Hervorragende Leistung

1945 1960 1980 2000 2020

Ferdinand Mühlbacher leitet die Abteilung für Transplantationschirurgie in Wien. Im Gespräch mit der Furche spricht er über die Sensation in Innsbruck, Ethik und Organhandel.

1945 1960 1980 2000 2020

Ferdinand Mühlbacher leitet die Abteilung für Transplantationschirurgie in Wien. Im Gespräch mit der Furche spricht er über die Sensation in Innsbruck, Ethik und Organhandel.

Die Furche: Wie beurteilen Sie den Fall Theo Kelz? Wiegen die Risiken den Nutzen auf?

Ferdinand Mühlbacher: Ich würde es mir in dieser Situation nicht machen lassen. Denn der Rehabilitationsgrad von Theo Kelz war extrem hoch, er hat einen Beruf ausgeübt und ist sogar Motorrad gefahren. Nun muß er aus dem Berufsleben für mindestens ein Jahr, vielleicht sogar permanent, aussteigen. Mit 15 Prozent Wahrscheinlichkeit bekommt er innerhalb der nächsten zehn Jahre einen bösartigen Tumor, weil das Immunsystem durch Medikamente unterdrückt wird und es sein kann, daß es gar nicht funktioniert. Daß Herr Kelz nun mit den Fingern wackeln kann, wird durch die an seinem Stumpf intakte Muskulatur ausgelöst, gleich wie bei seiner Prothese. Aber er wird in der Nacht sicher keinen Lichtschalter finden und kann auch nichts empfinden. Trotzdem respektiere ich die Entscheidung von Theo Kelz und die medizinische Leistung ist toll.

Die Furche: Sie haben vor einigen Monaten gemeint, daß sich die Extremitäten-Transplantation noch im Experimentierstadium befindet, weil bisher keineswegs zufriedenstellend. Haben Sie Ihre Meinung nun geändert?

Mühlbacher: Nein, eigentlich nicht. Es ist ein erlaubtes menschliches Experiment. Das darf man schon so sagen. Ich bekenne mich dazu, daß man solche Dinge abwägen, mit dem Patienten besprechen muß und wenn es ein Einvernehmen gibt, dann kann man fast alles tun, was irgendwie in einem vernünftigen Rahmen ist. Es gibt natürlich ethische Grenzen, das ist keine Frage.

Die Furche: Gibt es für Sie eine ethische Grenze des Machbaren?

Mühlbacher: Ja die gibt es. Zum Beispiel gehe ich derzeit davon aus, daß die Manipulation der Keimbahn eine Grenze ist. Ich weiß aber nicht, ob das in 50 Jahren immer noch so gesehen wird.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Zukunft der Transplantationschirugie?

Mühlbacher: Ich glaube , daß die Xenotransplantation (Organe von Schweinen) ein wirklicher Ausweg sein wird. Auch wenn wir in Österreich eine hohe Spenderraten haben, steigt die Zahl jener Patienten, die eine Transplantation bräuchten. Daher muß man einen anderen Weg finden. Neben der derzeit bestehenden Unverträglichkeit von Schweineorganen für den Menschen muß man allerdings noch eine weitere Hürde überwinden: Die Gefahr, daß Schweineviren die Artengrenze zum Menschen überspringen. Das Risiko, das zwar extrem klein ist, trägt dabei nicht nur der Organempfänger, sondern auch die gesunde Bevölkerung.

Die Furche: Viele Menschen haben Schwierigkeiten, ein fremdes menschliches Herz zu akzeptieren. Wird bei Schweinenherzen das Problem nicht noch viel größer?

Mühlbacher: Das könnte sein. Aber die Menschen sind so unterschiedlich. Es gibt extreme Egoisten, die wollen unbedingt ein Organ, aber wenn sie selbst eines hergeben müßten, denken sie nicht daran. Und es gibt Menschen, die sagen, ich bin gesund, andere brauchen dringend ein Organ, ich gebe eine Niere her.

Die Furche: Österreich gehört auf dem Gebiet der Transplantationschirugie weltweit zur Spitze. Warum?

