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Jeder Mensch ist Philosoph

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Es ist das Kreuz aller Philosophen seit Descartes, aus der „alle gegenständliche und inhaltliche Fixierung zurückweisenden reinen Bewegung des Denkens“, aus dem reinen „cogito ergo sum“, herauszukommen und wieder die Verbindung mit der Wirklichkeit aufzunehmen; das gilt für idealistische Systeme ebenso wie für positivistische. Die „totale Struktur der monistischen Systeme, die darin besteht, daß man in diesen Systemen den Versuch unternimmt, die Wirklichkeit total unter den Hammer eines Begriffes zu bringen“, ist dann nicht bloßes Philosophengespräch geblieben, sondern hat eben versucht, sich zu objektivieren und damit sehr reale Katastrophen herbeizuführen. „Darum bestätigt auch die historische Erfahrung, daß die gewalttätige Verwirklichung abstrakter Ideen und Weltsysteme zur totalen Unmenschlichkeit mit allen Konsequenzen der totalen Zerstörung menschlicher Werte führt“.

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Es ist das Kreuz aller Philosophen seit Descartes, aus der „alle gegenständliche und inhaltliche Fixierung zurückweisenden reinen Bewegung des Denkens“, aus dem reinen „cogito ergo sum“, herauszukommen und wieder die Verbindung mit der Wirklichkeit aufzunehmen; das gilt für idealistische Systeme ebenso wie für positivistische. Die „totale Struktur der monistischen Systeme, die darin besteht, daß man in diesen Systemen den Versuch unternimmt, die Wirklichkeit total unter den Hammer eines Begriffes zu bringen“, ist dann nicht bloßes Philosophengespräch geblieben, sondern hat eben versucht, sich zu objektivieren und damit sehr reale Katastrophen herbeizuführen. „Darum bestätigt auch die historische Erfahrung, daß die gewalttätige Verwirklichung abstrakter Ideen und Weltsysteme zur totalen Unmenschlichkeit mit allen Konsequenzen der totalen Zerstörung menschlicher Werte führt“.

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Es half auch nicht viel, solche Systeme zu taufen, das heißt ihnen religiöse Vorzeichen zu geben, denn damit wurde nur die Religion, die retten sollte, selbst mitzerstört. „Erst die Beziehung zum menschlichen Sein, natürlich nicht zum abstrakten, sondern zum konkreten, zur Existenz, hebt die Gedanklichikeit in die menschliche Dimension der Verwirklichung. Die menschliche Existenz läßt sich nicht in einen allgemeinen Begriff, in eine Idee, in ein Es-System austreiben, sie läßt sich nicht objektivieren; sie ist wesentlich eine subjektiv-persönliche, also menschlich-geistige Wirklichkeit im offenen Bezug der Auseinandersetzung mit der objektiven Welt.“

