In der Ausstellung "Freuds verschwundene Nachbarn" verdichtet sich exemplarisch ein Stück Zeitgeschichte.

Sigmund Freud war der prominenteste Bewohner der Berggasse 19, doch nicht der einzige Psychoanalytiker, der hier lebte. Dorothy Burlingham, Tochter des Glaskünstlers und Juweliers Louis Comfort Tiffany, kam mit ihren Kindern 1925 nach Wien. Amerikanischen Standard gewohnt, ließ sie ihre Wohnung im zweiten Stock von den Architekten Felix Augenfeld und Karl Hofmann umbauen. Ihr ältester Sohn war krank, eine Behandlung bei Anna Freud sollte ihm helfen. Die beiden wurden Freundinnen, der enge Kontakt zur Familie Freud führte dazu, dass Burlingham selbst Therapeutin wurde. Als die Nationalsozialisten 1938 alle psychoanalytischen Institutionen liquidierten, gelang rechtzeitig die Flucht nach London. Dort setzten Anna und Dorothy ihre Arbeit fort. Studientabellen zum Ess- und Schlafverhalten von Zwillingen, die Umbaupläne, ein Foto von Burlinghams Behandlungszimmer sind in der Ausstellung "Freuds verschwundene Nachbarn" zu sehen.

Bürokratische Vernichtung

Ein Drittel seines Vermögens, 31.329 Reichsmark, musste Freud als "Reichsfluchtsteuer" zahlen, um sich die Ausreisegenehmigung und damit sein Leben zu erkaufen. Andere Bewohner der Berggasse 19 gerieten ins Räderwerk der systematisch-bürokratischen Vernichtungsmaschinerie. Im Mai 1939 fiel der Kündigungsschutz für jüdische Mieter, 35.000 standen auf der Straße. Freuds Wohnung im Mezzanin wurde zur Sammelwohnung. Die Klavierlehrerin Friederike Königsberger, der Pensionist Simon Aubauer, die Hausfrau Irma Mellinger, Mina Springer und ihre zwei Söhne, der Lehrer Julius und der Kaufmann Emil Springer teilten sich die Räume. 1941 kamen elf weitere Personen dazu, sie hatten keine Rechte. Friederike Königsberger als "Wohnungsgeber" musste bei allen Untermieten eintreiben und für die Einhaltung der Hausordnung sorgen. Alle 17 Bewohner wurden 1942 in Ghettos und Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Die Nachmieter waren keine Juden, sie lebten unbehelligt hier, bis die Sigmund-Freud-Gesellschaft einzog.

Im Gassenlokal im Parterre lag die gut gehende koschere Fleischerei von Siegmund Kornmehl. Mit Frau Helene besaß er drei Häuser. Sie wurden enteignet, die Vermögensverkehrsstelle wickelte den Verkauf ab. Der Ertrag lag auf einem Sperrkonto der Gemeinde Wien mit der Bezeichnung "Entjudungserlös". Das Paar musste so viel "Sühneabgaben" bezahlen, dass alles ans Deutsche Reich fiel. Ihnen gelang die Flucht nach Palästina, doch die Rückstellung des entzogenen Vermögens verlief langwierig und beschämend. Der Rechtsanwalt Adolf Mathias wohnte im ersten Stock auf Tür 7. Gattin Stefanie war Autorin erfolgreicher Kochbücher, eines ihrer Rezepte ist zu sehen. 1938 musste Mathias seine Kanzlei aufgeben und die Wohnung mit acht Untermietern teilen. Stefanie starb 1941, er musste zwei Mal umsiedeln, am 28. Juni 1942 wurde er mit 982 Personen bei der letzten großen "Umsiedlungsaktion" nach Theresienstadt gebracht. Dort starb er 1943.

Dokumente sprechen

"Freuds verschwundene Nachbarn" ist in seiner Transparenz vorbildlich unmanipulativ. Es braucht keinen sensationellen Schrecken, drastische Bilder, Kommentare: die authentische Aussagekraft der Originaldokumente genügt. Die kalt-korrekte Sprache der Vernichtungsbürokratie ist beklemmend. Verändernde Miets- und Vermögensrechtsverhältnisse, die Lebensschicksale der Bewohner, die systematische Umformung eines jüdischen in ein arisches Haus, Deportation, Vernichtung, Restitutionsverfahren bis zu Tondokumenten aus der Gegenwart machen die ganze Tragweite des Nationalsozialismus spürbar. Rainer Pirker konzipierte eine reduzierte Ausstellungsarchitektur, die sich auf mehreren Ebenen lesen lässt. Ein Foto der Hausfassade zeigt zur groben Orientierung am Originalschauplatz die Lage der verschiedenen Tops, eine Vitrine erläutert die archivarische Logik. Sie dokumentiert, wo Wege der Recherche enden mussten, weil Dokumente nicht einsehbar waren. So werden Lücken freigelegt, ähnlich dem Verdrängten in der Psychoanalyse.

Im Querschnitt des Hauses Berggasse 19 verdichtet sich exemplarisch ein Stück Zeitgeschichte mit allen Konsequenzen bis ins Heute. Jede weitere Vitrine leuchtet am Datenmaterial die wechselvolle Geschichte einer Wohnung aus. Ihre Größe variiert mit der Dokumentenfülle. Die Mieterstruktur des Hauses vermittelt viel vom Reichtum der untergegangenen jüdischen Kultur. Aus den Einzelschicksalen ergeben sich die Schwerpunkte Sammelwohnung - Arisierung - Emigration - Remigration - Rückkehr aus dem Lager - Entschädigungs- und Rückstellpraxis.

Initiative von Schülern

Eine Toninstallation führt in die Gegenwart: ehemalige Mieter, Psychotherapeuten, Bewohner und Museumsbesucher kommen zu Wort. "Ich hab Prof. Freud auf der Stiege getroffen, aber außer einer Begrüßung nicht mit ihm gesprochen. Als ich ungefähr 13 Jahre alt war, hat meine Mutter mich zu Anna Freud zu einer Konsultation genommen", erzählt ein alter Mann. "Aber ich kann mich nicht erinnern, was vorgegangen ist."

Gegen das Vergessen setzen sich die Schüler des Erich-Fried-Realgymnasiums ein. Sie haben zwei Jahre recherchiert, sich mit einzelnen Themen vertieft auseinandergesetzt und ihren eigenen Zugang erarbeitet. Dabei entstand auch das Buch "Vor der Flucht". Die Schüler führen Schüler und Lehrer durch die Schau. Simon aus der 6B: " Mich interessiert die Aktion besonders, weil wir alle Schüler daran erinnern, dass sie die Judenverfolgungen nicht einfach vergessen können. Sie ist Teil der Geschichte von Wien. Nur weil vielen diese Geschichte nicht gefällt, dürfen wir sie nicht einfach ignorieren."

Freuds verschwundene Nachbarn

Sigmund Freud-Museum, Berggasse 19, 1090 Wien; bis 28. September; März bis Juni tägl. 9-17 Uhr, Juli bis September 9-18 Uhr.

Führungen jeden Sonntag um 15 Uhr und gegen Voranmeldung: (01) 319 15 96.

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