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Literatur

RUSSLAND ALS WORTSCHÖPFUNG

1945 1960 1980 2000 2020

MICHAIL SCHISCHKINS AMBITIONIERTER VERSUCH, DAS RUSSISCHE LEBEN AUS DEM GEIST SEINER LITERATUR ZU ERKLÄREN.

1945 1960 1980 2000 2020

MICHAIL SCHISCHKINS AMBITIONIERTER VERSUCH, DAS RUSSISCHE LEBEN AUS DEM GEIST SEINER LITERATUR ZU ERKLÄREN.

Michail Schischkin, Jahrgang 1961, gilt in Russland als einer der führenden Autoren seiner Generation. Er hat die wichtigsten literarischen Auszeichnungen erhalten, so den russischen Booker-Preis für den vorliegenden Band in der Kategorie "bester Roman des Jahres". Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik war er als Lehrer, Journalist, Übersetzer und Dolmetscher tätig und lebt seit 1995 vorwiegend in der Schweiz. Trotz seiner starken Bindung zum deutschen Sprachraum musste er 18 Jahre darauf warten, bis sein preisgekrönter Roman "Die Eroberung von Ismail" ins Deutsche übersetzt wurde.

"Das Leben, Mischka, muss man erstürmen wie eine Festung!" Die Eroberung von Ismail, die dem Roman von Michail Schischkin den Namen gegeben hat, bezieht sich auf einen Kriegszug des russischen Feldherren Suworow gegen das osmanische Reich. Aber wir sind nicht am Ende des 18. Jahrhunderts, sondern in der Fantasiewelt eines kleinen Buben, der davon träumt, die russische Heldentat mit dressierten Mäusen nachzustellen.

Dieser Roman, der Leser sei gewarnt, ist keine einfache Lektüre. Wenn ein Verlag lange zögert, eine Übersetzung zu wagen, hat das seine Gründe. "Die Eroberung von Ismail" ist ein hoch komplexer Text. Der Roman, und als Wortkunstwerk ist das auch legitim, entsteht vor den Augen seiner Leser. Wortmassen und Zitatengeröll werden vorgezeigt, geordnet und sortiert, bevor es richtig los gehen kann. Wenn der Roman dann in den Schlusssätzen der bekanntesten Romane der russischen Literatur kulminiert (verbunden mit den Letzten Worten russischer Autoren), sollte der Leser/die Leserin schon viel Geduld und eine gewisse Vorstellung davon mitbringen, in welche Welt man da eigentlich geraten ist.

Antike, Götterwelt, Gegenwart

Der Roman ist in seiner Grundstruktur ein Plädoyer, eine Gerichtsrede -und wir wären nicht in Russland, wenn das nicht die Jeremiade, die Beichte und die Lust am Skandalösen mit einschlösse. Alles wird aufgerufen: die Klassiker der Antike, die altrussischen Chroniken, die slawische Götterwelt, die russische Literatur von Kantemir bis in die Gegenwart. Es gehört zu den faszinierenden Leseerlebnissen, die dieser Text bietet, wie plötzlich äußerst konkrete Geschichten Fahrt aufnehmen. In diesen Passagen erweist sich Schischkin als ein Erzähler von Rang. So etwa erfährt ein junger Journalist von einer zurückgezogen lebenden Witwe über den Tod ihres Mannes folgendes: "Nach Stalins Tod sind seine Amtskollegen einer nach dem anderen verhaftet worden, während er vorläufig nur entlassen worden war. So lebte er in beständiger Angst, dass sie ihn holen kämen. Saß zu Hause, ging nirgends hin. Einmal war ich einkaufen und hatte den Schlüssel vergessen. Kam wieder und musste klingeln. Er machte nicht auf. Hat gemeint, sie kämen ihn holen, weil ich ja einen Schlüssel hatte und niemals klingelte. So ist er aus dem Fenster gesprungen Aber schreiben Sie das um Himmels willen nicht in Ihrem Artikel, ich bitte Sie!" - Das alles taucht so en passant auf, so beiläufig und genau so, wie man in Russland eben oft viel mehr zu hören bekommt, als man eigentlich erfahren will.

Bei der komplexen Konstruktion des Romans muss man daran erinnern, dass der russische literarische Kanon scharf umgrenzt ist. Das hat seine Ursache in der konservativen Grundstimmung der Leserschaft, die das Fremde zwar respektvoll anerkennt, sich für einen Stoff aber nur dann erwärmen kann, wenn er "von uns" handelt. Dazu kommt ein zaristisches, sowjetisches und postsowjetisches Erziehungssystem, das die Stoffauswahl bis ins kleinste Detail regelte und immer noch regelt. Das führt dazu, dass mit den Klassikern und ihren Helden ein sehr intimer Umgang gepflogen wird. Sie sind einfach immer präsent; ihre Texte sind Allgemeingut. Nicht nur Tolstoi und Tschechow werden so zu sehr nahen Menschen, auch Natascha Rostowa und Onkel Wanja begleiten den russischen Leser durchs Leben. Bleibt nur die Frage: Will man die Familie Karamasow wirklich ständig im Haus haben? - Oder, vielleicht dringender: Haben diese Stimmen nicht schon längst die Macht über den Sprach-und damit den Gedanken-und Gefühlshaushalt der Leserschaft übernommen?

Russische Polyphonie

Das Faszinierende an Schischkins Prosa ist, dass es ihm gelingt, das Verwobene seiner Helden mit den literarischen Vorbildern überzeugend nachzuzeichnen: Die so entstehenden Textverschränkungen sind geschickt montiert, seine Fähigkeit, diesen Chor zu orchestrieren, ist bewundernswert. Schischkin macht die Tonlagen hörbar, übersetzt diese russische Polyphonie in Literatur. Nicht zufällig ist sein späteres Buch "Venushaar" (auf Russisch 2005, auf Deutsch schon 2011 erschienen) ganz wesentlich auch diesem Übertragungs-und Übersetzungsthema gewidmet.

Erosion versteinerter Denkmuster

Bei Schischkin kann man sich in den geistigen Haushalt eines russischen Intellektuellen einfühlen, und es wird vorgeführt, wie dieser Bestand beschaffen ist. Wenn man sich manchmal genervt die Frage stellt, was lese ich da eigentlich, bin ich in einer altrussischen Chronik, in einem Roman des 19. Jahrhunderts, in einer sowjetischen Erzählung, in einer postmodernen Textfläche, hat der Autor sein Ziel erreicht: Die Prosa Schischkins zeigt, und das muss auch den politischen Analytiker interessieren, dass diese Denk-und Sprachebenen in Russland gleichzeitig und parallel existieren. Für den russischen Leser liegt außerdem ein Moment der Befreiung darin, dass sich dieses bunte Zitatenkaleidoskop nicht nur zu immer neuen und originellen Mustern fügt, sondern dass der spielerisch-kreative Umgang mit dem Material zwangsläufig zur Erosion versteinerter Denkmuster führt. Womit Schischkins Prosa der staatlichen Propaganda, die orthodox-nationalistische Stereotype in den Hirnen der Menschen am liebsten einbetonieren möchte, diametral entgegensteht.

Die Eroberung von Ismail

Roman von Michail Schischkin

Aus dem Russ. von Andreas Tretner

Deutsche Verlagsanstalt 2017

504 S., geb., € 27,80