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Extreme Ungerechtigkeit? Abgewiesen.

Auch Präsidenten waren nicht sensibel. Karl Renner und Theodor Körner wohnten in der 'arisierten' Villa des Kunstsammlers Gustav Arens in Döbling.

Die österreichische Journalistin Burgl Czeitschner hat nach ihrer Tätigkeit im ORF-Fernsehen und ihrem erfolgreichen Projekt "Kino auf Rädern" ein ungewöhnliches, berührendes Filmdokument mit dem Titel "Let's keep it" geschaffen. Es geht um Liegenschaften von jüdischen Österreichern, die von den Nationalsozialisten durch Beschlagnahme oder fadenscheinige Kaufverträge enteignet wurden und in öffentlichen Besitz gelangten. Erst seit dem Jahr 2001 ermöglichte ihnen das nach dem sogenannten Washingtoner Abkommen in Kraft getretene Gesetz eine Restitution. In dem Film, der bisher noch keinen Vertrieb gefunden hat, konnten zahlreiche Beispiele mit Fotos und privaten Filmaufnahmen dokumentiert werden.

Berührende Dokumente

Antrieb für das aufwendige Projekt war die eigene Biografie der Autorin: "Es war bei einem Spaziergang mit den Eltern in meiner Kindheit in Kärnten. Ich stürzte zu Boden und mein Vater befahl mir, zurückzugehen und auf den Stein zu treten, über den ich gestolpert war. Denn, so meinte er, da liegt bestimmt 'ein Jud' drunter'. Mein Vater prügelte mich oft und ich hatte immer wieder viele Stunden Hausarrest. Meine Eltern waren überzeugte Nationalsozialisten. Über die Leichenberge der Konzentrationslager meinte mein Vater sehr viel später, das wäre Hollywoodpropaganda. Mein Nazi-Großvater gab mir allerdings einen guten Rat. Ich sollte jeden Tag vor dem Einschlafen immer nachdenken, ob ich etwas Neues dazugelernt hätte. Den befolge ich. Als sich meine Schwester in den Maler Giselbert Hoke verliebte, der damals die Wandfresken im neuen Hauptbahnhof in Klagenfurt entworfen hatte, schleppten sie die Eltern zu einem Psychiater. Als ich ihnen klar machte, dass ich nicht mehr für ein Lehramt studieren werde, kam es zum endgültigen Bruch. Das war sehr schmerzlich für mich. Ich hatte festgestellt, selbst antisemitisch infiziert zu sein und wollte das aufarbeiten und etwas dagegen tun. Ich entschied mich dafür Journalistin zu werden, um Antworten zu bekommen."

Burgl Czeitschner studierte in Salzburg Geschichte und Publizistik und erhielt von der Historikerin Erika Weinzierl Kenntnis über die Geschichte und die Verbrechen des Nationalsozialismus. Sie hört auch heute nie auf, Fragen zu stellen und macht das auch in den zahlreichen Beispielen ihres Films. Herausragend ist dabei die Villa, die der Holzindustrielle Fritz Regenstreif von dem berühmten Architekten Friedrich Ohmann in Wien Währing erbauen ließ. Ein Märchenschloss mit marmorvertäfelten und holzverkleideten Salons, mit Kinosaal, Kegelbahn, Gartenanlage mit Gewächshaus, chinesischen Pavillons und einem Schwimmbad. Regenstreif wurde gezwungen, die Villa den Nazis zu einem extrem niedrigen Preis zu überlassen und starb kurz darauf. Seine Tochter Ellen Illich und deren drei Kinder -darunter der katholische Rebell Ivan Illich -mussten mit wenigen Objekten über Florenz nach New York flüchten, sein Sohn Paul flüchtete nach Ungarn. Ellen Illich, die italienische Staatsbürgerin war, gelang es in einem berührenden Dokument, den Auszug ihrer Familie und den Einzug der neuen Mieter zu filmen. Nach der NS-Zeit wurde ein amerikanischer Offiziersklub einquartiert. 1964 wurde ein Brand zum Vorwand genommen, das Haus zur Gänze abzureißen und durch einen hässlichen Neubau zu ersetzen. Ellen Illich fand sich mit einer geringen Summe abgefertigt, Pauls erste Frau bekam den größeren Anteil.

