"Ich bin euch nichts wert, ihr seid mir nichts wert"

1945 1960 1980 2000 2020

Für die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner ist mangelnder Selbstwert die Basis fast jedes Deliktes. Ein Gespräch über fehlende Anerkennung und ihre Folgen.

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Für die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner ist mangelnder Selbstwert die Basis fast jedes Deliktes. Ein Gespräch über fehlende Anerkennung und ihre Folgen.

Adelheid Kastner ist eine der bekanntesten Gerichtspsychiaterinnen des Landes. Vergangene Woche hat sie bei der 64. Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg über die (forensischen) Tücken fehlender Anerkennung gesprochen.

DIE FURCHE: Sie arbeiten seit Jahren mit Straftätern. Wie groß ist bei diesen Menschen das Problem fehlender Anerkennung?

Adelheid Kastner: Sehr, sehr groß, wobei ich weniger von fehlender Anerkennung als von fehlendem oder mangelndem Selbstwert sprechen möchte. Dieses Phänomen kann natürlich auch die Folge fehlender Anerkennung sein, geht aber darüber hinaus. Aus meiner langjährigen Beobachtung ist mangelnder Selbstwert jedenfalls die Basis fast jedes Deliktes. Man will sich zumindest temporär als mächtig, potent oder übermächtig erleben - oder man sagt sich: Wenn ihr mir rückmeldet, dass ich euch nichts wert bin, dann brauche ich mich auch nicht an eure Regeln halten.

DIE FURCHE: Der erste und wichtigste Ort, an dem Anerkennung erfahren wird -oder auch nicht -, ist die Familie. Wie zeigt sich hier mangelnde Anerkennung?

Kastner: Sie zeigt sich, wenn es keine Akzeptanz für das Kind an sich gibt, ohne dass es eine Leistung erbringt. Hier rede ich nicht davon, dass ein Kind für ein gutes Zeugnis etwas bekommt, sondern hier geht es um eine Erfahrung in den ersten, prägenden Lebensjahren - und um eine entsprechende Haltung der Eltern. Wenn ein Kind mitbekommt, dass ihm von ihnen leistungsunabhängig ein Wert zugeschrieben wird, ist das die Basis für einen vernünftigen Selbstwert.

DIE FURCHE: Diese Basis ist vermutlich bei vielen Menschen nicht gegeben, aber die wenigsten werden kriminell und auch nicht alle psychisch geschädigt -Stichwort Resilienz, also psychische Widerstandskraft...

Kastner: Das ist richtig. Es gibt Kinder, die trotz mangelnder Anerkennung nicht besonders gestört sind. Es gibt aber auch jene, die sich als Reaktion in ihrem Selbstwert dramatisch überhöhen und mit der Überzeugung daherkommen: Ich bin der Beste, Schönste, Größte, kniet nieder! Wobei dieser Narzissmus nicht nur das Ergebnis einer wenig wertvermittelnden, sondern auch einer extrem verwöhnenden Erziehung sein kann. Als weitere Gruppe gibt es die geborenen Opfer, die sich sagen: Mit mir kann man eh alles machen, ich habe es nicht besser verdient. Und schließlich gibt es jene, die in Rebellion verfallen und sich denken: Wenn ich euch nichts wert bin, dann seid ihr mir auch nichts wert. Diese Gruppe findet sich relativ häufig bei Tätern.

DIE FURCHE: Vom Rebellieren zum Zuschlagen ist es aber noch ein weiterer Schritt...

Kastner: Ja, zuschlagen kann man nur bei einem Mangel an Empathie -und das geht häufig Hand in Hand mit mangelnder Anerkennung. Wenn ich aus einer Familie komme, in der ich nicht geachtet wurde für mein Sein und ich nicht wahrgenommen habe, dass mich jemand anderer emotional in sich trägt, dann werde ich selbst auch niemand anderen in mir tragen können. Empathie ist keine Einbahn, sondern sie beruht auf Gegenseitigkeit. Und wenn ich sie nicht gelernt habe, werde ich auch kaum Probleme haben, jemand anderem weh zu tun.

DIE FURCHE: Welche gesellschaftlich anerkannten Formen gibt es, mangelnde Anerkennung in der Kindheit zu kompensieren?

