Digital In Arbeit

Angela, die uns nicht kalt lässt

Angela Merkel - welch ungleiche, ja unversöhnliche Gefühle löst dieser Name derzeit aus: Für die einen ist sie ein Solitär christlicher Werte; die letzte Moralistin im Europa neu entdeckter nationaler Interessen. Eine Kandidatin für den Friedensnobelpreis.

Eine "Volksverräterin" ist sie für andere, getrieben von staatsgefährdender "Mitleidsmoral". Als "wahnhafter Gutmensch" stülpe sie eben das hochexplosive Potential des Orients über ihr Land und ihren Kontinent. Sei sie letztlich Schuld an Masseneinwanderung, schleichender Islamisierung und der bisher schwersten Bedrohung EU-Europas.

Angela Merkels Haltung, die sie verzweifelt gegen Pragmatiker und Machtpolitiker verteidigt, öffnet dramatische Rückfragen an jede und jeden von uns: Da ist unser Herz, das Tag für Tag die Entmenschlichung unzähliger Menschen erlebt. Das Mitleid spürt und helfen möchte, ehe uns die Unkultur des Wegschauens völlig auffrisst.

Und da ist der Kopf, der ahnt, dass Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit letztlich unerreichbar sind -und dass beides, wenn überhaupt, nur auf dem Fundament des Rechtsstaates zu Fortschritten führen kann.

Genau das aber ist es, was Merkels Kritiker ihr vorwerfen: Aufkündigung von Gesetzen durch anfangs unkontrollierte Grenzöffnung; durch Verlockung fremder Menschenströme ohne Absprache mit Europas Nachbarn; durch Überforderung staatlicher und privater Strukturen - samt Eingriffen in bestehende Rechte.

"Ich habe eine andere Vorstellung von Politik", hat die Kanzlerin kürzlich in einem großen TV-Gespräch gesagt. Und sie hat vor allem die Humanität als Lehre aus der deutschen Geschichte genannt.

Sind Frauen bzw. Christen anders?

Schon lange lässt mich diese Haltung Angela Merkels nicht kalt. Bisweilen frage ich mich auch, ob Frauen in der Politik andere Ressourcen bereithalten als wir Männer. Und ob Christen, wenn sie - wie die Pastorentochter Merkel - es ernst meinen, auch aus eigenen Quellen schöpfen können. Dann aber denke ich an Begegnungen mit Margaret Thatcher oder Indira Gandhi, auch an manch selbstbewusste "Christen" in höchsten Ämtern - und verwerfe diese Hoffnungen wieder.

Gibt es überhaupt so etwas wie "christliche Politik"? Vermutlich nicht. Das Evangelium gibt kaum Antworten auf die hochkomplexen Fragen unseres politischen Alltags. Bestenfalls hilft es den Christen, gewisse Leitplanken für ein anständiges Handeln zu erkennen (das aber können Sozialisten, Humanisten usw. auf ihre Weise auch).

Eine spannende Frage wäre, ob das frühe 20. Jahrhundert mit seinen ideologischen Lagern trotz aller Tragödien der latenten Sehnsucht des Bürgers nach "Werten" und "Gewissheiten" am Ende gar näher gewesen ist als die weitgehend ideologiefernen, am Wettbewerb orientierten Parteien von heute, in denen sich zunächst nur Interessen bündeln.

Angela Merkel könnte ein Anlass sein, darüber nachzudenken.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau