Matura

DISKURS
Konflikt Eltern Kinder Matura - Eine Mutter mit einem Megaphon ruft ihrer Tochter, die sich die Augen zuhält, ins Ohr.  - © Symbolfoto: iStock/ Jamie Grill

Eltern im Maturastress

Die Abschlussprüfungen sind in vielen Familien ein Streitthema. Wie gelingt der Balanceakt zwischen Fürsorge und Vertrauen – und was tun, wenn das Kind nicht besteht?

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„Für mich fühlt sich die Matura nicht besonders an“, sagt der 17-jährige Wiener Kajetan. „Es ist so, als hätte ich drei längere Schularbeiten“. Auch seine Mutter Caroline Culen, Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, ist einige Tage vor den Abschlussprüfungen des jüngsten ihrer vier Kinder entspannt. Als ihr ältester Sohn damals maturierte, seien alle deutlich nervöser gewesen. (Lesen Sie hier ein Interview mit Caroline Culen über die größten Herausforderungen in der Kindergesundheit).

Damit ist die Familie eher die Ausnahme, denn für viele bedeutet die Maturazeit Stress pur. Gestritten wird über Zeitmanagement, vorwissenschaftliche Arbeiten, Freizeitaktivitäten oder das Handy. Neben dem Leistungsdruck bringt das Maturajahr auch wichtige Zukunftsentscheidungen: Bundesheer oder Zivildienst? Studium oder Ausbildung – und wenn ja, welche? Parallel werden Maturareisen, Abschlussbälle oder der Umzug des Kindes in eine andere Stadt organisiert. Für die Eltern ist es ein Balanceakt zwischen Fürsorge und Loslassen, der nicht wenige an den Rand der Verzweiflung bringt.

Caroline Culen, Kinderliga Psychologin - © Jana Madzigon

Caroline Culen

Die Psychologin Caroline Culen ist Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder und Jugendgesundheit. Außerdem ist sie Mutter von vier Kindern.

Die Psychologin Caroline Culen ist Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder und Jugendgesundheit. Außerdem ist sie Mutter von vier Kindern.

„Eigentlich sind die 18-Jährigen junge Erwachsene, aber aus unserer Sicht sind sie immer unsere Kinder“, bringt es die Schulpsychologin Zehra Gümüs auf den Punkt. Das wird zur Belastung, gerade in Zeiten des Hyperparenting, in denen sich vor allem gut situierte Eltern für das Lebensglück ihres Nachwuchses hauptverantwortlich fühlen. Die Wirtschaftslage macht die Situation nicht besser: Die Anforderungen am Arbeitsmarkt steigen, eine solide Berufsausbildung oder gar ein Studium sind in vielen Branchen zur Mindestanforderung geworden. So werden aus Sorgen Streitereien

Das ist die Ursache für viele Konflikte

„Es war ein Kampf, auch zwischen uns beiden“, sagt Caroline Culen. Sohn Kajetan hatte schon die eine oder andere schulische Herausforderung – die Schularbeitsnoten in Mathematik waren nicht immer befriedigend. Mit dem Stress geht jedes Kind anders um, das weiß die Mehrfach-Mama und Psychologin. Manche verdrängen, andere bekommen psychosomatische Beschwerden von Bauchweh bis Kopfweh. Den Druck spüren am Ende alle, selbst die guten Schülerinnen und Schüler, die mit herausragenden Noten glänzen wollen – oder sollen. (Lesen Sie hier den Gastkommentar „Warum die Bewertung mit Ziffern letztlich Verlierer produziert“).

Dass sich hinter den Konflikten auch Abschiedsschmerz verbirgt, ist Culen bewusst. „Als meine Kinder maturiert haben, dachte ich, dass ich jetzt nichts mehr zu geben habe“. Mittlerweile, beim vierten Durchgang, habe sich diese Sorge relativiert. Aber eine Frage belastet sie dennoch in jedem Maturajahr aufs Neue: „Habe ich genug für mein Kind getan?“

Johannes Achammer Psychologe - © Privat

Johannes Achammer

Johannes Achammer ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er berät Familien und Jugendliche auch in herausfordernden Zeiten, wie etwa vor der Matura.

Johannes Achammer ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er berät Familien und Jugendliche auch in herausfordernden Zeiten, wie etwa vor der Matura.

Dass sich hinter den Konflikten auch Abschiedsschmerz verbirgt, ist Culen bewusst. „Als meine Kinder maturiert haben, dachte ich, dass ich jetzt nichts mehr zu geben habe“. Mittlerweile, beim vierten Durchgang, habe sich diese Sorge relativiert. Aber eine Frage belastet sie dennoch in jedem Maturajahr aufs Neue: „Habe ich genug für mein Kind getan?“

Immer mehr Erziehungsberechtigte ringen mit sich, völlig verunsichert, was für den Nachwuchs das Beste ist. Manche orientieren sich an den eigenen Lebenserfahrungen und projizieren ihre Wünsche auf ihre Söhne und Töchter. „Viele Eltern kommen mit Vergleichen aus ihrer eigenen Schul- oder Maturazeit daher – nur ist das 30 oder 40 Jahre her“, erzählt der Kinder- und Jugendpsychologe Johannes Achammer, der 25 Jahre lang Lehrer war. Die eigentlichen Bedürfnisse der jungen Menschen würden des Öfteren ins Hintertreffen geraten. „Die sitzen dann bei mir in der Praxis und sagen: Das Architekturstudium interessiert mich nicht, aber ich muss es machen,“ erzählt er. Einige Eltern würden die Leistungen ihrer Kinder auch mit jenen der Nachbarn vergleichen, das Außenbild spiele nicht selten eine Rolle.

Eine Frage belastet mich dennoch in jedem Maturajahr aufs Neue: Habe ich genug für mein Kind getan?

Caroline Culen, Mutter von vier Kindern

Natürlich sei dieses Jahr für die Maturanten und Maturantinnen eine Herausforderung. „Die jungen Menschen wollen sich beweisen und fordern gleichzeitig Hilfestellung von den Eltern ein“, sagt Achammer. Im Maturajahr passiere viel – äußerlich und psychologisch, von der Identitätsfindung bis zu den Ablösungsprozessen. Gleichzeitig mangle es in der digitalen Welt an stabilen Vorbildern. „Viele denken, wenn ich so wie meine Eltern werde, dann kann ich nicht viel falsch machen, dann werde ich denselben Lebensstandard haben. Aber die Zeiten haben sich geändert.“

ORF Publikumsrat - ORF-Publikumsrat Walter Famler, Ex-ORFler Udo Bachmair und Golli Marboe, Obmann des „Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien (VsUM)“, diskutierten über öffentlich- rechtlichen Rundfunk (v. li.). - © Inspiris

Golli Marboe

Golli ist Gründer der Initiative "Mental Health Days", die an Schulen österreichweit Workshops über mentale Gesundheit abhält.

Golli ist Gründer der Initiative "Mental Health Days", die an Schulen österreichweit Workshops über mentale Gesundheit abhält.

Diese Problematik sieht auch Golli Marboe. Er ist Gründer der Initiative „Mental Health Days“, mit der er und sein Team an Schulen österreichweit über mentale Gesundheit aufklären. In unserem Bildungssystem gelte die Matura am Ende der höheren Schule als Voraussetzung für ein Studium – alternative Wege, wie etwa die Lehre mit Matura, seien wenig bekannt. „Die Anforderungen an die jungen Menschen sind hoch – ohne Abschluss von der Wirtschaftsuniversität kannst du fast nicht mehr in einer Bank arbeiten“, kritisiert er. In der Stadt beginne der Maturastress schon in der Volksschule. „Die Eltern wollen unbedingt, dass die Kinder ins Gymnasium gehen. In den Volksschulen ist ein Leistungsdruck zu spüren, wie er widerlicher nicht sein kann“, so Marboe. Wenn es nach ihm ginge, dann würde die Zentralmatura wieder abgeschafft. Auch Culen hinterfragt ihre Sinnhaftigkeit, ein Übergangsritual ohne Leistungsmessung wäre ihr lieber. Zumindest sollte den jungen Menschen vermittelt werden, dass der Bildungsweg auch Umwege beinhalten kann.

Ich bin mir sicher, dass es meinen Eltern nicht gepasst hätte, wenn ich die Schule abgebrochen hätte.

Kajetan, Maturant

Kajetan wirkt zum Glück noch recht entspannt. Damit entspricht er laut einer Online-Umfrage von LernQuadrat aus dem Jahr 2024 der Mehrheit der befragten 700 Maturantinnen und Maturanten: Knapp 60 Prozent sagen, sie sind nervös, aber zuversichtlich, gleichzeitig haben immerhin 20 Prozent „keine Ahnung, wie sie die Prüfungen schaffen sollen“. Rund 75 Prozent lernen mithilfe des Internets, fast 40 Prozent in der Gruppe, 20 Prozent mit Nachhilfepersonen. Etwa ein Drittel gibt an, beim Lernen Hilfe von den Eltern zu bekommen. Kajetan findet allerdings, diese sollten die Prüfungsvorbereitung ihren Kindern überlassen. Er tauscht sich mit seinen Freunden darüber aus, wie man effizient lernt und nicht die Nerven verliert – Druck von außen helfe sicherlich nicht. Fast noch mehr beschäftigen den zukünftigen Zivildiener aber die anstehenden sozialen Veränderungen in seinem Leben. „Ich war jetzt zwölf Jahre lang in der Schule. Nach der mündlichen Matura erlebe ich das erste Mal einen Sommer ohne die Aussicht auf Schule im Herbst“. Bisher hätten der Unterricht und damit verbundene Verpflichtungen seinen Tagesablauf vorgegeben. Auf ein „Danach“ sei er kaum vorbereitet.

