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Wissenschaftsskepsis: Den Dialog suchen
Grenzen schaffen Territorien, sie grenzen ab und sorgen für das Innere und das Äußere. Die Wissenschaft ist kein reales Territorium, kein Staat, keine Republik, keine Monarchie, aber ein virtuelles Gemeinwesen, vielfältig in Einzeldisziplinen differenziert, ohne schriftliche Verfassung und ohne einheitliche und umfassende Regierung. Das Gemeinwesen ist aber in allen Staaten dieser Welt vertreten, im Detail höchst unterschiedlich organisiert, aber dennoch mit Verständnis und Solidarität füreinander ausgestattet.
Im Dienst der Menschheit
Dieses virtuelle Gemeinwesen basiert auf der grundsätzlichen Idee, wie Wissenschaft und Forschung funktionieren und zu betreiben sind: der Wahrheit verpflichtet, objektive Erkenntnisse ehrlich und nachvollziehbar erarbeiten, immer bereit sein, neue Denkansätze zu akzeptieren und alte ad acta zu legen – und schließlich mit dem eigenen Tun und Handeln der Menschheit zu dienen.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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Ob sich die Forschenden in China, in den USA oder in Europa befinden, ist vollkommen egal, die grundsätzliche Idee trifft überall zu. Und wer dagegen verstößt, der muss mit Sanktionen rechnen, bis hin zum Ausschluss. Die Selbstreinigungskräfte des Gemeinwesens „Wissenschaft“ sind mannigfach, sie funktionieren nicht perfekt, aber in der Regel ausreichend.

Interview mit Anton Zeilinger
Zur Forschungspolitik und der Bedeutung von Grundlagenforschung siehe auch das große Interview mit Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger: „Die Welt ist nicht nur materiell“ (von Martin Tauss, 30.11.2020)
Zur Forschungspolitik und der Bedeutung von Grundlagenforschung siehe auch das große Interview mit Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger: „Die Welt ist nicht nur materiell“ (von Martin Tauss, 30.11.2020)
Die Gebote des guten wissenschaftlichen Arbeitens werden immer wieder erneuert und von einer Generation der Forschenden an die nächste weitergegeben. Auch die ethischen Grenzen sind bekannt: Nicht alles, was möglich ist, darf realisiert werden – ob in der Kernphysik, in der Genetik oder der Molekularbiologie.
Die Nachbarn des virtuellen Gemeinwesens sind die Ideologen, die Verbohrten und die Besserwisser, die etwas behaupten, ohne über ernsthafte empirische Quellen zu verfügen. Sie zweifeln die Erkenntnisse der Wissenschaft und Forschung an und wollen die Grundlagen des virtuellen Gemeinwesens „Wissenschaft“ unterminieren. Sie meinen, im Besitz der Wahrheit zu sein, sie agieren in einer eigenen Medienwelt und betrachten – als Folge der Covid-Pandemie – die medizinische Forschung als Erfüllungsgehilfe der Pharmaindustrie. Allein gelingt ihnen die Unterminierung aber nicht, denn ihre Erklärungen sind oft brüchig, manchmal skurril, wenig überzeugend und nicht frei von Widersprüchen.
Trump: Rückzug der Wissenschaft
Erst wenn sich das politische Establishment auf ihre Seite schlägt, wie wir es derzeit in den USA beobachten können und wie wir es in totalitären Staaten schon immer erlebt haben, muss das virtuelle Gemeinwesen „Wissenschaft“ seinen Rückzug antreten – ohne aber zu kapitulieren. So kommen nun manche Forschende aus den USA nach Europa, auch nach Österreich, und werden vielleicht auch wieder in ihre Heimat zurückkehren, wenn der zunehmend autokratisch agierende Präsident Geschichte sein wird.
Die anderen Nachbarn des virtuellen Gemeinwesens „Wissenschaft“ sind die Unwissenden und die Skeptiker. Sie sind keine Gegner, sie beobachten Wissenschaft und Forschung, manchmal neugierig, manchmal mit Argwohn, aber sie sind auch bereit, die Seite zu wechseln. Aus Unwissenden können Wissende werden, aus Skeptikern Anhänger.
Für das Gemeinwesen „Wissenschaft“ ist dieser Austausch mit der Nachbarschaft Auftrag und Verpflichtung zugleich. Mit den Nachbarn sprechen, ihnen erklären, was Wissenschaft und Forschung ausmacht, sie davon zu überzeugen, dass ein gutes und langes Leben ohne Wissenschaft und Forschung nicht möglich wäre, und ihnen auch darzustellen, wie die Wissenschaft immer wieder klüger geworden ist, lautet der Auftrag.

Wissenschaft und autoritäre Politik
Warum ist die Wissenschaft für autoritäre Systemen oft ein Dorn im Auge? Historische Analysen zu Trump, Mussolini, Mao und Stalin, von Verena Winiwarter.
Warum ist die Wissenschaft für autoritäre Systemen oft ein Dorn im Auge? Historische Analysen zu Trump, Mussolini, Mao und Stalin, von Verena Winiwarter.
Wissenschaft und Forschung produzieren keine Ideologie, die das eigene Denken über das der anderen stellt und die das Ende der Geschichte kennt. Ob das die klassenlose Gesellschaft oder der Sieg des Kapitalismus ist, spielt dabei keine Rolle.
Wissenschaft und Forschung formen die Zukunft, spielen dabei aktiv mit und folgen damit der gleichen Idee, die im Kern der Demokratie verpackt ist – ein offenes Gestalten als Folge der politischen Diskurse und der am Wahltag erreichten Mehrheiten.
Nicht zuletzt gehen Wissenschaft und Forschung mit der Demokratie Hand in Hand: Das eine ist ohne das andere nicht gut vorstellbar. Denn wer sich einen „starken Mann“ an der Spitze des Landes wünscht, hält nicht viel von wissenschaftlichem Diskurs, komplexen Erklärungen und der Bereitschaft zur Falsifizierbarkeit.
Früchte der Forschung
Das virtuelle Gemeinwesen „Wissenschaft“ verschiebt seine Grenzen, ohne andere Territorien politisch zu erobern. Es bereichert unser Wissen, erklärt das bisher Unbekannte und prägt unseren Alltag. Ob wir Medikamente einnehmen, um Krankheiten zu bekämpfen oder über bildgebende Verfahren einen Tumor früh erkennen, ob wir mit technologisch weiterentwickelten Verkehrsmitteln zunehmend klimaschonend unterwegs sind oder uns mit Freunden in einem Zoom-Meeting über Tausende von Kilometern entfernt treffen – all das wäre ohne bahnbrechende Forschungsleistungen undenkbar.
Wo wären wir ohne den wissenschaftlichen Fortschritt? Die Leistungen der Wissenschaft und Forschung sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Und alles, was selbstverständlich ist, erfährt erfahrungsgemäß keine besondere politische Zuwendung. Das aber ist ein Fehler. Wissenschaft und Forschung sollten politische Priorität besitzen und jene Finanzierung erfahren, die notwendig ist, um Zukunft weiter gestalten zu können. Denn wir werden schließlich alle davon profitieren.
Der Autor ist Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und war, von der ÖVP nominiert, parteiloser Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung (2017–2021).

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