Verwaistes Jerusalem - Der Iran-Krieg zur Osterzeit  bescherte den Händlern in der  Jerusalemer Altstadt ein weiteres Minus in ­ihren  Kassen. Dafür  wurden am  Himmel über ­Israel Millionenwerte verschossen. Bis zum Waffen­stillstand lag die Gesamtabfangrate der über 400 ballistischen iranischen Raketen auf Israels Städte bei rund 92 Prozent. - © APA / AFP / John Wessels

Iran-Krieg: Im Schutzraum Via Dolorosa 37, Jerusalem

Leere statt Touristengedränge in Jerusalem und Angst, was auf den Waffenstillstand folgt. Bericht eines 19-jährigen Gedenkdieners aus dem Österreichischen Hospiz.

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Meine erste Erfahrung mit Raketenbeschuss machte ich kurz nach meiner Ankunft in Jerusalem im August vorigen Jahres. Die jemenitische Huthi-Miliz feuerte im Gefolge des Gaza-Kriegs einzelne, größtenteils wenig treffsichere Raketen und Drohnen, deren Schaden sich eher in wirtschaftlichen Verlusten durch ausbleibende Touristen als in greifbarer Zerstörung messen ließ. Die elektronischen Raketenwarnungen damals wurden von den meisten hier als lästig interpretiert. Vom Schutzraum, den jede größere öffentliche Einrichtung in Israel haben muss, machten im Österreichischen Hospiz die wenigsten Gebrauch.

Am 28. Februar aber wurde ich vom landesweit über Mobiltelefone ausgeschickten Warnton geweckt. Der Kriegsausbruch hatte mich nicht wirklich überrascht, seit Wochen wusste man von amerikanischen Truppenverschiebungen in der Region. Als US-Tankflugzeuge am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv gesichtet wurden und der US-Botschafter Mitarbeitern die Ausreise empfahl, war ein baldiger Angriff gewiss.

Hoffnung auf Umsturz im Iran

Eine Gewissheit, die – meiner Wahrnehmung nach – in der jüdisch-israelischen Bevölkerung vielerorts mit Hoffnung auf eine nachhaltige Wende im Konflikt mit dem Iran verbunden war. Die Tötungen innerhalb der höchsten und hohen politischen Ränge des Iran in den ersten Tagen der Operation „Roaring Lion“ verstärkten diese Zuversicht noch weiter.
Wenige Stunden nach den ersten Warnungen übers Handy hörte ich Explosionen abgefangener iranischer Raketen über Jerusalem.

Während der ersten Kriegs­tage gab es in Ostjerusalem vier- bis fünfmal täglich Raketenalarm. Nur wenige Hundert Meter vom Österreichischen Hospiz entfernt schlugen Trümmerteile iranischer Raketen ein. Spätestens da wurde mir klar, dass diese militärische Auseinandersetzung von einem anderen Ausmaß war als noch die im Sommer zuvor. Abends durch Jerusalem zu schlendern, den Blick in den Himmel zu richten und dort eine iranische Streurakete glühen zu sehen – die Ambivalenz, dass dieses auf beklemmende Art schöne Himmelsphänomen bei Einschlag am Boden in Sekunden Gebäude zerstören und Menschen töten könnte, fällt mir schwer in Worte zu fassen.

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