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Gesellschaft

Das Böse verstehen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Aktuelle Bücher versuchen, das Böse im Menschen zu erklären und Hintergründe, die zu bösen Taten führen, zu beleuchten. Doch wie weit darf man dabei gehen, was können wir wirklich aus den grauslichen Fällen der Kriminalgeschichte lernen?

Es darf in keinem Vorwort fehlen: In drei Büchern zum Bösen merken die Autoren, die Autorin eine Beobachtung an: Immer wenn ein schreckliches Verbrechen passiert, ist die erste Reaktion aus dem Umfeld: „Der doch nicht! Der war doch so normal und grüßte immer freundlich.“ Wenig später sehen die Menschen das schon anders: „Der war schon irgendwie komisch!“

Mit dieser Alltagsbeobachtung wollen Autoren wie die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner und ihr Fachkollege Reinhard Haller (Rezensionen, sie unten) deutlich machen: Das „Böse“ ist mitten unter uns und sieht ziemlich „normal“ aus, eben nicht wie eine „Bestie“ mit funkelnden Augen. Bei Kastner stehen böse Handlungen von Vätern gegenüber ihren Kindern im Zentrum, bei ihrem Kollegen Haller gleich das gesamte Spektrum des Bösen. Die Steigerung des Bösen scheint die Bestie. Auch der Kriminalpsychologe Thomas Müller erwähnt in seinem Buch „Bestie Mensch“ diese Beobachtung.

So hoch umstritten die Frage ist, ob das Böse tatsächlich in jedem von uns stecke oder mitten unter uns weile, neben uns in der Straßenbahn und sogar im eigenen Bett (siehe Seite 21), so macht doch diese Beobachtung eines deutlich: Handlungen, die wir als unmoralisch, falsch, unrecht, grausam, kurz als böse bezeichnen, wollen irgendwie verstanden werden. Wir wollen aus Neugier über die Abgründe der anderen und auch der eigenen wissen, warum ein Mensch zu Mord, Missbrauch, Totschlag fähig ist.

Die eigenen Abgründe beleuchten

Doch genau in diesem Punkt herrscht ein gewisses Paradoxon vor: Manche Menschen wollen alle Details wissen, teils aus purem Hang zum Horror, doch erfahren sie etwa über die schreckliche Kindheit des Täters oder die jahrelange Pein der Täterin, dann kämpfen sie mit sich, wie viel Verständnis oder Abscheu dem Täter zustehe.

Dieses Dilemma ist etwa Gerichtspsychiaterinnen und -psychiatern nur zu bekannt, umso mehr noch gehen sie auf dieses Missverständnis ein, wenn sie Bücher publizieren. So schreibt Heidi Kastner gleich zu Beginn ihres Buches „Täter-Väter“: „Verstehen ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Aufdecken von Denkmustern, das Erhellen verborgener Motive und das Erkennen ihrer Entstehungsgeschichte.“ Das sei auch ihre Aufgabe als Gerichtspsychiaterin, das stehe dem Täter in einem Rechtsstaat zu, das habe mit Gutheißen oder gar Entschuldigen nichts zu tun, so Kastner im Gespräch mit der FURCHE. Das müsste auch einleuchten, tut es aber nicht immer. So sagt Haller, dass er immer wieder ablehnende Äußerungen vernehme, wenn er im Gericht auf die schwierige Kindheit eines Täters hinweisen müsse. „Das hat doch nichts damit zu tun, dass man Verhalten entschuldigt, es ist psychologisch verstehbar, dass jemand, der eine lieblose Mutter hatte, selbst lieblos wird.“

Das Gericht, die Geschworenen, dürften jedoch auch Verständnis haben, gar Mitgefühl. Reinhard Haller führt dies mit Beispielen in seinem Buch aus und will damit vor allem aufzeigen: Es sei von persönlichen Wertungen abhängig, was böse oder nicht böse sei bzw. wie böse eine Handlung eingestuft werde, erklärt Haller.

So beschreibt er folgenden Fall: Das männliche Opfer wies 63 Messerstiche auf, sein Genitale war abgetrennt und sogar die Augen wiesen Stichwunden auf. Die Stiche mussten mit großer Wucht ausgeführt worden sein, sodass die Kriminalbeamten zunächst an einen männlichen Täter dachten. Doch der Täter war ein zartes 18-jähriges Mädchen, die Freundin des Toten, Sabine K. Die Täterin erzählte danach die Geschichte ihrer Beziehung, die von Erniedrigung, Gewalt und Ablehnung geprägt war. Ein Beispiel, das nicht nur aufzeigt, wie relativ das „Böse“ sein kann, sondern auch wie „normal“ es daherkommt. Auch wenn die These umstritten ist, so macht gerade ein Beispiel wie dieses deutlich, dass wohl jeder unter bestimmten schrecklichen Umständen zu einer extremen Tat fähig ist. „Ich traue jedem einen Mord zu, in jedem von uns steckt ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, meint auch der frühere Richter und jetzige Präsident des Kriminal-Opferschutzvereins „Weißer Ring“, Udo Jesionek.

