Das harte Los der kleinen Herde

Die wenigen verbliebenen Christen in der Südtürkei leiden an Bedrohung und Diskriminierung. Ihre Lage wird trotz EU-Beitrittsambitionen prekär bleiben.

Bis heute leugnen der türkische Staat und weite Teile der Gesellschaft den Genozid, der Anfang des 20. Jahrhunderts an über 3 Millionen Christen im ehemaligen osmanischen Reich verübt worden ist. Außer jeweils 1,5 Millionen Armeniern und Griechen zählten ca. 500.000 aramäischsprachige Christen zu den Opfern. Allein im südostanatolischen Tur Abdin kamen etwa 90.000 syrisch-orthodoxe Christen um.

In diesem, südlich des Tigris gelegenen Gebiet von der Größe Vorarlbergs hatten syrisch-orthodoxe Christen bis 1927 mehrere Städte und 200 bis 300 Dörfer bevölkert. Anfang der 1970er Jahre gab es noch ca. 35.000 im Tur Abdin zu Deutsch "Berg der Gottesknechte". Seither ist ihre Anzahl auf bestenfalls 3000 geschrumpft.

Bis heute ist diese Minderheit regelmäßig Erpressungen ausgesetzt. Nachts erscheinen bewaffnete "Besucher" in Uniform oder Zivil in Privathäusern und verlangen Informationen, Geld und andere Güter. Solche Wunschzettel gehen mit glaubhaften Androhungen von Entführung von Familienmitgliedern, Schändung von Frauen und Kindern sowie von Ermordung einher. Bis vor einigen Jahren gehörten Vertreter des staatlichen Sicherheitsapparats, der kurdischen PKK, kurdischer Agas (Feudalherren) oder kurdischer Nachbardörfer zum Täterkreis. Dieser hat sich inzwischen um die türkische Hisbollah und andere islamistische Terrorgruppen erweitert.

Entführungen und Brandstiftung

Ein weiteres Druckmittel gegen christliche Dörfer ist die Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Grundlagen durch planmäßige Brandstiftung in Wäldern, Gärten, Feldern und Weinbergen. Außerdem gibt es systematische Belästigungen sowie angedrohte und durchgeführte Entführungen von Schulmädchen und jungen Frauen. Dies führt dazu, dass viele weibliche Jugendliche weiterführende Schulen nicht besuchen, weil diese außerhalb der Dorfgrenzen liegen. All das hat in den letzten drei Jahrzehnten einen demografischen Aderlass von über 90 % unter den Christen bewirkt. Wer heute als syrisch-orthodoxer Christ noch im Tur Abdin verblieben ist, ist auf regelmäßige Unterstützung durch Verwandte und Freunde im Ausland angewiesen.

Im 4. Jahrhundert gegründet, hat Mor Gabriel eine reiche theologie- und kirchengeschichtliche Tradition aufzuweisen und gehört zu den ältesten Klöstern der Welt, die bis in die Gegenwart noch aktiv sind. In diesem Bischofssitz leben heute 60 Personen, einschließlich 35 Internatsschüler, die externe staatliche Schulen besuchen und im Kloster in Syro-aramäisch und Religion unterrichtet werden. 14 Nonnen und drei Mönche bewirtschaften das Kloster, das aus Landwirtschaft und Tourismus (ca. 70.000 Besucher im Jahr) Einnahmen erzielt und im Übrigen auf Spenden aus dem Ausland angewiesen ist.

