Für Ideale - oder für ein paar Rubel

Die einen gehen schon seit Wochen gegen Wladimir Putin auf die Straße, die anderen jubeln - vom Kreml organisiert - für ihn. Eine Moskauer Wanderung mit einer geteilten Gesellschaft.

Lena zeigt Einsatz. Sie telefoniert aufgeregt herum, ärgert sich über zusammengebrochene Mobilfunkleitungen. Die junge Frau kämpft für ihren freien Tag. Den aber gebe es nur, so habe der Direktor gesagt, wenn die ganze Gruppe vollständig ist. Wenn sie alle gemeinsam auf dem Platz erscheinen, im Moskauer Park des Sieges, wo sie ihre Unterstützung für den Premier Wladimir Putin zur Schau tragen. Bei der Anti-Orange-Demonstration, die als Gegenaktion der Anti-Putin-Proteste "für faire Wahlen“, nur einige Kilometer weiter, gedacht ist. Eine Kollegin aber fehlt, Lena kann sie nicht erreichen. Es sei nicht wichtig, wie alt sie ist, nicht wichtig, für wen sie arbeitet, wessen Politik sie gut und wessen Losungen sie schlecht findet. Wichtig sei im Augenblick nur dieser eine freie Tag. Deswegen friere sie hier bei minus 20 Grad, sagt Lena. Im Hintergrund hat jemand die Beschallungsanlage auf höchste Lautstärke gedreht. "Für unser Land“, schallt es daraus.

Für und wider Putin

Von 138.000 Teilnehmern wird die Polizei später sprechen - für den Premier. Und von 36.000 gegen ihn. Die Veranstalter des Oppositionsmarsches rufen etwas von 120.000 Demonstranten von der Bühne herunter. Es ist eine Schlacht um Zahlen - und die größte Demonstration Russlands seit etwa 20 Jahren. Eine, die zeigt, wie zerrissen die Bevölkerung ist, einen Monat vor der Präsidentschaftswahl.

Die Parlamentswahlen im Dezember haben das Land und die Menschen verändert. Viele Russen haben teils mit eigenen Augen gesehen, wie die Wahl gefälscht wurde. Haben erfahren, wie die Regierung ihre Beschwerden danach mit Füßen tritt, sie nicht ernst nimmt. Gerade diese Menschen, die im Russland Putins groß geworden sind, "die Satten“, wie politische Kommentatoren sie nennen, wollen die staatliche Bevormundung nicht länger hinnehmen. Vor allem die Jugend fordert den Wandel. Der Staat aber schaut verächtlich auf sie herab, hält sie für eine vom Westen bezahlte Minderheit.

Premier Putin nannte die Demonstranten im Dezember "gesetzlose Affen“. Solchen Vokabulars bedienen sich auch die Menschen, die am Samstag in den Siegespark kommen, um den Errungenschaften der Putin-Ära zu huldigen.

"Die Oppositionsmeute destabilisiert unser Land“, sagt der 33-jährige Wladimir, ein Mitarbeiter bei der staatlichen Wohnungs- und Kommunalwirtschaft. Wladimir hat immer für Putin gestimmt, er werde es auch dieses Mal tun. "Mit ihm an der Spitze des Staates hat sich meine persönliche Situation verbessert, mehr brauche ich nicht.“ Die Rentnerin Marina Bessarabowa würde ihm sogleich widersprechen. "Uns fehlt die Luft zum Atmen“, sagt die 60-Jährige bei der Anti-Putin-Demonstration, während der bunte Protestzug langsam über eine achtspurige Straße zieht. Die einen wollen endlich Veränderung, die anderen ihren Besitzstand wahren. Die einen schlüpfen in ihre Filzstiefel und stecken ein weißes Bändchen ins Knopfloch ihres Pelzmantels, viele andere müssen pünktlich am Bus stehen und ihren Namen abhaken lassen. Sie harren alle aus in der Kälte - mit verschiedenen Intentionen. Manche kommen wegen ihrer Ideale, andere wegen ein paar Rubel. "Ich will meinen Job behalten“, sagt eine Frau bei der Pro-Putin-Demo. So sprechen viele im Siegespark, wo an diesem kalten Moskauer Mittag Dutzende von Bussen ihre menschliche Ladung abliefern. Organisiert meist von staatlichen Unternehmen. Ihre Unterstützung für Putin allerdings wagt kaum jemand offen auszusprechen. "Man hat uns verboten, mit Journalisten zu reden“, ist oft die Erklärung.

Hauptsache Änderungen

Dass die Antiregierungsproteste von Dauer sein werden, davon sind viele bei der Oppositionsaktion auf dem Sumpfplatz in Sichtweite des Kremls überzeugt. Es kommen immer noch viele, die noch nie gegen den Staat protestiert haben. Nun aber, so sagen sie, rücke die Präsidentschaftswahl näher, ohne Reformen gehe es nicht. Ob diese gelingen, vermag niemand zu sagen.

Viel zu lang hat das Regime Putin jede Regung von politischer Vielfalt unterdrückt. Schon allein deshalb mangelt es weiterhin an klar erkennbaren Gegenkandidaten für den jetzigen Premier. Auch der Milliardär Michail Prochorow und der Blogger Alexej Nawalny, die beim Protestzug mitmarschieren, sind für viele keine Option. Prochorow gilt als Marionette des Kremls, mag er noch so oft das Gegenteil betonen. Bei Nawalny lässt sich kein eindeutiges Programm erkennen. Vier Wochen bleiben noch bis zur Wahl. Die Unzufriedenen wollen wiederkommen. "Davor, danach, Hauptsache, es ändert sich was“, sagen sie und lassen ihre weißen Luftballons in den blauen Moskauer Himmel steigen.

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