Doch das „Normale“ ist eine ebenso zweifelhafte Kategorie wie das „Böse“, führt auch der Grazer Philosoph Peter Strasser in seinem einleitenden Essay (Seite 21) aus.

Und manchmal ist eine böse Handlung in Wahrheit eine kranke. Heidi Kastner führt etwa ein Beispiel eines schwer depressiven Landwirtes an, der seine Kinder mit in den Selbstmord nahm.

In der Mehrzahl der Fälle, führt Kastner aus, sei die Frage der Schuldfähigkeit relativ klar. „Es gibt wenige Grenzfälle, wo man das Ausmaß der Störung gegen die Entscheidungsfreiheit, die jemand noch hat, abwägen muss. Das ist eine subjektive Wertung. Es gibt keine harten objektiven Kriterien für das Ausmaß der Willensfreiheit.“

Kastner verweist in ihrem Buch auf pädophile Männer, die ihrer Sicht nach die Wahl zwischen „Pest und Cholera“ hätten. Entweder sie können ihre Sexualität nicht leben oder sie riskieren strafrechtliche Sanktionen und gesellschaftliche Ächtung. Doch sie gelten als schuldfähig, weil ihre Störung nicht zur Aufhebung des Wissens und der Normen führt, was andere schädigt.

Selbst bei klarer Grenzziehung zwischen Verstehen und Verständnis, Willensfreiheit und Schuldunfähigkeit bleibt die Frage, was man von solchen Büchern mit Fallgeschichten und Analysen von böse Menschen hat, die durch böse Umstände oder durch böse Absichten zu bösen Handlungen getrieben wurden oder solche planmäßig vollzogen – außer Grusel-Effekte, Thrill und das angenehme Gefühl, es besser im Leben erwischt zu haben?

Vom Bösen lernen?

Die hier erwähnte Autoren sind davon überzeugt, dass man von ihren Büchern lernen könne. Heidi Kastner verweist auf ihr Anliegen, dass ihre Leser „dieses hochstilisierte und hochdramatische Thema Missbrauch differenzierter betrachten“. Es gebe eben nicht „den“ Missbraucher, es gebe ganz unterschiedliche Tätergruppen. Auch glaubt sie, dass ihr Buch eine vorbeugende Wirkung haben könne. „Man soll sich gründlich überlegen, was man tut, wie man mit anderen umgeht.“ Auch Haller gibt sich ähnlich optimistisch und hofft auf einen Lerneffekt: Er wolle das Böse ein Stück weit zurückdrängen. Die Menschen sollten aufmerksamer mit sich sein. Haller erklärt, dass er extreme Kriminalfälle hergenommen habe, um die wissenschaftliche Seite der Kategorie abzuhandeln. Aber dort, wo es um das alltägliche Böse gehe, seien die „alltäglicheren“ Verbrechensmotive ins Spiel gekommen: „Wie entwickelt sich das Böse aus Emotionen, Beziehungsproblemen, aus Erziehungsschwierigkeiten, aus negativen Übertragungen zu Vater oder Mutter, aus partnerschaftlichen Spannungen und vor allem aus Kränkungen. Ganz alltägliche Situationen, die jeder kennt, wo jeder angesprochen ist.“

Andere bezweifeln den Lerneffekt, ja fürchten sogar eine negative Wirkung: Würde man böse argumentieren, könnten solche Fallgeschichten für gewisse Menschen sogar eine „Gebrauchsanweisung“ darstellen, sagt Jesionek. Haller verweist wiederum auf den „Urtrieb“ des Menschen, über sich mehr zu wissen. „Wenn wir die böse Tat des anderen sehen, überlegen wir, ob wir nicht ähnliche Überlegungen, Strebungen und Charakterzüge in uns vernehmen.“ Wir würden das eigene Böse in uns nach außen projizieren. Und so mancher würde einwerfen, dass dazu Märchen die bessere Lektüre wären, denn hier obsiegt das Gute, während die Kriminalfallgeschichten meist spätestens beim Gerichtsurteil enden. Was nachher aus dem „Bösen“ wurde, erfährt man nicht.