Ein besonders krasses Beispiel war der Kampf der Nachfahren der Familie von Erwin de Reitzes, dem die Postvilla in Wien Döbling gehörte. Der Sohn eines Fuhrwerkunternehmers erbte vom Vater ein Bankhaus und viele Schulden. Er war Liechtenstein'scher Staatsbürger, und konnte mit seiner Frau nach New York emigrieren. Davor musste er die Villa weit unter ihrem Wert an die NS-Reichspost verkaufen. Nach 1945 ging sie in österreichischen Besitz über und wurde von der Post bis 2000 als Ausbildungsstätte für Fernmeldetechniker genützt. Ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des neuen Restitutionsgesetzes erwarb der Milliardär Martin Schlaff die Villa samt dem 16.000 Quadratmeter großen Park für 8 Millionen Euro. Die Rückgabeforderungen der Familie de Reitzes wurden in den 1950er-Jahren abgelehnt, da es sich bei der Postvilla um eine soziale Einrichtung und bei den Antragstellern ohnedies um "vermögende Leute" handle. Zermürbt, vor allem von der auch in anderen Fällen immer wieder kritisierten Verzögerungstaktik und mangelnden Kooperationsbereitschaft der Kommission, hatte der ohnedies psychisch labile Erwin de Reitzes gemeinsam mit seiner zweiten Frau Selbstmord begangen. Vier Tage danach wurde der Rückstellungsvergleich von einem Bevollmächtigten unterzeichnet. Aus heutiger Sicht war dies ungültig, denn ein Toter konnte keinen Vergleich abschließen. Doch auch 2009 wurden die Anträge der Kinder Erwin de Reitzes' auf Restitution bzw. Entschädigung wegen "extremer Ungerechtigkeit" endgültig zurückgewiesen.

Publikumsliebling und Schauspieler Paul Hörbiger, der im Gegensatz zu seinem Bruder Attila als Nazi-Gegner bekannt war, kam 1940 ans Burgtheater und bezog das beschlagnahmte Haus Dollinergasse 7 in Döbling, das der Jüdin Margarete Alexander gehörte. Er teilte den Behörden mit, dass ihm der ohnehin niedrige Kaufpreis noch zu hoch war, unterschrieb seine Bitte um Berücksichtigung mit "Heil Hitler", ging leer aus und schloss sich wenig später dem Widerstand an.

Die Frist ist abgelaufen

Auch Präsidenten waren nicht sonderlich sensibel. Karl Renner und Theodor Körner wohnten in der "arisierten" Villa des Kunstsammlers Gustav Arens in Döbling, dessen Nachkommen diese allerdings restituiert bekamen. Adolf Schärf zog im 8. Bezirk in der Skodagasse 1 in die Wohnung seines jüdischen Freundes, des Anwalts Arnold Eisler, der nach New York emigrieren musste und dort 1947 starb.

Die Präsidentschaftsvilla auf der Wiener Hohen W rte 36 wurde von Franz Jonas, Rudolf Kirchschläger, Kurt Waldheim und Thomas Klestil bewohnt. Sie wurde von der Familie des Besitzers einer Pumpenund Maschinenfabrik, Alfred Götzl, errichtet. Götzl musste mit seiner Familie nach England emigrieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten sie die stark beschädigte Villa zurück, verkauften sie für 145.000 Schilling einem Wiener Anwalt, der sie renovieren ließ und diese der Republik für 11,2 Millionen Schilling verkaufte. Eine nachträgliche Beschwerde der Erben wegen "extremer Ungerechtigkeit" wurde 2005 abgewiesen. Die Villa wurde abgerissen, das Grundstück für 8,1 Millionen Euro an eine Gesellschaft verkauft, die Luxuswohnungen errichten ließ.

In Aspern ließ der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk von Schülern einen Gedenkwald für die 65.000 Wiener Holocaust-Opfer mit ebenso vielen Bäumen pflanzen. Das Grundstück, auf dem die Gemeinde Wien auch einen Naturpark und eine Straße errichten ließ, gehörte der nach Australien emigrierten Wienerin Rosa Weinberger. Ihr Vater hatte es als Baugrund 1936 erworben. Man bot ihr ein Drittel der Fläche an, die wegen des Naturschutzes viel weniger wert war. Die damals fast hundertjährige Frau hätte selbst für die Erhaltung des Parks aufkommen müssen, verzichtete und starb kurz darauf.

Die Frist für die Anträge auf Restitution seit dem Jahr 2001 ist abgelaufen. Im September soll der detaillierte Abschlussbericht veröffentlicht werden. Von 2315 Anträgen konnten auf Grund der gesetzlichen Vorgaben nur 611 Anträge auf Restitution von Bauten und Grundstücken geprüft werden. Rund 60 Liegenschaften wurden finanziell abgegolten, die wenigsten davon restituiert. Burgl Czeitschner: "Die Regierung müsste sich mit diesem Ergebnis nicht zufrieden geben. Sie könnte von sich aus aktiv werden."

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