu entwickeln. Daraus erwachsen für ihn drei Kreise einer neuen Sexualmoral: 1. die Sexualität als „Sprache der Liebe“, die auch Ekstase und Lust positiv aufnehmen kann, 2. die Ehe als „verbindliche Lebensform der Liebe“, wobei er auch das veränderte gesellschaftliche Umfeld für die Ehe heute wahrnimmt, und 3. die Familie als „Lebensraum der Liebe“, in die er auch sozialethische Forderungen für die Lebensmöglichkeiten von Familien einschließt.

Das fehlende letzte Kapitel

Die Fehlstelle in Schockenhoffs nachgelassener Sexualethik besteht darin, dass er das von ihm grundlegend Erarbeitete nicht mehr an den heißen Eisen der aktuellen Diskussion konkretisieren konnte. Das sollte das siebte Kapitel, das er nicht mehr vollenden konnte und in dem er auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften, aber auch auf Missbrauch und Vergewaltigung eingehen wollte, leisten. Nur seine Überlegungen zu vorehelichen Lebensgemeinschaften fanden noch Eingang ins Buch, wobei Schockenhoff da bei der Hinterfragung des absoluten Verbots vorehelicher Sexualität und der dahinterstehenden theologischen Konstrukte stehenbleibt.

Man vermisst natürlich die Ausformulierungen dieser Themen, wobei der Rückgriff auf die Einleitung des gewichtigen Buches hilft, in der Schockenhoff nüchtern und klar den tiefen Graben zwischen den traditionellen katholischen Verbotsnormen und der tatsächlich gelebten Sexualität auch unter Katholikinnen und Katholiken dieser Tage darstellt. Schockenhoff zitiert dazu die Theologin Regina Ammicht Quinn (der übrigens ob ihrer Ansichten von Rom die Lehrbefugnis verweigert wurde): „Für den Bereich der Sexualität gelten die Normen und Werte, die das ganze Leben bestimmen – allen voran die Achtung der Würde des Menschen und die Verneinung von Gewalt.“ Man kann Schockenhoff konzedieren, dass er derartige Prämisse auch an seine eigene Überlegungen angelegt hat.

Die Kunst zu Lieben - © Illustration: Herder
© Illustration: Herder
Buch

Die Kunst zu lieben

Unterwegs zu einer neuen Sexualethik
Von Eberhard Schockenhoff
Herder 2021
488 S., geb., € 49,40

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