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Rennatmosphare

EINE GIERIGE HYDRA mit 50.000 Kopfen hat sich schwarz und breit rund um den Rennkurs niedergelassen. und ein grofies Lauern liegt in der Luft.

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„BIER! COCA-COLA! LIMO- NADE.'“

In der Feme schiebt sich ein glan- zender, kleiner Punkt an einen zwei- ten, glanzenden, kleinen Punkt Reran. Dicht hintereinander nahern sie sich den Strohballen, welche die Zielkurve markieren. Verschwinden, werden so- fort wieder zum Vorschein kommen. kommen nicht zum Vorschein.

Sekunden spater quakt es aus dem Lautsprecher: Die Wagen Nummer soundso und Nummer soundso haben in der Zielkurve karamboliert. Beide Fahrer setzen das Rennen fort.

Da sind sie auch schon. Der eine Wagen hat eine verbeulte Flanke.

Zwanzigste Runde, fiinfundzwanzig- ste Runde. dreifiigste Runde . ..

ALLEIN, IN GRLIPPEN. neben- und hintereinander iagen sie an der Tribune vorbei Fiinf Sekunden zehn Sekunden lang ist die Luft vol! von ihrem Geheul. In den Sekundehbruch- teilen, da sie an den dicht neben der Piste montierten Mikrophonen vor- iiberflitzen, bellt es verdoppelt und verdreifacht aus den Lautsprechern.

Das Krachen der expandierenden. befreit aus dem Auspuff schiefienden Gase, das Rasen der zehntausendmal in der Sekunde auf und ab iagen- den Kolben, der ineinandergreifenden Zahnrader, das Pfeifen der Reifen auf .dem Beton, das Rauschen der Luft an den Karosserien schwimmt zu einem einheitlichen Gerausch zusammen. zum Schrei eines Wesens. von dem man nicht recht weifi. was man davon halten soil.

*

WAGEN 41 JAGT WAGEN 37. Der Cooper mit dem Ford-Motor den Lotus mit der DKW-Maschine: Junior- Rennwagen mussen mit serienmaBigen

Motoren und Getrieben ausgeriistet sein. Jedesmal, wenn die beiden an der Tribune voriiberkommen. hat sich Wagen 41 um ein weiteres Stuck an

Wagen 37 herangeschoben. Er konnte ihn iiberholen. Aber er tut es nicht. Er zermurbt den Vordermann und wartet auf dessen Fehler.

Dann aber fallt Wagen 41 langsam, aber sicher zuriick. Ein Kolbenring hat der, Beanspruchung nicht standgehal- ten. Vorletzte Runde. Wagen 41 rollt vor der Tribune aus und halt. Letzte Runde. Wagen 37 geht als Sieger dttrchs Ziel.

EINE DICHTE MENSCHENMAUER saumt die Rennstrecke in respekt- vollem Abstand. Sie lagern auf der Wiese, essen ihre Wiirstel und trinken ihr Bier, viele Leute haben Decken mitgebracht, auf die Wagendacher ge- breitet und sind hinaufgestiegen, um Liber das Menschenspalier hinwegsehen zu konnen, manche haben sich sogar mit Stehleitern versorgt.

Irgend etwas in ihnen scheint gierig die briillenden Larmkaskaden einzu- saugen, die die Luft zum Vibrieren bringen und die Trommelfelle mit Nadeln peinigen, wenn es ganz arg wird.

Alles Tier ist auch im Menschen, lautet eine alte Ansicht. Der reiBende Tiger ebenso wie der Vogel, das sanfte Lamm ebenso wie die Ameise.

Haben wir auch einen rohrenden Motor in der Seele?

*

FORMEL 1 AM START. Stirling Moss sinkt lassig hinter das Lenkrad seines Lotus und setzt sich, ein wenig ungeduldig, den Sturzhelm ein zweites Mai auf, damit alle Photographen die Pose auf ihren Film bannen konnen.

Die Monteure ziehen sich zuriick. Die Motoren laufen. Ein Mann halt eine Tafel in die Hohe: Noch zwei Minuten!

Die Fahrer treten die Gaspedale in regelmafligen Abstanden nieder die Motoren knurren auf und werden wieder leise — weder sollen die Kerzen infolge zu geringer Drehzahl verolen noch durch zu hohe Drehzahl die Wagen schon vor dem Start ruiniert werden.

Noch eine Minute — noch dreiBig Sekunden — zehn …

*

IN DER ERSTEN RUNDE dreht sich einer in der Kurve, zwei andere be- riihren einander, ohne daB ernster Schaden entsteht. Die Fiihrung wech- selt. Wechselt noch einmal. Wer wird siegen?

