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Feministische Correctness im Clinch mit biologischer Evidenz

Eng verbunden mit multi-kulturellem Postmodernismus entwickelt sich seit rund 15 Jahren so etwas wie ein Feminismus der Dritten Generation. Die Amerikanerin Donna Haraway vertritt prominent diese Entwicklung, eine „feministisch interdisziplinäre Arbeitsgruppe des Studentischen Instituts für Kritische Inter-disziplinarität” an der Universität Frankfurt brachte einige ihrer wichtigsten Essays unter dem Titel „Die Neuerfindung der Natur - Primaten, Cyborgs und Frauen” im Campus-Verlag heraus. Sie helfen dem Leser, nicht nur den Feminismus besser zu verstehen, sondern auch Postmodernismus und Multikulturalismus.

Donna Haraway geht die Strömungen der feministischen Theoriebildung kritisch durch und gelangt dabei meist weniger zu Antworten als zu richtungsweisenden Fragen.

Nach einer ersten Periode, in der Parolen wie „Selber das Auto reparieren” den Feminismus kennzeichneten, hatten Feministinnen weite wissenschaftliche Gebiete integriert, wo „neuere sozialwissenschaftliche Studien über Wissenschaft und Technologie ein sehr starkes Argument für die soziale Konstruiertheit aller Arten von Erkenntnisansprüchen zur Verfügung” stellten. Doch für diese verlockenden Sichtweisen habe es keine privilegierte Binnenperspektive gegeben, „weil innerhalb des Wissens alle Grenzziehungen zwischen innen und außen als Machtstrategien und nicht als Annäherung an die Wahrheit theoretisiert werden.” Haraway sieht in einem derartigen feministisch-radikalen sozialkonstruktivistischen Programm Gefahren eines sterilen Zynismus, den Glaubensakt einer beliebigen Sekte. Sie und andere suchten „nach einem starken Instrument zur Dekonstruktion der Wahrheitsansprüche einer feindlichen Wissenschaft”. Das ergab „Elektroschocktherapien, die uns mit selbstinduzierten multiplen Persönlichkeitsstörungen außer Gefecht (setzten), statt uns an die Spieltische zu bringen, wo mit hohen Einsätzen um allgemein anerkannte Wahrheiten gespielt wird.”

Statt des Anspruches auf Objektivität des Mannes, des Herrn, der „Position von der aus Objektivität unmöglich praktiziert und gewürdigt werden kann,” sei „Situiertes Wissen” endlich die feministische Lösung, um die ideologische Dimension der „Faktizität” und des „Organischen” als Wissensobjekt zum „mate-riell-semiotischen Akteur” werden zu lassen. So etwa in der feministischen Primatenforschung.

Die Bio-Anthropologinnen Suzann Bipley und Sarah Bluffer Hrdy liefern Haraway Munition, um zu zeigen, wie der Feminismus auch auf Irrwege gelangen kann. Ripley und Hrdy haben Languren, in Süd- und Südostasien beheimatete Schlankaffen, aus einem feministischen Blickwinkel untersucht. Haraway macht klar, wie sehr Forschung eine „Produktion von Geschichten” sei. Geschichten aus der Feldforschung werden erzählt und analysiert, dabei kommen Einzelheiten ins Spiel, die an die NS-Vererbungstheoretiker denken lassen, wenn nicht überhaupt an Stalins liebsten Wissenschaftler Lyssenko, der die Möglichkeit erblicher Weitergabe vom Individuum erworbener Eigenschaften lehrte.

Ripley und Hrdy konzentrierten sich unter anderem auf eine angebliche Erscheinung unter den Languren, nämlich die Kindstötung, die Schlüsse auf menschliche gesellschaftliche Entwicklungen gestatten soll. Haraway stellt nicht die Ergebnisse der Verhaltensforschung in Frage, sondern falsche Deutungen aus feministischem Übereifer. Tatsächlich gebe es für Hrdys Theorie der Kindstötung nur wenige beglaubigte Fälle, doch versprach sie eine ideale Bestätigung der Theorie. Das war Haraway zu mager, vor allem aber geriete dadurch eine politisch nicht korrekte, nichtfeministische Komponente in die Argumentation, nämlich die männlich bestimmte Bangordnung: „Soziobiologenlnnen mögen Rangordnungen noch immer als Muster ansehen, die eine soziale Gruppe koordinieren, aber die zugrundeliegende Logik ist eine andere. Jede biologische Struktur ist Ausdruck eines genetischen Interessenkalküls”.

Die bestmögliche Lösung eines grundsätzlichen Konflikts sei, wenn alle Elemente eines Systems hinsichtlich ihres eigenen Reproduktionserfolges aufeinander angewiesen seien. Die Theorie über den Sinn der Kindstötung solle zum Beweis der tieferliegenden These dienen, die Erhaltung und Vermehrung der eigenen Gene sei letztes Ziel aller Organismen. Der Affe töte das Kind des anderen, um sein eigenes Erbgut mittels eigener Kinder zu erhalten und zu vermehren. Diese Art von Analyse sei in der Diskussion über genetische Strategien der Fitneßmaximierung „im gegenwärtigen Diskurs der Evolution gefragt”. Neodarwinismus wird das genannt. Doch selbst, wenn man einem richtigen Bedarf entspreche, solle die „Erzählung” nicht in Fiktion ausarten.

