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Masken im Schnee

Winter in St. Moritz im Engadin. Die steilen Straßen des Ortes sind von Juweliergeschäften, Kosmetikläden und Konditoreien gesäumt. Der Schnee ist hoch zur Seite getürmt worden. Schlitten mit buntgeschmückten Pferden werden von offenen Autos überholt, aus deren grellfarbenen Insassenhauf die Skier dicht zum Himmel ragen wie die Lanzen auf dem berühmten Bild des Velasquez. Es ist Nachmittag, das Tal wird blaß, aber die Gipfel strahlen noch. Wir gehen ins Hotel. Es ist das teuerste Europas und daher stets gefüllt. Die weite Halle ist dicht besetzt mit Gästen, die Tee trinken. Aus dem Hintergrund klingen diskret Chopin-Etüden als Teemusik. Die Unterhaltungen sind zerstreut, denn alle Welt ist vollauf damit beschäftigt, sich gegenseitig zu betrachten. Die Gäste haben sich umgezogen, sie erscheinen in einer Skikleidung, die nicht zum Sport dient. Alles besucht sich von Tisch zu Tisch, manche Männer lassen sich flüchtig auf der Sessellehne einer Dame nieder, um ungestörter plaudern zu können. Dennoch fängt man lichte Gesprächsbrocken auf. Vornamen fliegen auf, „Bob" und „Olivier" und „Vittoria", sie sprechen von Bekannten („die liebe Herzogin Diana") und von Freunden („der gute, alte Dicky"), sie sprechen von Orten, aus denen sie kommen, vom Palacio in Havanna, und zu denen sie gehen, etwa dem Hotel de Paris in Monte Carlo oder dem Carlton in Cannes. Pepi Soglio hat seinen Cadillac verladen lassen, er traut dem Julierpaß nicht, aber Peggy Borghese hat den Malojapaß ohne Schneeketten gemacht. Peggy ist „un amour"und „such a dear", aber sie wird heute abend nicht tanzen, denn sie hat sich auf dem lächerlichen Übungshang bei Chantarelle eine Sehne gezerrt, la poveretta! Da kommt auch unsere Mrs. Schleißheimer, die heute nacht in der Bar ein Souper von zwanzig Gedecken gibt. Der junge Fürst Giovanelli schreibt ihr die Tischkarten. Jacques Fath und Marcel Rochas, die beiden Modekönige, sind auch dabei. Es ist lange her, daß die Gaukler und Kleidermacher zum niederen Hofstaat gehörten und in der Küche saßen. Jetzt beherrschen sie die Gesellschaft, die sie anzielįen und unterhalten. Quer durch die riesige Halle ist ein unaufhörliches Kommen und Gehen. Amerikanische Ehepaare im Silberhaar streben den Bridgetischen zu. Eine junge Türkin von vollendeter Schönheit — alles an ihr ist vollkommen, von den sorgfältig gepflegten riesigen Wimpern bis zu ihren leichten Pelzschühchen — zeigt sich einige Sekunden dem entzückten Saal als liebende Mutter. Ein blondes Kinderfräulein reicht ihr den rosigen Knaben, den sie hochhebt und anlächelt, als ob sie ihr eigenes perfektes Gesicht im Handspiegel erblickte, und dann wieder zurückgibt. Wir haben es alle gesehen und sind absolut entzückt darüber, daß eine so herrliche und reiche Frau so mütterlich sein kann.

Der Abend rückt langsam vor. Zur Stunde, zu der in den meisten Wohnungen der Welt das Lieht zum Schlafen gelöscht wird, beginnen die Bewohner dieses Museums für Luxus sich umzukleiden. Im Kassenraum des Hotels erscheinen die Frauen vor den Safes, um ihren Schmuck zu entnehmen, überschlanke, gierige Hände holen aus den Panzerfächem die flachen Saffianetuis hervor, öffnen sie flüchtig, ob auch alles am Platze ist, und steigen damit in ihre Zimmer hinauf. Unvergeßlich ist dieser kleine Vorgang. O brich nicht Welt, du zitterst sehr! Jenseits dieser Alpennacht sind noch viele Arten von Nacht, Nacht in Baracken, Nacht an Grenzübergängen, Nacht an Signalgeräten, Nacht in engen Räumen mit vielen Kindern, Nacht auf Landstraßen und in fahrenden Zügen. Angst und klopfendes Herz, wohin man denkt. Verweile doch, Nacht, du bist so schwer, doch was wird morgen sein? Aber der kleine Schlüssel paßt genau ins Schloß, saugend öffnet sich die winzige Stahltür. Die schönen, langen Finger ergreifen den flachen Behälter und öffnen ihn, der Samt am Rande der Mulde ist schon ein wenig abgenützt.