Hier sieht seine Mutter auch die Schulen in der Verantwortung. Einerseits würden manche Lehrkräfte ab Tag eins der Oberstufe nur mehr von der Matura sprechen, ohne zu bedenken, dass sie 14-Jährige vor sich sitzen haben. Gleichzeitig gebe es gerade im letzten Schuljahr wenig Information für die Eltern. „Für jedes Sportfest gibt es einen Elternabend“, sagt Culen, aber im Maturajahr würden Erziehungsberechtigte nur kontaktiert, wenn alle Stricke reißen. Sie sieht auch einen Widerspruch zwischen den Erwartungen an junge Menschen vor und nach der Matura: „Bis dahin sollen sie funktionieren, im Unterricht ruhig sein, ihre Hausaufgaben abgeben, Leistungen erbringen. Nach der Matura sollen sie plötzlich individuell, innovativ und selbstbewusst sein und ihre Talente entdecken. Von angepasst zu herausragend, und das über Nacht.“ Andererseits lobt Culen die Lehrkräfte, die sich sehr um die Schülerinnen und Schüler bemühen. Bei ihren eigenen Kindern hat sie gesehen, wie viele Lehrkräfte die Schüler durch ihr Engagement langfristig stärken.

Und wenn es schiefgeht?

Letztendlich seien es die Schülerinnen und Schüler, die sich rechtzeitig vorbereiten müssen, am besten mithilfe eines Lernplans, sagt die Schulpsychologin Zehra Gümüs vom Wiener Bildungsministerium. Bei Nervosität empfiehlt sie Entspannungs- und Atemtechniken, Sport und Spaziergänge. Die Aufgabe der Eltern sei es vor allem, zuhause die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. „Sie nehmen eine stabilisierende Rolle ein, indem sie Sicherheit und Präsenz vermitteln.“ Konkret bedeutet das, den Familienalltag zu strukturieren, und zwar nicht erst ein paar Wochen vor der Matura: Die jungen Menschen brauchen Lernroutinenund Räumlichkeiten ohne technische Ablenkungen. Außerdem sollten familiäre Termine gut koordiniert werden, ein spontaner Besuch oder große Feste sollten in akuten Lernphasen vermieden werden.

Eltern sollten den Familienalltag strukturieren: Die jungen Menschen brauchen Lernroutinen und Räumlichkeiten ohne technische Ablenkungen.

Zehra Gümüs, Schulpsychologin

Die Botschaft ist: „Ich sehe, wie hart du arbeitest und es ist egal, wie es ausgeht, ich bin für dich da.“ Eltern müssen nicht alle Probleme lösen, sondern da sein und zuhören, sagt Gümüs. Beratungsangebote, Informationen und den Kontakt zu externer psychologischer Hilfe bekommen Kinder wie Eltern bei der Schulpsychologie. Gümüs‘ Ratschläge entsprechen einer Metapher, die auch die Soziologen Keith Robinson und Angel L. Harris in ihrem Buch „The Broken Compass: Parental Involvement with Children‘s Education“ beschreiben: Eltern sollen lediglich als Bühnenbildner agieren. Das heißt, sie schaffen die Rahmenbedingungen für schulischen Erfolg, ohne an den Lernprozessen der Kinder direkt beteiligt zu sein.

Zehra Gümüs Psychologin - © Privat

Zehra Gümüs

Zehra Gümüs ist im Bildungsministerium unter anderem für die Themen Schulpsychologie, psychosoziale Unterstützung sowie Bildungs- und Berufsberatung zuständig.

Zehra Gümüs ist im Bildungsministerium unter anderem für die Themen Schulpsychologie, psychosoziale Unterstützung sowie Bildungs- und Berufsberatung zuständig.

Ein paar Tage noch bis zur schriftlichen Matura. Wie wäre es für Caroline Culen, wenn ihr Sohn plötzlich entscheiden würde, doch abzubrechen? Beim ersten Kind hätte sie das noch nicht akzeptieren können, jetzt aber schon, sagt sie. Kajetan dreht sich verwundert zu ihr: „Ich bin mir sicher, dass es weder meiner Mutter noch meinem Vater gepasst hätte – auch nicht, wenn ich in der 6. oder 7. Klasse aufgehört hätte“. Culen schmunzelt. „Gut, vielleicht hätte ich gesagt: Du bist schon so weit gekommen, reiß dich zusammen und zieh es durch“.

Trotz Bemühen und Lernen, nicht alle werden die dieswöchige Matura bestehen. Enttäuschung und andere Gefühle zuzulassen und anzusprechen sei in dem Fall wichtig, sagt die Psychologin Zehra Gümüs. Danach sollten Eltern mit ihren Kindern das weitere Vorgehen planen: Was genau ist schiefgelaufen? Lag es an mangelnder Vorbereitung, Lernschwierigkeiten oder Prüfungsangst? Braucht der Schüler oder die Schülerin jetzt Nachhilfe oder psychologische Unterstützung? Vertrauen statt Kontrolle, Ermutigung statt Druck. Eltern schaffen die Bühne –Auftreten müssen die Kinder aber selbst.

Diesen Artikel lesen Sie unter dem Titel „Eltern im Maturastress“ in der Printausgabe der FURCHE vom 7. Mai 2025.

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