All diese Auseinandersetzungen finden auf der Grundlage postmoderner Theorie statt. Wobei zu klären wäre, was diese Postmoderne denn eigentlich ist. In Europa hält man sich meist an französische Texte, die mit viel rhetorischem Feuerwerk und wenig Konkretem einen unscharfen postmodernistischen Regenbogen ergeben, aus dem sich jeder seine originale und gleichwertige Deutung selber holen kann.

Haraway zitiert Katherine Hayles mit einer Beschreibung der Postmoderne aus amerikanischer Sicht, nach der sie in drei Wellen entstanden sei. Dabei wurde die Loslösung von Text und Kontext zu einer alltäglichen Erfahrung und die Zeit wird mit der Speziellen Belativitätstheorie nicht mehr als ein unvermeidliches Fortschreiten entlang einer linearen Skala angesehen, „sondern als ein Kon-strukt, das auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden” könne.

Durch Aids gelangte das Immunsystem ins Zentrum der Aufmerksamkeit und veranlaßte postmoderne Theoretiker, es als besonders klaren Beleg für ihre Theorien zu werten. Bis dahin hatte das Immunsystem als Beweis einer Evolution in Richtung Ganzheitlichkeit gegolten. Ganz im Gegenteil, schließt der von Haraway zitierte Leo Buss: „Das Immunsystem funktioniert... dadurch, daß es die inhärente Neigung der Zellen ausbeutet, ihre eigene Beplikationsrate zu vergrößern.” Dazu Haraway: „Das

Individuum ist ein erzwungener Zufall ... die Teile sind nicht für das Ganze da.” Jede Zelle suche ihr Lebensziel in der Erhaltung des eigenen Erbgutes durch Vermehrung. Daß dann alles zu einem komplexen Immunsystem wird, sei also ein „erzwungener Zufall”. Multikulturalismus sei die Ausweitung dieser Ideologie auf den Rest der Welt. Diese ist in dieser Sicht ein Durcheinander von Zellen, Individuen, Cyborgs und Zivilisationen, die alle ihr Erbgut durch Ausweitung bewahren wollen. In dieser Welt gibt es keine Hierarchie.

So sehr Donna Haraway sich auch gegen das Sektierertum wehren mag, im Endergebnis scheint mir „situiertes Wissen”, das heißt feministisches Wissen aus einer partialen (Lenin hätte gesagt: parteilichen) Perspektive, der feministischen Version einer Heilslehre gefährlich nahe zu kommen, die auf einem rund 400 Jahre alten Gedankenfundament ruht. Hob-bes übertrug protestantische, antizen-tralistische Thesen auf die Philosophie und folgerte, daß die menschliche Gesellschaft am besten funktioniere, wenn jeder seinen egoistischen Trieben folge. Denn über die Konfrontation der Egoismen ergebe sich ein Gleichgewicht, bei dem alle Extreme neutralisiert werden und somit niemand zu Schaden komme, während die Gesellschaft insgesamt dynamisiert werde.

Im geistigen Klima der Ära Reagan wurde dieses Prinzip von der zivilen Gesellschaft auf jegliches Konstrukt ausgeweitet. Von Atompartikeln bis zu Großzivilisationen wurden alle Phänomene mit der neoliberalis-tischen Heilslehre erklärt. Wozu Menschen imstande sind, wenn sie auf Grund einer Heilslehre wissenschaftlich alles so erklären, wie es die Subventionsverteilenden Ideologen verlangen - wie es also nach Hara-ways marktwirtschaftlicher Formulierung „gefragt ist” oder „einem Bedarf entspricht”, führte Stalins Leibwissenschaftler Lyssenko praktisch vor.

Doch die neoliberalen USA sind nicht die Sowjetunion und nicht Nazideutschland. Die postmoderne, neo-darwinistische Evolutionstheorie hat sich im dynamischen Kräftefeld der USA zum integristischen Multikulturalismus entwickelt und unterläuft mit dem Prinzip des Konstrukts, das, einmal existent, völlig unabhängig nur noch sein eigenes Erbgut, seine Gene zu erhalten sucht, alle zentrali-stischen Herrschaftsansprüche konservativer Wissenschaftler, die mit Schrecken sehen, was aus ihren heiligsten Prinzipien gebastelt wird: ein Multikult-Prügel namens political correctness. Das ist so, als hätte Lyssenko Stalin in die Mangel genommen.

Die Essays von Donna Haraway wurden im Lauf der achtziger Jahre geschrieben. Ein Interview von 1993 mit ihr deutet den Weg an, den sie seither zurückgelegt hat: „Postmodernismus ist ein ziemlich unmögliches Wort geworden,” sagt sie, alles lasse sich umdeuten.

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