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Gefangene in einer Welt der Gewalt

Vladimir Sorokins Bücher werden viel gelesen und bieten Stets Zündstoff für heftige Auseinandersetzungen in Russland. Sein Thema ist die Gewalt. aber sein Thema ist auch das Glück.

Immer wieder wird Vladimir Sorokin als Enfant terrible der russischen Literatur bezeichnet. Seine Antwort in einem Interview von 2003 ist eine klare: „Es wird zwar immer wieder geschrieben, ich sei ein Provokateur. Aber das bin ich nur in den Augen oberflächlicher Beobachter. Nur in Raskolnikows Händen ist die Axt ein Werkzeug der Aggression. Wenn sie dagegen ein Zimmermann in die Hand nimmt, dann hat das nichts mit Aggression zu tun. Sondern mit Wiederaufbau.“

Sorokin will kein Superstar sein, will schreiben, seine Standpunkte vertreten, ohne dafür belangt zu werden, gute Literatur, ohne didaktisch zu sein, über Russland, sein Land, und, mehr als das, über die menschliche Conditio. Viel gelesen im eigenen Land, bieten seine Bücher immer wieder Zündstoff für heftige Auseinandersetzungen, die schon mal vor Gericht enden, das einen Schriftsteller vom Vorwurf der Pornografie freispricht, dem es doch gerade um das Anprangern von Gewalt geht. Die Axt ist in der Hand der Figur, der Schreibende gibt sie dorthin, doch nicht er ist es, der zuschlägt. Ein Unterschied, der immer wieder vergessen wird. Viel gelesen wird Sorokin nicht nur in Russland, seine Bücher werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Westliche Rezensenten kämpfen damit, Sorokin fassen zu kriegen, ihn einzuordnen. Einmal finden sie zu wenig Parodie, dann wieder zu viel Vergewaltigungsfantasien (wer hat die Axt in der Hand?), sind empört ob der Ansammlung vermeintlich russischer Klischees, um ihn dann wieder als den russischen Autor zu feiern.

Vladimir Sorokin, Jahrgang 1955, schloss sich in den 80er Jahren den Moskauer Konzeptualisten an, als deren wichtigster literarischer Vertreter er neben Dmitri Prigov gilt. Gemeinsam mit bildenden Künstlern wie Erik Bulatov oder Ilja Kabakov setzten sie sich mit den künstlerischen und politischen Ideologien des Sozialistischen Realismus und des Stalinismus auseinander, indem sie sich das Sprach- und Bildmaterial, die Symbole, Mythen und Redeweisen der Sowjet-Welt künstlerisch zueigen machten, sie perpetuierten und übersteigerten.

Kunst als Überlebensstrategie

Sie verstanden sich dabei nicht als politisch dissident, wenn sie auch offiziell nicht wahrgenommen wurden, vielmehr war ihnen ihre Art, die Kunst zu leben, Überlebensstrategie in einer als extrem schizophren und entfremdet erlebten Welt. Mit den literarischen Verfahren des Zitats und der Simulation perpetuierten sie die entmündigte, kollektivierte Autor-Stimme des Sozialistischen Realismus. Die Konzeptualisten hauchten dem Autor die Stimmen der ihn umgebenden Realität ein, aber unter den Vorzeichen der Übersteigerung. Zahlreiche Tabus wurden dabei gebrochen, Sorokins Werke wie der Roman „Norma“ aber auch noch der später geschriebene und erschienene Roman „Der himmelblaue Speck“ belegen dies eindrucksvoll. Was hier bereits zum Ausdruck kommt, ist die fantastische Fähigkeit des Autors, alle Sprachenregister zu ziehen, zu imitieren. Sie ist ihm geblieben, in Form der „uneigentlichen“ Rede.