Kastner: Die gängigste Strategie ist sicher Leistung -bis hin zum Burnout, der einzigen psychischen Störung, die in unserer Gesellschaft anerkannt ist, weil sie aus übermäßiger Leistungsbereitschaft resultiert. Wenn Leistung das einzige ist, was mich ausmacht, bleibe ich aber im Kern arm und bedürftig. Spätestens beim Pensionsschock, wenn die ganze Anerkennung wegfällt, stehe ich wieder vor dem Nichts. Eine andere Kompensationsmöglichkeit besteht darin, sich über eine andere Person, etwa den Partner, zu definieren -diesen Weg beschreiten vielfach Frauen. Doch auch diese Wertigkeit ist brüchig und versinkt spätestens dann im Nichts, wenn es zu einer Trennung kommt. Manche Frauen bleiben deshalb in unglaublich defizitären Beziehungen. Und selbst wenn sie sich trennen, gehen sie meist nach exakt demselben Muster in die nächste Beziehung.

DIE FURCHE: Neben tatsächlichem Anerkennungsmangel gibt es auch das Phänomen, dass Menschen scheinbar banale Ereignisse als unglaubliche Kränkung und fortan die ganze Welt als ungerecht empfinden. In Ihrem jüngsten Buch "Wut" schreiben Sie, dass zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung mit einer solchen "chronischen Verbitterungsstörung" reagieren würden.

Kastner: Ja, diese Menschen nehmen Kränkungen als unverzeihlich und lebenslang vorhaltbar wahr. Wobei dieses Phänomen wiederum eng mit dem Selbstwert zusammenhängt -sei es, dass diese Personen einen grandios erhöhten Selbstwert haben und deshalb der Meinung sind, dass man sie überhaupt nicht kränken darf; oder sei es, dass sie das Gefühl haben: Eh klar, mit mir kann man das ja machen. Beides sind Methoden, auf Kränkungen passiv aggressiv zu reagieren, wobei eine einzelne Episode generalisiert und auf alle Beziehungen der Welt umgelegt wird. Das ist eine Katastrophe, auch volkswirtschaftlich, weil diese Menschen oft berufsunfähig sind und überall nur Angriffe gegen sich sehen.

DIE FURCHE: Wie kann man ihnen helfen?

Kastner: Leider lassen sie sich meist nicht helfen, weil sie das Problem nicht bei sich, sondern bei allen anderen sehen und deshalb auch keinen Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen. Es gibt aber auch gesamtgesellschaftlich das Phänomen, schicksalshaftes Unrecht nicht mehr zu akzeptieren -was ich als großes Problem unserer Zeit empfinde. Dass die Welt nicht gerecht ist, wird in dem Maß inakzeptabler, in dem die Transzendenz abnimmt: Jene, die früher Ungerechtigkeiten inakzeptabel fanden, hatten zumindest im Hinterkopf die Hoffnung, dass irgendwann im Jenseits ein Ausgleich stattfindet - nach dem Motto: Spätestens am dies irae wird er sein Fett abbekommen. Ein evangelischer Theologe hat mir gegenüber unlängst die zentrale Botschaft Jesu am Kreuz so formuliert: Es kann Unrecht geschehen und man kann es auch hinnehmen. Doch heute ist es nicht mehr en vogue, sich mit Unrecht zu arrangieren. Das kann auch zum Problem werden.

DIE FURCHE: Kommen wir zurück zu denen, die auf subjektiv empfundenes Unrecht gewalttätig reagieren: Gibt es bei fehlender Anerkennung typische Delikte?

Kastner: Ganz typisch sind Eifersuchtsdelikte, die in einer Emotion des doppelten Zweifels entstehen: Zweifel am anderen, aber auch am eigenen Wert: Wenn ich so toll bin, kann mich ja der andere nicht für entbehrlich deklarieren. Also bestrafe ich ihn dafür, dass er mich nicht so anerkennt wie ich es gerne hätte. So genannte "Familientragödien" sind meist Folgen einer solchen Kränkung des Selbstwerts. Sexualdelikte an Unbekannten sind wiederum so zu erklären, dass man an das Objekt, das einen gekränkt hat, nicht herankommt und sich ein Ersatzobjekt sucht. Im Kern sind Sexualdelikte also Machtdelikte, bei denen man sich des anderen bemächtigt. Das Wort "Potenz" bezeichnet diese Doppeldeutigkeit sehr gut.

DIE FURCHE: Das Gefängnis ist für diese Täter meist vorläufige Endstation. Wieviel Anerkennung erhalten sie hier noch?

