
Klimakrise: Warum es eine „relationale Wende“ braucht
„An den Rändern des exakten Wissens knistert es.“ So formulierte schon vor 50 Jahren der Astrologe, Maler und Dichter Thomas Ring seine Kritik an einer reduktionistischen Wissenschaft, die sich nur auf Einzelnes konzentriert und damit den Blick für das Gesamtgefüge des Lebens verliert.
Dass wir als Menschen keineswegs einen neutralen Beobachterstatus haben, sondern immer zugleich auch Teil des Geschehens sind, das Wissen erzeugt, wurde damals im Rahmen von Quantenmechanik und anderen Wissensfeldern diskutiert. Ring hätte es sich kaum träumen lassen, dass seine Vision am Anfang des 21. Jahrhunderts konkrete Gestalt gewinnen würde.
Paradigmenwechsel
Das Ausmaß der Veränderung, die wir derzeit in unserem Wissenschaftsverständnis erleben, dürfte wohl für viele eine Überraschung sein. Wer hätte damals gedacht, dass viele Pflanzen die Fähigkeit haben, auf Schallwellen oder Vibrationen in ihrer Umgebung zu reagieren?
Zahlreiche Arten haben so Strategien zur Nutzung von Schall entwickelt. Bei etwa 20.000 Spezies hat man schon zeigen können, dass sie erst dann gezielt Pollen aus den Blüten freisetzen, wenn diese mit der richtigen Schallfrequenz vibrieren. Dabei arbeiten die Pflanzen mit den Bienen zusammen, die sich ihrerseits so angepasst haben, dass sie die Muskeln ihrer Flügel genau im nötigen Rhythmus vibrieren lassen.
Wissenschafterinnen wie Monica Gagliano haben dieses neue Forschungsfeld der „Bioakustik“ erarbeitet – ein wirklicher Paradigmenwechsel, in dem die Trennung zwischen tierischem und pflanzlichem Verhalten zugunsten einer umfassenderen Erforschung alles Lebendigen aufgeweicht wird.
Naiv? Romantisierend? Geschwurbel?
Für das, was sich in den letzten Jahren vollzieht, hat sich der Begriff „relationale Wende“ eingebürgert. Was ist damit gemeint? „Relationalität“ bezieht sich auf die Überlegung, dass all unser Wissen und Sein nur in Relation mit etwas anderem möglich ist, dass nur in der Verschränkung unserer Perspektive mit den Perspektiven anderer Akteure und „Dinge“ der Schlüssel für unser Wissen besteht.
Das mag auf den ersten Blick trivial klingen, doch in seinen Konsequenzen hat das neue Denken enorme Auswirkungen. Die relationale Wende bezieht sich nämlich auf die Kritik – und die Überwindung – einflussreicher Denkmuster, die sich aus europäischer Philosophie herleiten und heute auf dem ganzen Planeten wirken.
Oft beinhalten diese Denkmuster Gegensatzpaare, die zu oft als selbstverständlich betrachtet werden: Natur gegenüber Kultur, Mensch gegenüber Nichtmensch, Objekt gegenüber Subjekt, Geist gegenüber Materie.
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