Lange nach Mitternacht beginnt erst das richtige Leben im Night Club. Der Raum ist wie ein Zelt geformt. Das Orchester tobt, die Hälse und Schultern der Frauen steigen matt aus den knappen Leibchen der weiten Abendkleider. Mit jeder Hand, die sich hebt, mit jedem Nacken, der sich beugt, blitzt Schmuck auf. Es ist, als ob man in eine märchenhafte Schatzhöhle geraten wäre. Und daneben Lippenrot, wohin man blickt. Lippenrot an den Rändern der Champagnergläser, der Abdruck ist fein geädert wie eine Orangenscheibe, Lippenrot an den Zigarettenenden, mit denen sich die Aschenbecher füllen, Lippenrot, wild und fleckig auf den Servietten. Rasselnd und klappernd fegt die Musik wie ein barbarischer Wind dahin. Die Kellner tragen unablässig neue Kübel mit Champagner herbei. Es ist drei Uhr morgens und noch erscheint kein zürnender Engel an der Pforte dieses künstlichen Paradieses. Was geht hier vor sich, wer sind diese Menschen? Haben wir die letzten Jahre nur geträumt? Wenn jetzt eine Abteilung russischer Panzer draußen im Schnee aufführe, wenn eine Gruppe eingemummter Soldaten mit dicken, bleichen Köpfen hier eindränge, die MPs’ im Anschlag, und die Smaragden einsammelte? Wenn eine Sirene aufbrüllte, wenn Schüsse fielen? Nein, nichts dergleichen, alles ist in bester Ordnung und die Direktion übernimmt jede Verantwortung, vorausgesetzt, daß die Rechnungen pünktlich bezahlt werden. Denn dies duftende Paradies ist ja nur ein Tropfen am Eimer, dreihundert Menschen vielleicht, während jede Woche Zehntausende von Osten ins westdeutsche Gebiet einsickern. Ihre Abendkleider, ihre Frackperlen, ihre Champagnerrechnungen besagen gar nichts über den Zustand dieser Welt. Da gehen sie von der Halle in die Bar, von der Bar in den Speisesaal, vom Speisesaal in den Night Club, wie sie zu Hause, in Mailand, in Chikago, in Paris zum Friseur gehen. Sozial ist die Sache unerheblich. Ein Herrenleben, ein Hundeleben. Denn es ist keine Kleinig- keit, ein Saffianetui mit zwölf Brillanten heil durch alle Weltuntergänge zu bringen, Gewinne zu verschleiern, Devisen herauszuschaffen, der Steuer ein Schnippchen zu schlagen und die wechselnden Diktaturen und Regime heil zu überleben. Es ist ein Paradies der Durchgeschlüpften, und um durchzuschlüpfen, muß man sich flach und platt machen wie eine Wanze. Es genügt, sich die Bewohner dieses Palastes als Wanzen vorzustellen, damals, als die Götter gestürzt wurden, denen sie gedient hatten. Wie klein mußten sie sich machen, um den Tritten derer zu entgehen, die neu heraufkamen, um ihre Firmen zu retten und den Schmuck ihrer Frauen. Wieviel Angst, Flucht, Lüge, Verleugnung und Verrat!

Aber man sieht es ihnen nicht an. Unter der flüchtigen Bräune der Wintersonne bilden sich solide Masken. Das sind energische Leute, die festhalten, was sie in die Hand bekommen. Ihre riesigen Automobile stehen draußen im Schnee, Ibre Sekretärinnen müssen früher essen, um nidit mit der Herrschaft zusammenzustoßen. Sie freuen sich, wenn ihre Gattinnen zur Dauerwelle gehen, weil sie dann Zeitung lesen und sich nach den englischen Wahlresultaten erkundigen können. Der eine oder andere würde gern früh zu Bett gehen und einen Kriminalroman lesen, aber man ist kein Spielverderber, obwohl es oft nicht leicht ist, mitzumachen. Was soll ein Baumwollmakler aus Alexandrien mit dem Modekönig Fath sprechen? Ja, das Leben im Paradies aus Schnee hat seine Lasten.

Auch die Frauen tragen eine Maske aus Angst. Es ist die Angst vor dem Verfall. Wie halte ich die fliehende Zeit fest? Das Gesicht ist noch wundervoll,

faltenlos und ebenmäßig, besonders wenn es ?wei Stunden unter einer Cremeschicht und feuchten Tüchern gelegen hat. Aber die Hand, diese herrliche Hand verrät schon Müdigkeit. Niemand und nichts hat Macht über den Ausdruck dieser Hand, die nie gewagt hat, sich arglos und entspannt einer andern Hand zu überlassen. Es wird langsam Morgen. Die Gipfel glühen. Der Schnee beginnt zu leuchten. Die Glocken von Pontresina und Sils-Maria klingen schwach durch die stille Luft. Aber unter der Schwelle des Herzens rauschen kühl die stygischen Gewässer. Die Nacht geht endlich ihrem Ende entgegen.

Aus „Was nie verstummt“, Rainer Wunderlich-Verlag, Tübingen

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