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Kriegsgeschichten im MEZZANIN

1945 1960 1980 2000 2020

Der Mailänder Bahnhof ist Drehscheibe für syrische Flüchtlinge in Europa. Ein Lokalaugenschein im Halbstock zwischen Horror und Hoffnung.

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Der Mailänder Bahnhof ist Drehscheibe für syrische Flüchtlinge in Europa. Ein Lokalaugenschein im Halbstock zwischen Horror und Hoffnung.

Der Weg in die Stadt führt mitten durch das Krisengebiet. Auf den Stufen, die von den Gleisen herunter ins Foyer führen, strömen Pendler in Richtung Feierabend. Reisende mit Rollkoffern, Backpacker, gerade angekommen aus Zürich oder Paris, steuern auf den Ausgang zu. Und dann ist da, zwischen den beiden Ebenen des Bahnhofs, plötzlich eine ganz andere Geografie: die von Homs, Aleppo oder Damaskus. Frauen mit Kopftüchern, Männer in Trainingsanzügen, schlafende Kinder zwischen Reisetaschen auf dem Boden. Willkommen in Milano Centrale.

Es ist ihre Lage, die Mailand, die kühle und vornehme, auf die Landkarte der Migration gebracht hat. Für Hunderte Syrer täglich ist sie der letzte Stopp vor der erhofften Zukunft im reichen Norden Europas. Und der Bahnhof mit marmornen Hallen, kühnen Bögen und Reliefs römischer Figuren an der Wand des Foyers, ist der Schauplatz. 30.000 Bürgerkriegs-Flüchtlinge sind hier im Lauf des letzten Jahres durchgekommen, verharrten auf halber Höhe der Treppen zu den Zügen, stundenlang, tagelang. Längst kennt ganz Italien das mezzanino von Mailand.

Tausende Dollar für den Weg aus dem Krieg

Dicht gedrängt sitzen sie auf den Wartebänken aus hellem Marmor, vor sich auf dem Boden Taschen und Koffer. Freiwillige in orangen Westen registrieren an einem Holztisch die Neuen. Eben ist wieder ein Zug angekommen. "Emergenza Siria" steht auf einem Plakat an der Säule daneben. Bei einem anderen Tisch werden Wasserflaschen ausgeteilt. An der Wand hängen ein Stadtplan, eine Europa-Karte und eine Liste italienischer Vokabeln. Wo ist der Ticket-Schalter? Wo kann ich eine Telefonkarte kaufen?

Mit der Dämmerung leert sich der Bahnhof. Kein belebterer Ort findet sich jetzt in Milano Centrale als das mezzanino. Ein Carabiniere dreht bedächtigen Schrittes seine erste Kontroll-Runden. Die Syrer nehmen keine Notiz von ihm. Angst vor der Polizei gehört nicht zu diesem Teil der Reise, schließlich ist Italien oft genug froh, wenn die Flüchtlinge schnell weiterziehen.

In der Vorhalle des Bahnhofs hat sich eine Traube um einen weißen Transporter gebildet, der zu einer der fünf städtischen Schlafunterkünfte fährt. Vielleicht zwei Dutzend der Flüchtlinge bleiben lieber im Bahnhof. "Wir wollen so schnell wie möglich weiter", sagt der Englischlehrer Ahmat Sheikh Ahmat, ein kräftiger Mann mit ernstem Gesicht. Er ist unterwegs mit einigen Freunden, Lehrer wie er und Pharmazeuten. 6000 Dollar pro Person hat ihr Weg aus dem Krieg bislang gekostet, 1500 allein das Boot nach Lampedusa. Deshalb sind sie nun auf den Zug festgelegt. Die Schmuggler, sagt Mahmoud Sheikh Ahmat, würden 1000 Dollar für eine Autofahrt nach Schweden nehmen. Und überhaupt: "Wir vertrauen keinem Dealer."

Die Nachtgeschichten im Bahnhof Centrale sind selten gute. So wie die von Qasem Omia, einem palästinensischen Künstler aus Damaskus. Vor den Bombardements Assads floh er in den Libanon, ein Flugzeug brachte ihn nach Khartum. Dann ging es fünf Tage im Geländewagen durch die Wüste nach Libyen. Qasem Omia kauert sich auf dem Boden zusammen, um die Reisehaltung zu imitieren. Am Schluss hatten sie nur noch Datteln zu essen, der Wasservorrat war beinahe aufgebraucht.

