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Westen muß expandieren

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Die Regierungen der westlichen Allianz können vielleicht kurze Perioden der Austerität durchstehen, nicht jedoch den Aufschub des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts auf unbestimmte Zeit. Wir sind wie Radfahrer auf einem Drahtseil, die sich in Schwung halten müssen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Für den Westen ist Stabilität nur durch eine Vorwärtsentwicklung gewährleistet.

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Die Regierungen der westlichen Allianz können vielleicht kurze Perioden der Austerität durchstehen, nicht jedoch den Aufschub des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts auf unbestimmte Zeit. Wir sind wie Radfahrer auf einem Drahtseil, die sich in Schwung halten müssen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Für den Westen ist Stabilität nur durch eine Vorwärtsentwicklung gewährleistet.

Klarerweise kann unsere Expansion heute nicht mehr territorialer Natur sein, noch ist es wahrscheinlich, daß sie durch neu entdeckte Rohstoffreserven vorangetrieben werden kann. Erfindungsgabe, Genialität ist die Quelle, die wir am dringendsten benötigen. Und sie ist jener Bestandteil des Wachstums, der glücklicherweise in unerschöpflichem Ausmaß vorhanden ist.

Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die in bestmöglicher Weise unsere innovatorischen Fähigkeiten anregen — ein politisches, soziales und wirtschaftliches Umfeld, das uns herausfordert und uns gleichzeitig größtmöglichen Aktionsspielraum läßt...

Wir können die Geographie und Geschichte nicht ändern, die die industrialisierte Welt, die Entwicklungsländer und die kommunistischen Staaten voneinander getrennt haben. Aber wir können mehr tun, um zu verhindern, daß diese drei „Welten" kollidieren. Wir müssen sogar viel mehr tun, um breitere, stabilere und produktivere Verbindungen unter ihnen zu knüpfen, so daß sie — ohnedies zur Koexistenz genötigt — zur Zusammenarbeit gelangen.

Zusammenarbeit muß im eigenen Haus beginnen. Innerhalb der atlantischen Gemeinschaft ist kein einzelnes Land — auch nicht die USA — groß und reich genug, um für sich alleine gedeihen zu können. Es könnte vielleicht isoliert weiterexistieren, aber ohne kollektive Verteidigung und extensiven Handel könnte es sich gewiß nicht sicher fühlen.

Diese Erkenntnis hat unsere Allianz mehr als drei Jahrzehnte hindurch geleitet. Sie sollte heute auch nicht in Frage gestellt werden. ..

Protektionisten, Pazifisten oder Unilateralisten — ob Amerikaner oder Europäer — unterliegen alle dem gleichen Irrtum: Sie drücken sich vor der harten und unbequemen Tatsache der Interdependenz und glauben dabei auch noch daran, daß es für eine Nation möglich sei, das Verhalten anderer Länder entweder kontrollieren oder sich gegen das Verhalten anderer immunisieren zu können. Diese Vorstellung ist verfehlt; ihr anzuhängen wäre dumm, ja es könnte selbstmörderische Konsequenzen haben...

Die OECD-Nationen sind untereinander die besten Kunden und zugleich die stärksten Konkurrenten. Sowohl auf dem Gebiet der Geldpolitik als auch bei der Nachfragesteuerung bedarf es einer engeren Partnerschaft, um zu verhindern, daß sich die westlichen Länder gegenseitig das Kapital wegnehmen, das sie für Investitionen und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze benötigen. Wir können nicht auf der einen Seite des Atlantiks die Männer und Frauen in den Arbeitsprozeß wiedereingliedern, während auf der anderen Seite die Arbeitslosigkeit so hoch bleibt, daß ein erhöhter Produktionsausstoß keine Käufer findet...

Die Expansion, die wir im eigenen Bereich anstreben, sollte die Entwicklung in der Dritten Welt miteinschließen. Und wiederum sollten wir unsere Aktionen koordinieren: und zwar sowohl die Rettungsaktionen für die internationalen Finanzinstitutionen als auch die langfristigen öffentlichen und privaten Investitionsanstrengungen, um stärkere Fundamente für ein stetiges Wachstum in den Entwicklungsländern zu schaffen. Denn unser gemeinsames Heil liegt in einer wachsenden, nicht in einer zertrümmerten Weltwirtschaft.