Kastner: In diesem System gibt es zwei Parallelwelten: Die offizielle Hierarchie, in der man nicht sonderlich mächtig ist, und die interne Hierarchie, in der man sich durchaus einen gewissen Selbstwert erwirtschaften kann -leider oft durch Fähigkeiten, die einem später im Leben nicht viel helfen: Derjenige, der am geschicktesten Drogen reinschmuggelt, erhält schon ein gerüttelt Maß an Anerkennung. Ich glaube aber, dass sich das System Gefängnis, so verbiegend es in sich ist, in den letzten Jahren deutlich verbessert hat: Der Umgang der Justizwachebeamten mit den Insassen ist in meinen Augen in den meisten Fällen adäquat -und die Annahme, dass in der Justiz die Verachtung eine gelebte Alltagsrealität sei, grundfalsch. Das Problem entsteht eher dann, wenn die Insassen nach verbüßter Strafe rauskommen. Es gibt Leute, die nach dem Motto "Kinderschänder raus aus dem Dorf!" agieren und sogar die Namen von ehemaligen Häftlingen ins Internet stellen. Damit verhindern sie, dass die Entlassenen wieder Fuß fassen können und einen lebbaren Selbstwert erhalten -doch wenn sie den nicht erhalten, steigt das Rückfallrisiko. Es ist also nicht nur unmoralisch, auf diese Weise sein Mütchen zu kühlen, es ist auch unglaublich dumm.

BUCHTIPP

Von der Kränkung zum Verbrechen

Wut ist kein angenehmes Gefühl -weder für denjenigen, der sie empfindet, noch für denjenigen, den sie trifft. Und doch ist sie eine von mehreren menschlichen Basisemotionen. Entsprechend verheerend sind nach Ansicht Adelheid Kastners die Folgen jahrelang unterdrückter Wut: Sie reichen von psychosomatischen Erkrankungen über chronische Verbitterung bis hin zu brutaler Gewalt. In ihrem Buch "Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl" liefert Kastner neben einer Kulturgeschichte dieser Emotion zahlreiche drastische Beispiele dafür, wie sich jahrelang aufgestaute und niemals "portionsweise" entladene Wut Bahn brechen kann. Um das zu verhindern, plädiert die Psychiaterin "für die Wahrnehmung der eigenen Emotion, der echten Gestimmtheit und für die Kommunikation diese Gestimmtheit in verträglicher, aber klarer und deutlicher Form." Glücklich, wer dazu fähig ist. (dh)

Wut Plädoyer für ein verpöntes Gefühl. Von Heidi Kastner Kremayr &Scheriau 2014.128 Seiten, geb., € 14,90

Adelheid Kastner ist eine der bekanntesten Gerichtspsychiaterinnen des Landes. Vergangene Woche hat sie bei der 64. Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg über die (forensischen) Tücken fehlender Anerkennung gesprochen.

DIE FURCHE: Sie arbeiten seit Jahren mit Straftätern. Wie groß ist bei diesen Menschen das Problem fehlender Anerkennung?

Adelheid Kastner: Sehr, sehr groß, wobei ich weniger von fehlender Anerkennung als von fehlendem oder mangelndem Selbstwert sprechen möchte. Dieses Phänomen kann natürlich auch die Folge fehlender Anerkennung sein, geht aber darüber hinaus. Aus meiner langjährigen Beobachtung ist mangelnder Selbstwert jedenfalls die Basis fast jedes Deliktes. Man will sich zumindest temporär als mächtig, potent oder übermächtig erleben - oder man sagt sich: Wenn ihr mir rückmeldet, dass ich euch nichts wert bin, dann brauche ich mich auch nicht an eure Regeln halten.

DIE FURCHE: Der erste und wichtigste Ort, an dem Anerkennung erfahren wird -oder auch nicht -, ist die Familie. Wie zeigt sich hier mangelnde Anerkennung?

Kastner: Sie zeigt sich, wenn es keine Akzeptanz für das Kind an sich gibt, ohne dass es eine Leistung erbringt. Hier rede ich nicht davon, dass ein Kind für ein gutes Zeugnis etwas bekommt, sondern hier geht es um eine Erfahrung in den ersten, prägenden Lebensjahren - und um eine entsprechende Haltung der Eltern. Wenn ein Kind mitbekommt, dass ihm von ihnen leistungsunabhängig ein Wert zugeschrieben wird, ist das die Basis für einen vernünftigen Selbstwert.

DIE FURCHE: Diese Basis ist vermutlich bei vielen Menschen nicht gegeben, aber die wenigsten werden kriminell und auch nicht alle psychisch geschädigt -Stichwort Resilienz, also psychische Widerstandskraft...