Sorokins Protagonisten sind Gefangene in einer Welt der Gewalt und der Willkür. Aus ihren lädierten Körpern und traktierten Seelen heraus lässt er sprechen, einen auktorialen Erzähler findet man bei ihm nie. Imperien und Ideologien werden aus ihrem Innersten heraus beschrieben; Vergangenheiten werden in die Zukunft projiziert, um die Gegenwart umso klarer herausmeißeln zu können. Meisterhaft gelingt ihm dies im Roman „Der Tag des Opritschniks“. In ihm verlegt er die feudalen Herrschaftsprinzipien Russlands zur Zeit Iwans des Schrecklichen, die nach den Regeln von Befehl, Gehorsam und Unterwürfigkeit, gepaart mit Willkür und Autokratie, funktionieren, in die nicht allzu ferne Zukunft 2027. Konsequente Einhaltung der Tätersicht, futuristische Hightech-Elemente des 21. Jahrhunderts, der musikalische Singsang der mündlichen Rede im russischen Volksmärchen: Diese Kombination lässt die Rituale des Vergangenen in einer erschreckend dunklen visionären Dimension erscheinen. Im soeben erschienenen Folgeband „Der Zuckerkreml“ verleiht Sorokin jenen Menschen eine Stimme, die nicht zur Regierungskaste gehören: Zwangsarbeitern, Henkern, Hofnarren, Marfuscha, einem Mädchen. Das Lutschen an der Zuckerbäckerei in Form des Kreml, Geschenk des Gossudaren an sein unterdrücktes Volk, soll über Trostlosigkeit, Armut und Gewalt hinwegtrösten. Ein ganzes Volk schleckt, um zu ertragen. Ein surreal-trauriges Bild, das sich als Leitmotiv durch den virtuosen Stimmenchor zieht, der einfängt, wie das ist: ein Leben als Untertanen.

Gewalt und Glück

Gewalt sei sein Thema, meint Sorokin in einem Interview. In diesem Sinne ist seine Literatur Literatur über Folter, physische und psychische Malträtierungen, die, aus Ideologien geboren und bis in die Knochen eingekerbt, jegliches Glück, jegliche Vorstellung von Glück verunmöglicht. Und doch, auch Glück ist sein Thema.

In der Trilogie rund um das geheimnisvolle Eis aus der sibirischen Tunguska in den Romanen „Ljod. Das Eis“, „Bro“ und „23.000“ entwickelt der Autor die Erzählung der 23.000 Lichtgestalten: In Menschenkörpern gefangen, bringen sie durch die Berührung mit dem ewigen Eis ihre Herzen zum Sprechen und wollen, als große Utopie, wiederum zu Lichtstrahlen werden. Ihr Erdendasein ist dabei ein unangenehmes Übergangsstadium zwischen Fleischmaschinen, die nach und nach mit dem „heiligen“ Eispickel aufgeklopft werden müssen. Der Entwurf einer „reinen“ Lichtlehre, die selbst Gewalt anwendet, um ans Ziel zu kommen, ermöglicht es dem Autor, Totalitarismen zu hinterfragen sowie gleichzeitig einen distanzierten Blick auf das Treiben der Fleischmaschinen zu werfen. Als es den 23.000 am Ende des dritten Bandes gelingt, sich mit ihren Herzen zu vereinigen, sterben sie eine Art Massentod, die Erde löst sich jedoch nicht auf. Die Zukunft der Erde liegt weiterhin in den Händen der – und nun sagen wir – Menschen. In Olga und Björn geht eine Verwandlung vor sich: Auch in ihnen brennt die „Sehnsucht nach dem Licht“. Nicht die Erfüllung bringt Glück und Erlösung, im Gegenteil, sie bringt Tod und Verderben, sondern die Sehnsucht, die in einer ständigen Suchbewegung nach dem Ganzheitlichen aus der Zersplitterung heraus lebendig bleibt. So prangert Sorokin in seiner Trilogie Glücksversprechungen als gefährlich und gewalttätig an, schafft es aber trotzdem, auf einer Vorstellung von Glück zu beharren. Eben. Glück ist – auch, oder vielleicht vor allem? – sein Thema.

Am 22. September liest Vladimir Sorokin auf Einladung von Literaturhaus am Inn und „Klangspuren. Festival zeitgenössischer Musik“ um 20 Uhr im ORF Tirol Kulturhaus in Innsbruck.

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