Aber da liegt doch noch etwas anderes in der Luft — eine Spannung, die nicht der Bedeutung dieser Frage entspricht.

Die Gefahr.

Jeder Wagen kann in jeder Sekunde plotzlich ein Rad verlieren und einen Salto schlagen, gegen einen der grofien Strohballen stofien, sich in Sekunden in eine Stichflamme verwandeln, aus der Kurve getragen werden und seinen Fahrer unter sich begraben, schleudern und einen zweiten ins Verderben reifien.

Eine gierige Hydra mit 50.000 Kopfen hat sich schwarz und breit rund um den Rennkurs niedergelassen, und ein grofies Lauern liegt in der Luft.

Natfirlich sind zehntausende Hande jederzeit bereit, die zugehdrigen Augen zu bedecken, und zehntausende Rennbesucher hoffen. dafi nichts ge- schieht, und wfinschen keinem Fahrer etwas Boses.

Aber eine kleine Karambolage? Derlei hat schon seinen Reiz. Was ware ein Rennen. in dem sich kein

Wagen in der Kurve um sich selbst dreht, keiner aus der Bahn fliegt, kein Fahrer aufs Ganze geht…

ZWEI FAHRER HABEN ihre Wagen zur Seite geschoben und montieren verbissen eine Viertelstunde nach der anderen, obwohl sie keinerlei Chance mehr haben, sich einigermafien zu placieren. Sie gehoren dem gleichen Rennstall an und fahren die gleiche Marke. Dem einen brach bald nach dem Start ein Bestandteil der Len- kung — aus. Ende. Einige Zeit spater ging beim zweiten Wagen eine Halb- achse drauf.

Jetzt bauen sie aus dem Wagen mit der kaputtgegangenen Lenkung die heilgebliebene Halbachse aus. um da- mit den anderen Wagen wieder flott- zumachen.

Wenige Minuten vor SchluB geht das reparierte Fahrzeug wieder ins Rennen. Nur, weil es unsportlich ist, auf verlorenem Posten einfach aufzu- geben. Das Publikum spendet Sonder- applaus.

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BIER! COCA-COLA.' LIMONADE!

Und Lust am Larrn.

Und zehntausende Menschen furch- ten bis zum SchluB, es konnte etwas geschehen, und hoffen bis zum SchluB, es konnte etwas geschehen, denn die Gefahr gehort ebenso zum Rennberuf, wie zur Rennatmosphare die Lust am Larm gehort - und das uneingestan- dene. in den luntersten Winkel des BetyuBtseins verdfSngte Lauern auf den

Lauern diese Menschen? Oder liegt da etwas in der Luft, das sie magisch anzieht?

Sind sie krank? Oder ist diese An- ziehung normal?

NATURL1CH WIRD GANZ ZUM SCHLUSS die Sperrkette der Polizei durchbrochen, der Sieger fast erdruckt und dieser oder jener Wagen von den begeisterten Leuten ein wenig ein- gebeult. Die Spannung lost sich langsam, und etwas weicht.

Einer zupft sich ein vergoldetes Lorbeerblatt vom Kranz des Siegers als Souvenir.

Ein vergoldetes Lorbeerblatt, giin- stig erworben. Der Rennfahrer bekam es nicht so billig.

spiirt, den Palatine zu besteigen. Und da das Colosseum von aufien mindestens ebenso eindrucksvoll ist wie innen, begniigt er sich mit der Oberflache und fallt gegenuber in eine Drink- Stube.

Ich schlendere inzwischen zu den Banken am FuBe des Celio — was sollte ich sonst tun — und bin gliicklich, die zer- brochene alte Welt mit einem Blick uberschauen zu konnen. Colosseo! Aites Ziegelschaff! Darin die Romer einst ihre schmutzig-blutige Wasche gewaschen haben. Wenn du ahntest, wie aktuell du bist!

Durch einen Schleier von Schlaf und Wohlbehagen sehe ich Pierre aus der Bar kommen. Er nimmt den Autobus zur Via Appia Antica. Die herrlich dunklen und kiihlen Gange unter dem Flies der Basilika San Sebastiano . . Ich mochte den Pels beriihren und die Gravure des heiligen Fisches in die Flache meiner Hande driicken . . . Wenn der Pater, der uns fiihrt, blofi nicht so abgestumpft ware! Wenn man allein durch die schwarzen Grotten einer glaubigen Angst irren diirfte, bis die obere Welt vergessen ist… .

