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Merkels letzter Sommer

FOKUS
Schavan - © Foto: Gordon Welters

Schavan: „Merkel hatte stets ein Gespür für Balancen“

1945 1960 1980 2000 2020

In Merkels Politik ging es nicht um links oder rechts, sondern darum, richtige Antworten zu finden und Probleme zu lösen, sagt Bildungsministerin a. D. Annette Schavan.

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In Merkels Politik ging es nicht um links oder rechts, sondern darum, richtige Antworten zu finden und Probleme zu lösen, sagt Bildungsministerin a. D. Annette Schavan.

Für Annette Schavan beschreibt der legendär gewordene Merkel-Appell „Wir schaffen das!“ generell den Politikstil der Bundeskanzlerin. Den Zusammenhalt Europas – und dass die CDU trotz Reformfreudigkeit Volkspartei geblieben ist –, sieht sie als ein großes Verdienst Merkels.

DIE FURCHE: Frau Schavan, in acht der 16 Regierungsjahren von Angela Merkel gehörten Sie als Bundesministerin zum engsten Kreis der Kanzlerin. Welches Resümee ziehen Sie am Ende der Merkel-Ära?
Annette Schavan:
Für Deutschland und für die Bewältigung vieler internationaler Krisen war es eine durch und durch gute Zeit. Als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, war Deutschland der sogenannte arme Mann in Europa mit vielen wirtschaftlichen Problemen, Stichwort hohe Arbeitslosigkeit. Die 16 Jahre waren geprägt von einer langen Phase der Stabilisierung des Landes, und vor allem: 2005 konnte niemand absehen, wie viele existenzielle Krisen auf die Politik zukommen werden.

DIE FURCHE: Diese Krisenkaskade ist lang: Weltfinanz, Euro, Griechenland, Flüchtlinge, Corona. Was war das spezielle Verdienst von Merkel bei der Bewältigung dieser Krisen?
Schavan:
Merkel hat sich große Mühe um das gemeinsame Europa gemacht und enorm viel für den Zusammenhalt beigetragen. Wenn sie demnächst nicht mehr in dieser Runde dabei ist, wird es wichtig sein, sich schleunigst darauf zu besinnen, dass, wenn Europa nicht den Zusammenhalt pflegt, andere Regionen der Welt das als Schwäche ansehen werden.

DIE FURCHE: Was sollte sich die EU vom Merkel-Stil behalten?
Schavan:
Zuhören, Respekt und Zusammenhalt in Europa müssen an konkreten Themen gepflegt werden. Genauso, dass sich Europa mit den Fragen beschäftigt: Was ist das Fundament, auf dem wir stehen? Was sind unsere Werte? Das ist offenkundig schwer, wie wir an vielen Entwicklungen sehen. Zur Politik von Merkel gehört das ständige Bemühen, den Dialog nie abbrechen zu lassen. Nicht aufhören, miteinander zu sprechen – vor allem dann nicht, wenn es durchaus große Konflikte und Diskrepanzen gibt. Das zeichnet sie aus. Nicht umsonst gehört zur letzten Bemühung von Merkel im Europäischen Rat – gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, dass die EU mit Russlands Staatspräsidenten Putin ins Gespräch kommt. Das ist ihr Markenzeichen und ihre tiefe Überzeugung – ich glaube übrigens, auch ihre tiefe Überzeugung als Christin.

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