Seit August 2008 muss Mor Gabriel, das Herzstück der syrisch-orthodoxen Christen im Tur Abdin, seinen Landbesitz vor Gericht verteidigen. Nach rechtsstaatlichen Maßstäben sind die Ansprüche einiger Nachbardörfer sowie die staatlichen Enteignungsinitiativen nicht nachvollziehbar. Inwieweit das türkische Interesse, der EU beizutreten, dem Kloster zugutekommen wird, ist schwer einzuschätzen. Unabhängig vom Ausgang dieser Verfahren scheint jedoch die Zukunft der Christen im Tur Abdin in Frage gestellt zu sein. Denn obgleich in den letzten Jahren einige Christen zurückgekehrt sind, sehen die meisten angesichts der prekären Sicherheitslage keine reellen Überlebenschancen für ihre Gemeinde in der Südosttürkei. Damit würden die kulturgeschichtlichen Wurzeln einer urchristlichen Kirche in diesem geografischen Raum absterben, wo sie sich auf die Gemeindegründung des Apostels Petrus in Antiochien zurückführt.

Kein geistlicher Nachwuchs

Von ca. 2,5 Millionen syrisch-orthodoxen Christen leben heute noch 13.000 in der Türkei (außer im Tur Abdin ca. 10.000 in Istanbul). Als nichtmuslimische Minderheiten haben alle Kirchen, die zum Teil seit 2000 Jahren zwischen Zweistromland und Bosporus zu Hause sind, hier kaum noch Überlebenschancen: Griechisch-orthodoxe, armenisch-apostolische, römisch-katholische, protestantische Kirchen sowie evangelische Freikirchen und andere christliche Gemeinschaften haben alle unter Übergriffen und unerträglichen Diskriminierungen zu leiden.

Von den 100.000 Christen in der Türkei leben 90 % in der Westtürkei, davon über 80.000 in Istanbul, wo sie etwa 0,5 % der Bevölkerung ausmachen. Auch die Patriarchen der armenisch-apostolischen und griechisch-orthodoxen Kirche residieren in der traditionsreichen Bosporusmetropole. Der türkische Staat nutzt dies als Vorwand, nur türkische Staatsbürger als Amtsträger zu dulden. Als Türke ist es dem griechisch-orthodoxen Patriarchen, dem Oberhaupt mehrerer byzantinischer Nachfolgekirchen mit über 200.000.000 Christen, jedoch untersagt, sein traditionelles Attribut, "ökumenisch", in seinem Amtstitel zu führen. Andere staatliche Einmischungen in die inneren Angelegenheiten christlicher Gemeinschaften bedingen, dass in der Türkei kein geistlicher Nachwuchs ausgebildet werden kann. Religiöse Unterweisung von Kindern und Jugendlichen findet bestenfalls in legalen Grauzonen statt. Ferner kommt es regelmäßig zu tätlichen Angriffen auf Christen, die im Ausland jedoch nur wahrgenommen werden, wenn sie tödliche Folgen haben, wie die Ermordung von Pater Santoro (Februar 2006) und von drei Protestanten (April 2007).

Seit den 1930er Jahren gehören Enteignungen und gesetzliche Verbote, Immobilien und Versammlungsstätten zu besitzen, zu den Dauerproblemen christlicher Gemeinschaften. Zu den Anstrengungen, die hinsichtlich EU-Beitrittsbestrebungen gemacht worden sind, gehört das sog. "Stiftungsgesetz", das diesen über Jahrzehnte entstandenen Missständen jedoch nur sehr bedingt gerecht zu werden vermag. Selbst nach der neuen Gesetzeslage dürfte eine fünfstellige Anzahl von Liegenschaften nicht mehr restituiert werden.

Bedingt durch türkische EU-Beitrittsambitionen hat es in den letzten Jahren vereinzelt positive Entwicklungen gegeben. Dennoch fehlt nach wie vor der politische Wille, gegen die tief verwurzelte Bereitschaft, religiöse und ethnische Minderheiten zu diskriminieren, initiativ zu werden. Mangels gesetzlicher Garantien und angesichts anhaltender Intoleranz in vielen Medien und in Schullehrplänen bleibt die Lage der Minderheiten weiterhin äußerst prekär.

* Der Autor war bis 2007 Referent für Religions- und Weltanschauungsfreiheit im Büro für Demokratische Institutionen der OSZE

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