*

Ich muB lange geschlafen haben. Meine Wangen fiihlen sich geschrumpft an. Es ist Nachmittag. wahrhaftig Pierre ist unter Millionen von Menschen verschwunden. Kein Detektivburo konnte jetzt seinen Aufenthalt erkunden. Mir steht ein be- sphwerlicher Weg bevor: rund um den Palatino. den Circo Massimo entlang, geradewegs zum Teatro Marcello, weiter uber die endlose StraBe zur Seite des Tiber. Der FluB ist eine sonne- betaubte Schlange. Ich werde demnachst doch eine Kabine auf den Badeschiffen mieten. Ostia hat fiir mich keinen Reiz. Mein Badeasyl war bisher die Piscine im Foro Italic© - eine gedeckte Teri assc off net Heute ist es fiir einen Ausrnrg dorthiii.:’scb 5n zu .sp£t,jheute wird . ausshlieBlich sdiweiB-geBa3WaT®dauj|..macht dem ergiebigsten Brunnen Konkurrenz. Und die flimmernde Luft uber dem Monte Mario kundet an. daB die Energie des Tages noch lange nicht erschopft ist Wer ietzt auf der StraBe betroffen wird, hat allerdringendste Ge-. hfte oder ist zu arm ein Zuhause zu haben oder steht — wie ich — im Dienste der Schonheit.

*

Castel San Angelo ist heute nicht freundlich gesinnt. Ich kenne kein Bauwerk, das ebenso den Charakter oder blofi die Stimmung des Beschauers spiegeln konnte. Die Tiefenpsychologie sollte sich den Engelsburgtest nicht eritgehen lassen. Es gab Tage, da er- sehien sie mir wie ein heiliges GefaB, ein andermal wie eine Wet- terwarte. heute ist sie mit jedem Quader ganz Festung. Vorweg- nahme eines Hochbunkers. Etwas von ihrer ungnadigen Wehr- haftigkeit ubertragt sich sogar auf die Fassade von San Pietro. Die Kuppel freilich macht die Gedanken wieder licht. Es ist, als wiichse man in ihre MaBe und triige sie als leichte Krone auf der Stirn.

Diese Schritte kommen mir bekannt vor — ah, Pierre. Es gibt also in Rom ein unfehlbares Rezept, sich wiederzufinden, man halte sich an die Sterne im Reisefiihrer. Und er hat sich Schuhe gekauft, weiBe Schuhe in italienischem Schnitt, die selbst den KlumpfuB des Teufels zum zierlichen Fufichen einer Ballerina verwandeln wiirden. Wie unbekiimmert er sich unter den Marmorriesen bewegt, als hielte er sie fur die angemessenste Gesellschaft. Gut so. Ich hasse die Duckmauser und hasse die hungrigen Blicke, die in der Schatzkammer die Gewander und Gefafie wie Diebsgut anstarren. Man sollte doch auch trachten, dem unfaBlichsten Reichtum unvoreingenommen und wunschlos gegeniiberzustehen.

Was hat Pierre? Es wird ihm doch nicht einfallen, mich an- zusprechen. Es kommt mir wie Verrat vor — er fragt mich in flieBendem Italienisch. welche Oper abends in den Caracalla- Thermen gespielt wird. Ich bitte Sie, Pierre, wie pafit das zu- sammen: Vatikan und Theater? Vielleicht fiir italienische Ge- miiter doch, die den intellektuellen Trick verabscheuen, Schein und Sein zu unterscheiden. Ein wenig irritiert es mich gerade deshalb, daB meine Menschenkenntnis an Pierre versagt hat. Eigentlich miifite ich ihn jetzt Alessandro, Silvio oder Gennaro nennen, aber das ware zu spat und zu unbequem. Welch ein Snobismus, im anderen prinzipiell den Auslander zu etwarten, welch ein Geist des Widerspruchs zwingt uns, zuerst das Tren- nende und spater erst, zufallig, das Gemeinsame zu sehen. Ein Gluck, daB die Volker und Rassen in Bewegung sind. In der Verwirrung bilden sich schon Ziige eines neuen gemeinsam- menschlichen Zeitalters. Und weise ware es. dieses Verschmelzen und Durchdringen in "rieden zu lassen. In Frieden ..,

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Der Abend ist die Vollendung der Giornata. Die Schatten kehren zuruck, die Vogel wagqn sich ins dunkclnde Licht, und die glucklichsten Wasser Roms iiben silbernen Belcanto.

Zeichnungen von Wolfgang Erbens

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