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Dietmar Grieser sammelt die Versprengten

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich, das kein Einwanderungsland sein will, war immer Auswanderungsland: Eine Auswahl derer, die sich in andere Einwanderungsländer empfahlen.

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Österreich, das kein Einwanderungsland sein will, war immer Auswanderungsland: Eine Auswahl derer, die sich in andere Einwanderungsländer empfahlen.

Wer war's? Die große Pädagogin Eugenia Schwarzwald hatte der 18-Jährigen, die, mit in ein Taschentuch verkrallten Händen, verkrampft am Rand eines Sessels hockend, eine Ballade aufsagte, einen Vorsprechtermin beim Direktor der Wiener Volksbühne verschafft. Rundt unterbrach sie mit den Worten: "Danke, das genügt. Der Weg zur Bühne ist ein dornenreicher Weg. Aber Ihnen kann ich nicht davon abraten, ihn zu wagen. Sie brauchen nicht einmal Unterricht zu nehmen." Leise, so daß sie es nicht hören konnte, fügte er hinzu: "Eines der größten Talente, die mir je untergekommen sind. Eine zweite Sarah Bernhardt!"

Sie ist eine der vielen, deren Schicksal Dietmar Grieser in seinem jüngsten Buch erzählt: "Heimat bist du großer Namen - Österreicher in aller Welt". Ein Buch über die bedeutenden Menschen, die dieses Land entweder freiwillig verlassen haben oder verlassen mußten. Wenige Monate später stand die besagte 19-jährige Tochter einer Wiener Spielwarenhändlerin und des Prokuristen einer Textilfirma in Frankfurt am Main auf der Bühne, zwei Jahre später übersiedelte sie nach Berlin. Österreich hat sie zwar nicht vertrieben, aber es hätte sie drei Jahrzehnte später zurück haben können. Da war sie über zehn Jahre lang auf keiner Bühne mehr gestanden, weder im skandinavischen noch im amerikanischen Exil hatte ihr berühmter Mann ihr auch nur die winzigste Rolle verschaffen können. Seine Freundschaft mit dem Filmregisseur Fritz Lang zerbrach, er konnte, begreiflich, nicht verzeihen, dass Lang eine seiner, der Frau des Drehbuchautors, zugedachte kleine Rolle im letzten Moment umbesetzt hatte.

Allein, dass sie nach der langen Pause keinerlei Unsicherheit zeigte, dass ihr sofort wieder ihr volles Können zur Verfügung stand, beweist, meint Grieser, das Format dieser Frau. Wie gesagt, Österreich hätte sie 1949 zurück haben können, alles war vorbereitet, Gottfried von Einem hatte für sie und ihren Mann eine feste Bindung an die Salzburger Festspiele vorbereitet. Er sollte, dies war längst überfällig, den "Jedermann" durch ein neues Stück ersetzen. Aber da die Schauspielerin Helene Weigel hieß und ihr Mann Bertolt Brecht, wurde nichts daraus. Grieser geht auf die näheren Umstände und auf den Einspruch eines Landeshauptmannes, der später Bundeskanzler wurde, nicht weiter ein. Daher lassen es auch wir hier damit bewenden. Brecht ging bekanntlich mit Frau und Harem nach Ostberlin, wo er ein schönes, großes Theater bekam. Als die Tochter nach Brechts Tod Näheres über die unorthodoxe Ehe ihrer Eltern erfahren wollte, antwortete Helene Weigel: "Dein Vater war ein sehr treuer Mensch. Leider zu vielen."

Wie man sieht, ist Griesers neues Buch auch voll von Anekdoten, die er knapp und trocken erzählt, wie es sich gehört. Die Auswahl der in alle Welt versprengten kleineren und größeren Großen aus Österreich ist gewaltig. Das Buch kann also nicht einmal annähernd vollständig sein, Grieser konnte aus dem Vollen schöpfen. Er hätte zum Beispiel der Spielwarenhändlerintochter Helene Weigel auch die Fiakertochter Lotte Lenya beigesellen können.

Sein neues Buch ist sehr wichtig. Denn von vielen Österreichern, die Österreich verließen, wissen die Österreicher gar nicht mehr, dass sie Österreicher waren. Von den Filmregisseuren Fritz Lang und Josef von Sternberg oder von den Schauspielerinnen Gusti Huber und Hedy Lamarr wissen es wenigstens die Cineasten. Josef Sternberg machte übrigens eine junge Blonde, die sein Assistent bereits mit den Worten "Der Popo ist nicht schlecht, aber brauchen wir nicht auch ein Gesicht?" abgelehnt hatte, zum Superstar, sie hieß Marlene Dietrich. Doch wer weiß hierzulande schon, dass Fred Astaire der Sohn eines nach Amerika ausgewanderten österreichischen Bierbrauers namens Austerlitz war und lange brauchte, um sein familienbedingt stark österreichisch gefärbtes Amerikanisch loszuwerden?