Was nun unsere Beziehungen zum kommunistischen Machtblock betrifft: Wenn unser Haus selbst in Unordnung ist, können wir dann von unseren waghalsigen Rivalen etwas anderes als Schadenfreude und ihre Bereitschaft erwarten, unsere Verwirrung und Erschöpfung auszunützen?

Zunächst: Eine Krise des Westens ist nicht unbedingt eine Gelegenheit für den Osten. Tatsächlich ist die kommunistische Welt ja ebenfalls aus dem Gleichgewicht. Und da sie mit ähnlichen neuen Gefahren wie wir konfrontiert ist, könnten wir vielleicht zu verbesserten Beziehungen gelangen — wenn ich auch diesbezüglich nicht übermäßig optimistisch bin.

Alles, was wir mit Sicherheit feststellen können, ist, daß die neuen Führer der Sowjetunion vor fundamentalen Entscheidungen stehen, die durch die politische Sklerose der letzten Bresch-njew-Jahre lange Zeit hinausgeschoben wurden. Wir können nicht sagen, wie sich Moskau entscheiden wird und wie bald das geschieht. Aber ich bin skeptisch, daß das Regime aus einer Diszi-plinierungskampagne bleibenden Nutzen ziehen kann.

Es ist dadurch vielleicht möglich, die Arbeiter dazu zu bringen, daß sie sich rechtzeitig zum Dienst melden. Aber wenn das vorhandene Arbeitskräftepotential ab- und nicht zunimmt, wenn die industrielle Maschinerie dramatisch veraltet, wenn es immer schwerer und teurer wird, Rohstoffe auszubeuten und zu transportieren, wenn schließlich die Deviseneinnahmen aus Energieexporten mit dem Fallen der OPEC-Preise zurückgehen, dann müssen sogar Moskaus optimistische Wirtschaftsplaner ihre Voraussagen den rauhen Realitäten anpassen...

Wenn wir meinen, daß das kommunistische System vor dem Kollaps steht—was ich nicht glaube —, würden wir die Selbstzerstörung vielleicht gerne beschleunigen, obwohl die Explosionen, die einen solchen Zusammenbruch möglicherweise begleiten, auch für uns selbst tödlich sein könnten. Wenn wir jedoch annehmen, daß die sowjetische Götterdämmerung weder bevorsteht noch unvermeidlich ist, ist jetzt vielleicht die günstigste Gelegenheit dazu, ein neues Gerüst für die Zusammenarbeit zu zimmern, das auf gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen beruht...

Wir haben unsere politische Kommunikation mit den kommunistischen Mächten zu lange auf die schwierigsten Fragen konzentriert: Rüstungskontrolle, Zurückhaltung in der Dritten Welt oder Menschenrechte. Dies sind vitale Angelegenheiten, gewiß. Aber dieser Dialog tendiert dazu, in kleinliches Gezänk zu entarten, was mehr als den Fortschritt die Propaganda und Paranoia stim-muliert.

Wenn wir die Absteckung unserer gegenseitigen Interessen auf die Möglichkeit erweiterten Handels ausdehnen, könnten wir zumindest ein Feld neuer Kontakte eröffnen, das uns von der Konfrontation wegbringt. Ich überschätze die Aussichten für produktive Beziehungen nicht. Ich unterschätze auch die Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer gemeinsamen westlichen Haltung bei einem solchen Vorgehen nicht. Aber ich glaube, daß wir nicht länger ein Arrangement beibehalten können, demzufolge die USA ihre Ressourcen auf die gemeinsame Verteidigung konzentrieren müssen, während die Europäer sich als Schrittmacher eines vorteilhaften Osthandels sehen.

Frieden, Sicherheit und Wachstum sind unsere gemeinsamen Ziele. Um sie zu gewinnen, müssen Westeuropa und die USA die nötigen Risken eingehen. Und das müssen sie gemeinsam tun.

Der Autor ist republikanischer Senator des Bundesstaates Maryland. Er ist u. a. Mitglied des außenpolitischen Senatsausschusses und gehörte der von Henry Kissinger geführten Zentralamerika-Kommission an. Senator Mathias gilt als Vertreter des liberalen Flügels der Republikanischen Partei. (Ubersetzung aus dem Englischen: Burkhard Bischof.)

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