Kastner: Das ist richtig. Es gibt Kinder, die trotz mangelnder Anerkennung nicht besonders gestört sind. Es gibt aber auch jene, die sich als Reaktion in ihrem Selbstwert dramatisch überhöhen und mit der Überzeugung daherkommen: Ich bin der Beste, Schönste, Größte, kniet nieder! Wobei dieser Narzissmus nicht nur das Ergebnis einer wenig wertvermittelnden, sondern auch einer extrem verwöhnenden Erziehung sein kann. Als weitere Gruppe gibt es die geborenen Opfer, die sich sagen: Mit mir kann man eh alles machen, ich habe es nicht besser verdient. Und schließlich gibt es jene, die in Rebellion verfallen und sich denken: Wenn ich euch nichts wert bin, dann seid ihr mir auch nichts wert. Diese Gruppe findet sich relativ häufig bei Tätern.

DIE FURCHE: Vom Rebellieren zum Zuschlagen ist es aber noch ein weiterer Schritt...

Kastner: Ja, zuschlagen kann man nur bei einem Mangel an Empathie -und das geht häufig Hand in Hand mit mangelnder Anerkennung. Wenn ich aus einer Familie komme, in der ich nicht geachtet wurde für mein Sein und ich nicht wahrgenommen habe, dass mich jemand anderer emotional in sich trägt, dann werde ich selbst auch niemand anderen in mir tragen können. Empathie ist keine Einbahn, sondern sie beruht auf Gegenseitigkeit. Und wenn ich sie nicht gelernt habe, werde ich auch kaum Probleme haben, jemand anderem weh zu tun.

DIE FURCHE: Welche gesellschaftlich anerkannten Formen gibt es, mangelnde Anerkennung in der Kindheit zu kompensieren?

Kastner: Die gängigste Strategie ist sicher Leistung -bis hin zum Burnout, der einzigen psychischen Störung, die in unserer Gesellschaft anerkannt ist, weil sie aus übermäßiger Leistungsbereitschaft resultiert. Wenn Leistung das einzige ist, was mich ausmacht, bleibe ich aber im Kern arm und bedürftig. Spätestens beim Pensionsschock, wenn die ganze Anerkennung wegfällt, stehe ich wieder vor dem Nichts. Eine andere Kompensationsmöglichkeit besteht darin, sich über eine andere Person, etwa den Partner, zu definieren -diesen Weg beschreiten vielfach Frauen. Doch auch diese Wertigkeit ist brüchig und versinkt spätestens dann im Nichts, wenn es zu einer Trennung kommt. Manche Frauen bleiben deshalb in unglaublich defizitären Beziehungen. Und selbst wenn sie sich trennen, gehen sie meist nach exakt demselben Muster in die nächste Beziehung.

DIE FURCHE: Neben tatsächlichem Anerkennungsmangel gibt es auch das Phänomen, dass Menschen scheinbar banale Ereignisse als unglaubliche Kränkung und fortan die ganze Welt als ungerecht empfinden. In Ihrem jüngsten Buch "Wut" schreiben Sie, dass zwei bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung mit einer solchen "chronischen Verbitterungsstörung" reagieren würden.

Kastner: Ja, diese Menschen nehmen Kränkungen als unverzeihlich und lebenslang vorhaltbar wahr. Wobei dieses Phänomen wiederum eng mit dem Selbstwert zusammenhängt -sei es, dass diese Personen einen grandios erhöhten Selbstwert haben und deshalb der Meinung sind, dass man sie überhaupt nicht kränken darf; oder sei es, dass sie das Gefühl haben: Eh klar, mit mir kann man das ja machen. Beides sind Methoden, auf Kränkungen passiv aggressiv zu reagieren, wobei eine einzelne Episode generalisiert und auf alle Beziehungen der Welt umgelegt wird. Das ist eine Katastrophe, auch volkswirtschaftlich, weil diese Menschen oft berufsunfähig sind und überall nur Angriffe gegen sich sehen.

DIE FURCHE: Wie kann man ihnen helfen?