Aktuelle Bücher versuchen, das Böse im Menschen zu erklären und Hintergründe, die zu bösen Taten führen, zu beleuchten. Doch wie weit darf man dabei gehen, was können wir wirklich aus den grauslichen Fällen der Kriminalgeschichte lernen?

Es darf in keinem Vorwort fehlen: In drei Büchern zum Bösen merken die Autoren, die Autorin eine Beobachtung an: Immer wenn ein schreckliches Verbrechen passiert, ist die erste Reaktion aus dem Umfeld: „Der doch nicht! Der war doch so normal und grüßte immer freundlich.“ Wenig später sehen die Menschen das schon anders: „Der war schon irgendwie komisch!“

Mit dieser Alltagsbeobachtung wollen Autoren wie die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner und ihr Fachkollege Reinhard Haller (Rezensionen, sie unten) deutlich machen: Das „Böse“ ist mitten unter uns und sieht ziemlich „normal“ aus, eben nicht wie eine „Bestie“ mit funkelnden Augen. Bei Kastner stehen böse Handlungen von Vätern gegenüber ihren Kindern im Zentrum, bei ihrem Kollegen Haller gleich das gesamte Spektrum des Bösen. Die Steigerung des Bösen scheint die Bestie. Auch der Kriminalpsychologe Thomas Müller erwähnt in seinem Buch „Bestie Mensch“ diese Beobachtung.

So hoch umstritten die Frage ist, ob das Böse tatsächlich in jedem von uns stecke oder mitten unter uns weile, neben uns in der Straßenbahn und sogar im eigenen Bett (siehe Seite 21), so macht doch diese Beobachtung eines deutlich: Handlungen, die wir als unmoralisch, falsch, unrecht, grausam, kurz als böse bezeichnen, wollen irgendwie verstanden werden. Wir wollen aus Neugier über die Abgründe der anderen und auch der eigenen wissen, warum ein Mensch zu Mord, Missbrauch, Totschlag fähig ist.

Die eigenen Abgründe beleuchten

Doch genau in diesem Punkt herrscht ein gewisses Paradoxon vor: Manche Menschen wollen alle Details wissen, teils aus purem Hang zum Horror, doch erfahren sie etwa über die schreckliche Kindheit des Täters oder die jahrelange Pein der Täterin, dann kämpfen sie mit sich, wie viel Verständnis oder Abscheu dem Täter zustehe.

Dieses Dilemma ist etwa Gerichtspsychiaterinnen und -psychiatern nur zu bekannt, umso mehr noch gehen sie auf dieses Missverständnis ein, wenn sie Bücher publizieren. So schreibt Heidi Kastner gleich zu Beginn ihres Buches „Täter-Väter“: „Verstehen ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Aufdecken von Denkmustern, das Erhellen verborgener Motive und das Erkennen ihrer Entstehungsgeschichte.“ Das sei auch ihre Aufgabe als Gerichtspsychiaterin, das stehe dem Täter in einem Rechtsstaat zu, das habe mit Gutheißen oder gar Entschuldigen nichts zu tun, so Kastner im Gespräch mit der FURCHE. Das müsste auch einleuchten, tut es aber nicht immer. So sagt Haller, dass er immer wieder ablehnende Äußerungen vernehme, wenn er im Gericht auf die schwierige Kindheit eines Täters hinweisen müsse. „Das hat doch nichts damit zu tun, dass man Verhalten entschuldigt, es ist psychologisch verstehbar, dass jemand, der eine lieblose Mutter hatte, selbst lieblos wird.“

Das Gericht, die Geschworenen, dürften jedoch auch Verständnis haben, gar Mitgefühl. Reinhard Haller führt dies mit Beispielen in seinem Buch aus und will damit vor allem aufzeigen: Es sei von persönlichen Wertungen abhängig, was böse oder nicht böse sei bzw. wie böse eine Handlung eingestuft werde, erklärt Haller.

So beschreibt er folgenden Fall: Das männliche Opfer wies 63 Messerstiche auf, sein Genitale war abgetrennt und sogar die Augen wiesen Stichwunden auf. Die Stiche mussten mit großer Wucht ausgeführt worden sein, sodass die Kriminalbeamten zunächst an einen männlichen Täter dachten. Doch der Täter war ein zartes 18-jähriges Mädchen, die Freundin des Toten, Sabine K. Die Täterin erzählte danach die Geschichte ihrer Beziehung, die von Erniedrigung, Gewalt und Ablehnung geprägt war. Ein Beispiel, das nicht nur aufzeigt, wie relativ das „Böse“ sein kann, sondern auch wie „normal“ es daherkommt. Auch wenn die These umstritten ist, so macht gerade ein Beispiel wie dieses deutlich, dass wohl jeder unter bestimmten schrecklichen Umständen zu einer extremen Tat fähig ist. „Ich traue jedem einen Mord zu, in jedem von uns steckt ein Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, meint auch der frühere Richter und jetzige Präsident des Kriminal-Opferschutzvereins „Weißer Ring“, Udo Jesionek.