Damit ist eigentlich der Grundentwurf dieses Werkes von Leo Gabriel charakterisiert, und wir müssen ihm dankbar sein, das so deutlich herausgestellt zu haben. Damit hat er die entscheidende Leistung dessen, was heute unter Existenzphilosophie verstanden wird, gekennzeichnet, und zwar in ihrem positiven Sinn, ganz gleich, ob dann in Einzelfällen auch nihilistische Tendenzen sichtbar werden. Eine Philosophie, die sich in ihrer Denkbewegung von Natur und Geschichte absetzt — haben wir heute bereits allgemein von der Existenzphilosophie gelernt —, gleicht nach Blondel einem Unternehmen, auf einer Leiter emporsteigen zu wollen, die keinen festen Stand mehr hat. Die dialektischen Bewegungen des bloßen Denkens zwischen den immer wieder sich bekämpfenden Extremen von Rationalismus und Irrationalismus, Positivismus und Idealismus, Materialismus und Spiritualismus, Immanenz und Transzendenz halben die Philosophie fragwürdig gemacht. Und ihre Rettungsversuche, ihre Wissenschaftlichkeit mit den Methoden einer eindimensionalen, an den Naturwissenschaften abgelesenen Logik zu retten, haben sie nur endgültig dem Untergang ausgeliefert. Kein anderer als gerade Marcuse in seinem berühmten Buch „Der eindimensionale Mensch“ hat das so deutlich gemacht und ruft zur Uberwindung dieser eindimensionalen Logik auf, die höchstens Methode sein kann, nie aber selbst Philosophie. Er zeigt aber genauso auch, welche Konsequenzen für das gewöhnliche Leben solche Denkbewegungen haben können. Leider ist das denkende Gespräch der Vertreter des christlichen Abendlandes mit diesen Denkbewegungen zu lange ausgeblieben, so daß andere Geister im atheistischen Gegenzug sich das Anliegen zu eigen gemacht haben, und man daher gerade wegen dieser atheistischen oder nihilistischen Tendenzen zu wenig das echt menschliche, daher auch echt christliche Anliegen der verschiedenen Richtungen der Existenzphilosophie gesehen hat. Nun hat Leo Gabriel diesen „Dialog der Positionen“ einmal in seiner Gesamtheit dargestellt, von Kierkegaard, dem Ahnherrn, bis zu Sartre. Er beschränkt sich dabei keineswegs auf bloße Fachphilosophen, wie Jaspers, Heidegger, Husserl, Dilthey usw., sondern bezieht auch Namen wie Rilke. Kafka oder Camus ein, um zu zeigen, wie lebendig diese Positionen in die allgemeine Literatur eingegangen sind und also auch an philosophische Laien herangetragen werden beziehungsweise wie Philosophie in ihrem Ursprung den Unterschied zwischen Fachmann und Laien gar nicht kennen sollte, da sie jedem Menschen notwendig zur erringenden Sinnge-stalt seines Lebens verhilft. Der oft genannte Sokrates ist ein konkretes Beispiel dafür. Und wenn man die Ausführungen (leider manchmal in sehr langen ungegliederten Kapiteln) liest, wird man sich dieser ursprünglichen Aufgabe der Philosophie bewußt.

Daß diese von Leo Gabriei dargestellten Anliegen gerade auch für den homo religiosus eine eminente Bedeutung haben, zeigt nicht nur die Explikation Kierkegaardscher Problematik oder die Einbeziehung christlicher Existenzphilosophen, sondern auch, um eine exemplarische pars pro toto herauszunehmen, eine so spezieile Frage wie die nach dem Nichts bei Heidegger. Heidegger hört gleichsam, meint Gabriel, mitten im Nichts auf, ein Nihilist zu sein. Doch nicht, um anderen Ideologien Platz zu machen, sondern um erst einmal in tastenden Schritten der Wahrheit des Seins nachzuspüren, bevor überhaupt auch noch die Gottestfrage gestellt werden kann. Nun, man muß nicht in allem mit Gabriel übereinstimmen. Kritiker und Philosophen vom Fach werden sicher ihre Fragezeichen setzen, das muß auch so sein, um eben den „Dialog der Positionen“ zu erhalten und nicht wieder in monistische Ideologien einzufrieren. Gabriels Darstellung macht uns auf alle Fälle bewußt, wie die heutige Philosophie aus bloßen Begrifflichkeiten auszubrechen bemüht ist, wie „existentielles Denken zum Sein unterwegs ist“ und darin die Aufforderung Heideggers enthält:31eiben Sie in der echten Not auf dem Weg und lernen Sie un-ent-wegt das Handwerk des Denkens“ (Brief an einen Studenten). In einem so diskutier- und dialogseligen Zeitalter wie dem unseren ist keine Aufforderung die Not wendender; das Reden allein tut es nicht, schon gar nicht ein ideologisiertes. Dieses endlich zu überwinden, macht Gabriels Buch deutlich, mehr als andere geschwätzige Bestseller.

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