Neue Protagonisten vor gleicher Kulisse

Zwei Männer sind auf dem Boden eingeschlafen, unterhalb des Schilds, das Betenden die Richtung nach Mekka weist. Qasem Omia und ein Bekannter wollen morgen nach Deutschland weiter -falls es bei Western Union Geld für sie gibt. Die rote Digital-Uhr an der Seitenwand zeigt jetzt ein Uhr an. "Siria?", fragen Polizisten am Eingang. Wer verneint, muss raus. Dann wird Milano Centrale für ein paar Stunden geschlossen.

Als sich die Glastüren wieder öffnen, verharrt das mezzanino in einem Zwischenzustand. Einer der beiden Männer vor dem Mekka-Schild schläft noch, der andere sitzt blinzelnd daneben. Das Café im Erdgeschoss setzt zum aromatischen Wake Up-Call an, starker Kaffee, süßes Gebäck. Nicht für die Syrer, die ihr Geld für Zugtickets sparen und auf die Essensausgabe warten. Zwei japanische Backpacker werfen von der Treppe einen verwunderten Blick auf die halbschlafende Gesellschaft.

Was für ein Fremdkörper dieses mezzanino ist! Eine unsichtbare Wand scheint Flüchtlinge und Reisende in Parallelwelten zu trennen. Zwischen Tausenden von Rollkoffern verharren die Syrer hier auf einem Zwischenstock, während im Hintergrund auf den Videobildschirmen Spots vorbeiflitzen, für Sportschuhe oder die Milano Fashion Week.

Im Schnelldurchlauf belebt sich die Szenerie: Eine große Gruppe Flüchtlinge fährt die Rolltreppe hoch, Mitarbeiter der Hilfsorganisation Save the Children bauen eine Spielecke für Kinder auf. Freiwillige bringen einen Tisch und bestreichen Sandwiches mit Frischkäse und Nutella. Dazu gibt es Wasser und Saft, erst für die Kinder, dann die Erwachsenen. Die Entbehrung überträgt sich in Gedränge.

Acht hungrige Mägen hat allein Familie Abdo, syrische Jesiden, die jahrelang in Libyen lebte und nun wegen der Gewalt gegen Christen auf der Flucht ist. Drei Mädchen, drei Buben zwischen vier und zwölf. Die Frau überlässt ihrem Mann das Wort, bereitwillig erzählt er von der Vergangenheit. Nur was kommt, das weiß auch er nicht. Nach Dänemark wollen sie, sagt er, aber dann beginnt er zu zögern: Ist Dänemark wirklich die Lösung, oder ist es irgendwo anders besser?

Sehr klare Vorstellungen haben dagegen 20 fahnenschwingende Gestalten, die zu Mittag oben in der Abfahrtshalle auftauchen. Sie tragen Plakate, auf denen "Basta Clandestini" steht oder das Logo der rechten "Fratelli d'Italia - Alleanza Nazionale". Der Frontmann mit dem Megaphon schimpft beständig gegen Mare Nostrum, die Initiative zur Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen, die ohnehin bald durch Frontex Plus ersetzt wird.

Wenig später zieht Hala, eine junge Frau aus Homs, mit ihrem Mann, den beiden Kindern und zwei Freunden zum Zug nach Ventimiglia. Ein Taxi soll sie über die Grenze nach Nizza bringen, dann geht es mit dem Zug über Paris nach Deutschland. "Ventimiglia, das ist die Route derer, die keine Papiere haben", so ein Freiwilliger, der ihnen beim Tragen hilft. "Wer welche hat, fährt über Verona nach München." Kurz darauf sitzen die Syrer in einem Abteil, mit ein paar Wasserflaschen, etwas Gebäck für die Kinder und gespannten Gesichtern.

Auf dem mezzanino haben sich derweil lange Schlangen gebildet: eine wartet auf die Registrierung, die andere auf Sandwiches und Wasser. 678 Neue, sagt eine Frau in Comune di Milano-Weste. Im Lauf des Tages wird die Zahl auf über 800 steigen. Es sind neue Protagonisten vor der gleichen Kulisse. Neue Gepäckstücke auf dem Boden, neue Rauchwolken in der Halle. Neue Babys in den Armen neuer Eltern. Neue Kleinkinder, die ausgestreckt auf der Marmorbank schlafen. An was werden sie sich einmal erinnern von dieser Odyssee?

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