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Faire Jobaussichten durch anonymität

Speziell Personen mit Migrationshintergrund sind bei der Arbeitssuche benachteiligt. Eine Bewerbungs-Software beugt Diskriminierung vor und erspart Unternehmen Zeit.

Nennen wir ihn Deniz Elmas. Er ist Maschinenbaukonstrukteur. Momentan ist Elmas auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Wie sich zeigt, ist das in Österreich aber gar nicht so einfach: Als Elmas eine passende Stelle gefunden hat, bewirbt er sich sofort. Nach kurzer Zeit erfährt er aber, dass der Job bereits anderwärtig vergeben ist. Eine Woche später findet der türkischstämmige Österreicher dieselbe Anzeige erneut in einer Zeitung. Er bewirbt sich noch einmal und fragt den Personalchef, warum man ihm eine falsche Information gegeben hat. Als Antwort meint dieser, dass bereits jemand aus den inneren Reihen der Firma die Arbeitsstelle bekommen hätte. Personalvermittler Robert Kastner versteht nicht, warum qualifizierten Fachkräften wie Elmas bei der Jobsuche Steine in den Weg gelegt werden: "Er ist in Österreich geboren, sehr gut ausgebildet und spricht sicher besser Hochdeutsch als viele andere“, ist er überzeugt. Kastner selbst vermittelt seit elf Jahren Stellen und geht dabei speziell vor: "Ich setzte mich immer zuerst mit den Arbeitssuchenden zusammen und schaue, was sie gut können und was sie gerne machen möchten. Dann mache ich mich auf die Suche nach Unternehmen, die genau diese Fähigkeiten brauchen können“. Auf diesem Prinzip basierend hat er nun eine Bewerbungssoftware namens "Apply Live“ entwickelt.

"Blind Date“ für Arbeitssuchende

Stelleninserate von Firmen, die Kastners Software erworben haben, werden im Internet mit einem Apply Live-Knopf gekennzeichnet, Printanzeigen werden mit einem Code versehen, der über Smartphones abgerufen werden kann. Wer sich für den vakanten Posten interessiert, muss nun nur noch auf diesen Knopf klicken und gelangt so zu einem Kalender, auf dem man sich anonym für einen Termin bei der Personalleitung vormerken lassen kann. "Das Unternehmen sieht dann, dass ein Termin gebucht wurde, weiß aber nicht, wer kommt oder wer anrufen wird. Das ist ein bisschen wie ein Blind Date“, sagt Kastner und lacht. Beim vereinbarten Termin unterhalten sich Bewerber und Personalchef zehn Minuten lang miteinander und entscheiden aufgrund dessen, ob die Bewerbungsunterlagen ausgetauscht werden.

Einerseits soll dieses Vorgehen laut Kastner zeitsparend für Unternehmer sein, denn auf diese Weise schaffen sie sich durch ihr Bauchgefühl Klarheit darüber, wessen Unterlagen sie sich wirklich detailliert durchsehen möchten. Andererseits werden so auch Diskriminierungen bei der Arbeitssuche umgangen. Romana Linke, Geschäftsführerin bei der Salzburger Stellenbörse jobalpin.at, weiß aus eigener Erfahrung, dass sich die Arbeitssuche für gewisse Personengruppen schwierig gestaltet.

Gleichstellung als reine Illusion

Sie hat sich nun deshalb dafür entschieden, die Software zu unterstützen: "Alle sprechen immer von der Gleichstellung. Man weiß aber, dass beispielsweise Menschen mit ausländischem Familiennamen bei Bewerbungen in Wirklichkeit anders behandelt werden. Das Gleiche gilt für Frauen und Personen über 50 Jahren“. Diese drei Gruppen sind es auch, die in der aktuellen Arbeitslosenstatistik des Arbeitsmarktservice (AMS) besonders hervorstechen: Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Arbeitslosigkeit bei Frauen im März um 16 Prozent, bei Migranten um 20,5 Prozent und bei älteren Personen um 20,1 Prozent. Speziell die Benachteiligung von Personen mit Migrationshintergrund hat sich vielfach in Studien gezeigt: Die Linzer Forscherin Doris Weichselbaumer konnte beispielsweise für Deutschland nachweisen, dass Bewerberinnen mit deutschem Namen signifikant häufiger als Interessentinnen mit ausländischem Namen zu einem Gespräch mit der Personalleitung eingeladen wurden. Trugen Migrantinnen auf ihrem Bewerbungsfoto ein Kopftuch, so wurden sie noch seltener kontaktiert. Erhebungen der Arbeiterkammer zeigen zudem, dass Migranten häufig unter ihrem eigentlichen Qualifikationsniveau arbeiten.

Durch Persönlichkeit überzeugen

Nicht nur für die Arbeitnehmer soll die neue Bewerbungssoftware Vorteile bringen. Laut Entwickler Kastner werden Personalentscheidungen meist aufgrund der Bewerbungsdokumente getroffen. Diese seien zwar wichtig, machen aber nicht die gesamte Persönlichkeit des Interessenten aus: "Jemand mit den besten Fachkenntnissen“, erklärt er, "kann in einem Team die falsche Person sein. Deshalb hat es mich immer verwundert, wie sehr Unternehmen auf Schriftlichkeit setzen, ohne sich selbst einen ersten Eindruck zu machen“, sagt Kastner. Dieser Perspektive schließt sich Romana Linke von jobalpin.at an: "Unternehmen haben auch einen großen Nutzen, denn wenn sie Personen aufgrund bestimmter Merkmale ausblenden, geht ein riesiges Potenzial verloren, und sie verpassen eine große Chance.“

Auch seitens des AMS wird die Anonymbewerbung positiv bewertet: "Das hat auf jeden Fall Zukunft“, ist Sprecherin Beate Sprenger überzeugt. Vor allem für Posten, bei denen es auf das persönliche Auftreten und die Kommunikationsfähigkeit der Bewerber ankommt, sei Apply Live gut geeignet. Weniger sinnvoll sei die "Live-Bewerbung“ hingegen bei allgemein formulierten Stellenangeboten, bei denen man mit einer Vielzahl von Interessenten rechnen müsse: "Das würde den zeitlichen Rahmen des Personalchefs übersteigen. Je spezieller die Ausschreibung aber ist und je mehr es auf die persönlichen Eigenschaften ankommt“, erklärt Sprenger, "desto besser wird sich das Tool eignen“.

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