Kastner: Leider lassen sie sich meist nicht helfen, weil sie das Problem nicht bei sich, sondern bei allen anderen sehen und deshalb auch keinen Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen. Es gibt aber auch gesamtgesellschaftlich das Phänomen, schicksalshaftes Unrecht nicht mehr zu akzeptieren -was ich als großes Problem unserer Zeit empfinde. Dass die Welt nicht gerecht ist, wird in dem Maß inakzeptabler, in dem die Transzendenz abnimmt: Jene, die früher Ungerechtigkeiten inakzeptabel fanden, hatten zumindest im Hinterkopf die Hoffnung, dass irgendwann im Jenseits ein Ausgleich stattfindet - nach dem Motto: Spätestens am dies irae wird er sein Fett abbekommen. Ein evangelischer Theologe hat mir gegenüber unlängst die zentrale Botschaft Jesu am Kreuz so formuliert: Es kann Unrecht geschehen und man kann es auch hinnehmen. Doch heute ist es nicht mehr en vogue, sich mit Unrecht zu arrangieren. Das kann auch zum Problem werden.

DIE FURCHE: Kommen wir zurück zu denen, die auf subjektiv empfundenes Unrecht gewalttätig reagieren: Gibt es bei fehlender Anerkennung typische Delikte?

Kastner: Ganz typisch sind Eifersuchtsdelikte, die in einer Emotion des doppelten Zweifels entstehen: Zweifel am anderen, aber auch am eigenen Wert: Wenn ich so toll bin, kann mich ja der andere nicht für entbehrlich deklarieren. Also bestrafe ich ihn dafür, dass er mich nicht so anerkennt wie ich es gerne hätte. So genannte "Familientragödien" sind meist Folgen einer solchen Kränkung des Selbstwerts. Sexualdelikte an Unbekannten sind wiederum so zu erklären, dass man an das Objekt, das einen gekränkt hat, nicht herankommt und sich ein Ersatzobjekt sucht. Im Kern sind Sexualdelikte also Machtdelikte, bei denen man sich des anderen bemächtigt. Das Wort "Potenz" bezeichnet diese Doppeldeutigkeit sehr gut.

DIE FURCHE: Das Gefängnis ist für diese Täter meist vorläufige Endstation. Wieviel Anerkennung erhalten sie hier noch?

Kastner: In diesem System gibt es zwei Parallelwelten: Die offizielle Hierarchie, in der man nicht sonderlich mächtig ist, und die interne Hierarchie, in der man sich durchaus einen gewissen Selbstwert erwirtschaften kann -leider oft durch Fähigkeiten, die einem später im Leben nicht viel helfen: Derjenige, der am geschicktesten Drogen reinschmuggelt, erhält schon ein gerüttelt Maß an Anerkennung. Ich glaube aber, dass sich das System Gefängnis, so verbiegend es in sich ist, in den letzten Jahren deutlich verbessert hat: Der Umgang der Justizwachebeamten mit den Insassen ist in meinen Augen in den meisten Fällen adäquat -und die Annahme, dass in der Justiz die Verachtung eine gelebte Alltagsrealität sei, grundfalsch. Das Problem entsteht eher dann, wenn die Insassen nach verbüßter Strafe rauskommen. Es gibt Leute, die nach dem Motto "Kinderschänder raus aus dem Dorf!" agieren und sogar die Namen von ehemaligen Häftlingen ins Internet stellen. Damit verhindern sie, dass die Entlassenen wieder Fuß fassen können und einen lebbaren Selbstwert erhalten -doch wenn sie den nicht erhalten, steigt das Rückfallrisiko. Es ist also nicht nur unmoralisch, auf diese Weise sein Mütchen zu kühlen, es ist auch unglaublich dumm.

BUCHTIPP

Von der Kränkung zum Verbrechen

Wut ist kein angenehmes Gefühl -weder für denjenigen, der sie empfindet, noch für denjenigen, den sie trifft. Und doch ist sie eine von mehreren menschlichen Basisemotionen. Entsprechend verheerend sind nach Ansicht Adelheid Kastners die Folgen jahrelang unterdrückter Wut: Sie reichen von psychosomatischen Erkrankungen über chronische Verbitterung bis hin zu brutaler Gewalt. In ihrem Buch "Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl" liefert Kastner neben einer Kulturgeschichte dieser Emotion zahlreiche drastische Beispiele dafür, wie sich jahrelang aufgestaute und niemals "portionsweise" entladene Wut Bahn brechen kann. Um das zu verhindern, plädiert die Psychiaterin "für die Wahrnehmung der eigenen Emotion, der echten Gestimmtheit und für die Kommunikation diese Gestimmtheit in verträglicher, aber klarer und deutlicher Form." Glücklich, wer dazu fähig ist. (dh)

Wut Plädoyer für ein verpöntes Gefühl. Von Heidi Kastner Kremayr &Scheriau 2014.128 Seiten, geb., € 14,90

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