Karl Bitter hingegen hätte wohl etwas älter als 47 Jahre werden müssen, um sich dem amerikanischen Gedächtnis dauerhaft einzuprägen. Wir finden ihn heute nicht einmal mehr in der Encyclopaedia Britannica, obwohl sie in den USA erscheint, in österreichischen Lexika schon gar nicht. Dabei stehen in vielen Städten der USA die von ihm geschaffenen Denkmäler, Thomas Jefferson hat er gleich dreimal verewigt, seine bekannteste Arbeit ist wohl die Figur einer Nymphe am New Yorker Plaza-Brunnen und Gerhart Hauptmann hat Bitter in seinem Roman "Atlantis" als Bonifazius Ritter ein kleines literarisches Denkmal gesetzt. Karl Bitter war ganz einfach zu fleißig für Österreich. Da er die Unterstufe des Gymnasiums um ein Jahr früher als vorgesehen absolviert hatte, verlor er das Recht, als Einjährig-Freiwilliger zum Militär einzurücken. Dies bedeutete drei Jahre Militärdienst und der Student der Bildhauereiklasse an der Wiener Kunstgewerbeschule fürchtete, dass in dieser langen Zeit sein künstlerischer Impetus erliegen würde. Er desertierte daher 1889 nach Amerika und wandte sich mit seinem Koffer voll Zeichnungen und seinen paar Brocken Englisch an einen Verkehrpolizisten, der ihm die Adresse einer Werkstatt für Fassadendekor aus dem Telefonbuch heraussuchte. Damit begann sein in Amerika freilich ganz und gar nicht beispielloser Aufstieg. Nach der Amnestierung im Jahre 1909 besuchte er noch zweimal Wien, beim letzten Mal mit Gattin und drei Kindern. Als er 1915 vor der Metropolitan Opera von einem Autoraser überfahren wurde, war er ein reicher und berühmter Mann.

Grieser reklamiert, siehe Fred Astaire, selbstverständlich auch jene für Österreich, die nicht innerhalb der heutigen Grenzen geboren wurden, aber Deutsch als Muttersprache sprachen. Und von Troppau, wo Friederike Gessner geboren wurde, ist der Weg nach Wien um 40 Kilometer kürzer als nach Prag. 1910, als sie geboren wurde, war noch für 90 Prozent der Bevölkerung die Umgangssprache Deutsch. Seit 1985 erinnert am Hause Teichgasse 48 eine Gedenktafel an sie. Fast jeder Österreicher kennt sie, die Welt kennt sie, freilich nicht unter dem Namen Gessner.

Sie peilt in Wien eine Klavierkarriere an, wechselt in die Modeschule, lernt dann Bilder restaurieren, nimmt Gesangsunterricht, wird Plakatmalerin und Statistin unter Max Reinhardt an der Josefstadt, unterzieht sich einer Psychoanalyse und beginnt ein Medizinstudium, bei dem sie auch nicht lang bleibt, das ihr aber - im Seziersaal - endlich die vorenthaltene sexuelle Aufklärung verschafft, ehe sie ihre eigentliche Bestimmung entdeckt: Afrika. Ihr dritter Mann heißt Adamson, längst nennt sie sich Joy, alles klar? Am 1. Februar 1956 erschießt ihr Mann eine Löwin, die einen Mann angefallen hat, und bringt die drei Jungen mit. Zwei landen im Zoo von Rotterdam, die Löwin Elsa wird aufgezogen und ausgewildert - und kommt immer wieder zu Besuch. Joy Adamsons Bücher über sie wurden Weltbestseller, der Großteil der Tantiemen floß in einen Fonds für weitere Tierreservate. Österreich verlieh Joy Adamson 1977 das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Sie fiel am 3. Jänner 1980, wenige Tage vor ihrem 70. Geburtstag, einem Raubmord zum Opfer. Ihrem Mann geschah ein Jahr später dasselbe.

Wie Österreich seine Großen behandeln kann, wenn sie nicht nur mit Sprüchen und Ehrungen abgefertigt werden, sondern hier arbeiten wollen, erfuhr der große Architekt Richard Neutra. Er wollte 1966 mit 74 Jahren heimkehren, aber es gab in Österreich für ihn keinen einzigen Auftrag.

Was hat die Frau des ersten Präsidenten der 1948 nach dem Koreakrieg geschaffenen Republik Südkorea, Syngman Rhee, mit dem Opernregisseur Walter Felsenstein und dem Segelflug-Pionier und Staffelkapitän der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg Robert Kronfeld gemeinsam? Leicht zu erraten in diesem Umfeld, sie alle waren Wiener. Die Auswahl mag im einen oder anderen Fall zufällig wirken oder befremden, manches Kapitel gar zu kurz und flüchtig anmuten - es ist ein echter Grieser, kultiviert, mit feinem Sinn für Effekte geschrieben, ein Bändchen mehr in einem Lebenswerk, das sich langsam zu einer österreichischen Kulturgeschichte in Lebensbildern, Histörchen und Episoden rundet.

HEIMAT BIST DU GROßER NAMEN Von Dietmar Grieser Amalthea Verlag, Wien 2000 264 Seiten, geb., Abb., öS 291,-/e 21,15

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