Doch das „Normale“ ist eine ebenso zweifelhafte Kategorie wie das „Böse“, führt auch der Grazer Philosoph Peter Strasser in seinem einleitenden Essay (Seite 21) aus.

Und manchmal ist eine böse Handlung in Wahrheit eine kranke. Heidi Kastner führt etwa ein Beispiel eines schwer depressiven Landwirtes an, der seine Kinder mit in den Selbstmord nahm.

In der Mehrzahl der Fälle, führt Kastner aus, sei die Frage der Schuldfähigkeit relativ klar. „Es gibt wenige Grenzfälle, wo man das Ausmaß der Störung gegen die Entscheidungsfreiheit, die jemand noch hat, abwägen muss. Das ist eine subjektive Wertung. Es gibt keine harten objektiven Kriterien für das Ausmaß der Willensfreiheit.“

Kastner verweist in ihrem Buch auf pädophile Männer, die ihrer Sicht nach die Wahl zwischen „Pest und Cholera“ hätten. Entweder sie können ihre Sexualität nicht leben oder sie riskieren strafrechtliche Sanktionen und gesellschaftliche Ächtung. Doch sie gelten als schuldfähig, weil ihre Störung nicht zur Aufhebung des Wissens und der Normen führt, was andere schädigt.

Selbst bei klarer Grenzziehung zwischen Verstehen und Verständnis, Willensfreiheit und Schuldunfähigkeit bleibt die Frage, was man von solchen Büchern mit Fallgeschichten und Analysen von böse Menschen hat, die durch böse Umstände oder durch böse Absichten zu bösen Handlungen getrieben wurden oder solche planmäßig vollzogen – außer Grusel-Effekte, Thrill und das angenehme Gefühl, es besser im Leben erwischt zu haben?

Vom Bösen lernen?

Die hier erwähnte Autoren sind davon überzeugt, dass man von ihren Büchern lernen könne. Heidi Kastner verweist auf ihr Anliegen, dass ihre Leser „dieses hochstilisierte und hochdramatische Thema Missbrauch differenzierter betrachten“. Es gebe eben nicht „den“ Missbraucher, es gebe ganz unterschiedliche Tätergruppen. Auch glaubt sie, dass ihr Buch eine vorbeugende Wirkung haben könne. „Man soll sich gründlich überlegen, was man tut, wie man mit anderen umgeht.“ Auch Haller gibt sich ähnlich optimistisch und hofft auf einen Lerneffekt: Er wolle das Böse ein Stück weit zurückdrängen. Die Menschen sollten aufmerksamer mit sich sein. Haller erklärt, dass er extreme Kriminalfälle hergenommen habe, um die wissenschaftliche Seite der Kategorie abzuhandeln. Aber dort, wo es um das alltägliche Böse gehe, seien die „alltäglicheren“ Verbrechensmotive ins Spiel gekommen: „Wie entwickelt sich das Böse aus Emotionen, Beziehungsproblemen, aus Erziehungsschwierigkeiten, aus negativen Übertragungen zu Vater oder Mutter, aus partnerschaftlichen Spannungen und vor allem aus Kränkungen. Ganz alltägliche Situationen, die jeder kennt, wo jeder angesprochen ist.“

Andere bezweifeln den Lerneffekt, ja fürchten sogar eine negative Wirkung: Würde man böse argumentieren, könnten solche Fallgeschichten für gewisse Menschen sogar eine „Gebrauchsanweisung“ darstellen, sagt Jesionek. Haller verweist wiederum auf den „Urtrieb“ des Menschen, über sich mehr zu wissen. „Wenn wir die böse Tat des anderen sehen, überlegen wir, ob wir nicht ähnliche Überlegungen, Strebungen und Charakterzüge in uns vernehmen.“ Wir würden das eigene Böse in uns nach außen projizieren. Und so mancher würde einwerfen, dass dazu Märchen die bessere Lektüre wären, denn hier obsiegt das Gute, während die Kriminalfallgeschichten meist spätestens beim Gerichtsurteil enden. Was nachher aus dem „Bösen“ wurde, erfährt man nicht.