Mühlbacher: Wir kochen auch nur mit Wasser. Aber wir haben durch die frühe Transplantationsgesetzgebung von 1982 eine Rechtssicherheit geschaffen, die heute noch weitgehend vorhanden ist. Zweitens hat es sowohl in Wien als auch in Innsbruck immer Enthusiasten gegeben, die sich das als erlaubtes humanes Experiment auf die Fahnen geschrieben haben. Jetzt ist vieles Therapie geworden. Und Österreich war immer frei von inneren Konflikten. Wien und Innsbruck haben sich nie gestritten. Gerade in den letzten zehn Jahren, und da habe ich persönlich entscheidend mitgewirkt, haben wir eine großartige Kooperation entwickelt.

Die Furche: Wie ist das mit der Verteilungsgerechtigkeit. Überspitzt formuliert: wenn ich ein paar 100.000 Schilling hinblättere, bekomme ich dann schneller ein Organ?

Mühlbacher: Das glaube ich nicht. Bei den Nieren gibt es eine europaweite Regulation, die auf dem Verständnis aufbaut, die beste Verträglichkeit zwischen Spender und Empfänger zu finden. Das wird durch eine Warteliste ergänzt, damit niemand zu lange warten muß. Bei den anderen Organen ist das schwieriger, weil sie keine Konservierungszeit haben. Herz, Leber, Lunge sollten in zehn Stunden eingebaut sein. Daher ist hier die Größe und die Blutgruppe entscheidend und dann kommt bereits die Warteliste. Jetzt könnte man fragen, ob Ärzte aus finanziellen Überlegungen die Warteliste manipulieren. Ich habe seit Jahren, um auch nur den entferntesten Vorwürfen zu entgehen, eine wöchentliche Gesprächsrunde ins Leben gerufen. Daran sind alle behandelnden Personen beteiligt. Es gibt eine Liste, die ständig jeder bei sich hat. Anordnung ist, daß immer nach dieser Warteliste vorzugehen ist. Das machen alle in Österreich so. Und ich glaube nicht, daß da das Bezahlen irgendeine Rolle spielt. Man kann das natürlich jedem Arzt unterstellen. Und es gibt in der Branche zweifelslos Leute, die danach leben - ich kenne selbst welche, wo ich annehme, daß sie in diesem Punkt nicht astrein sind. Aber wir wissen genau, daß wir die Verwalter einer Mangelware sind. Daher wird alles dreimal umgedreht. Ich sehe meinen Beruf unter anderem als meine Lebensaufgabe an und ich werde das nicht wegen Geld aufs Spiel setzen.

Die Furche: Es gibt heute bereits Organversteigerungen via Internet.

Mühlbacher: Ich weiß, daß es so etwas gibt. Es wird zwar viel Bluff darum gemacht, aber es kommt vor. Und auch, daß in China den hingerichteten Menschen Organe entnommen werden und dann dort kommerziell transplantiert werden. Ich lehne das grundsätzlich ab und würde es daher auch niemanden raten.

Die Furche: Ist es bereits passiert, daß man Ihnen illegal Organe angeboten hat?

Mühlbacher: Es hat mir jemand einmal eine Adreßliste von Menschen, die eine Niere käuflich abgeben würden, angeboten.

Die Furche: Sie führen laufend Transplantationen durch. Hat sich dadurch ihr Bild vom Menschen verändert?

Mühlbacher: Nein, absolut nicht. Auch wenn ich sozusagen Organmechaniker bin. Es ist jeder Mensch wertvoll und jeder hat seine ganz eigenen Bedürfnisse, Ängste, Freuden, Lebensziele. Der Mensch ist für mich als Bewußtsein determiniert. Sein persönliches Seelenleben - was immer das auch heißt - das gehört zum Menschen dazu. Manche Menschen empfinden sich bereits mit einem fremden Organ nicht mehr als der gleiche, das gibt es. Es gibt einen sehr starken psychologischen Verarbeitungsbedarf nach Organtransplantationen, besonders beim Herz, weil das emotional belegt ist. Es gibt Menschen, die einer Niere einen Namen geben, andere stecken das völlig gleichgültig weg. Nun ist die Frage, wie Theo Kelz damit umgeht, wenn er täglich die Hände eines anderen sieht, noch dazu, wenn er sie nicht spürt. Auf eine klare Definition, wo beginnt der Mensch, wo hört er auf, darauf will ich mich aber nicht festnageln lassen.

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