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Expedition in das Herz Europas

1945 1960 1980 2000 2020

Poetische Einmischung: Johannes Maria Staud und Durs Grünbein im Gespräch über Politik und Kunst und ihre neue Oper "Die Weiden", die am 8. Dezember an der Wiener Staatsoper uraufgeführt wird.

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Poetische Einmischung: Johannes Maria Staud und Durs Grünbein im Gespräch über Politik und Kunst und ihre neue Oper "Die Weiden", die am 8. Dezember an der Wiener Staatsoper uraufgeführt wird.

Sie sind ein eingespieltes Team, der 1974 in Innsbruck geborene Komponist Johannes Maria Staud und der 56-jährige Dresdner Lyriker, Essayist und Übersetzer Durs Grünbein. Nach "Berenice" im Auftrag der Münchener Biennale und "Die Antilope" für das Lucerne Festival haben sie zum ersten Mal für die Wiener Staatsoper eine Oper geschrieben: "Die Weiden". Für Staud "eine Reise 'into the heart of darkness', an einem großen Strom in Mitteleuropa", der sich unschwer mit der Donau identifizieren lässt. Nach seinem Librettisten Grünbein "eine Expedition in das Herz Europas, eines neuerdings wieder zerrissenen Kontinents". Oder, wie es im Titelzusatz dieses vermutlich knapp über zwei Stunden dauernden Werks heißt, denn Staud schraubt noch an letzten Details für die Elektronik, die damit erstmals in einer Staatsopernproduktion zum Einsatz kommt: eine "Oper in sechs Bildern, drei Passagen, einem Prolog, einem Vorspiel, einem Zwischenspiel und einem Epilog."

In den Vorgaben für dieses Auftragswerk sind die beiden, wie sie erzählen, frei gewesen. "Es sollte nur eine erzählbare Geschichte sein, uns lag am Charakter des Unheimlichen und es sollte das Motiv der Verwandlung geben", erklärt Grünbein, weshalb man sich literarisch von Horrorgeschichten inspirieren ließ: Algernon Blackwoods "The Willows", H. P. Lovecrafts "Shadows Over Innsmouth" und Joseph Conrads "Heart of Darkness"."Es gibt ein gewissermaßen dräuendes politisches Motiv. Das ist ein Kern der Aggressionen, die in der Gesellschaft entstanden sind. Es geht um Grundfragen: Wer gehört wohin, wem gehört die Heimat, wer war hier schon einmal, wer kommt hinzu? Eine globale Situation, wo wir täglich den Streit darüber erleben. Das hat in den vergangenen Jahren die ganze Landschaft verändert, die Parteienlandschaft, die Frage der Minderheiten", lässt Grünbein keinen Zweifel an der politischen Aktualität des Stoffes. Das spiegelt sich auch in einer der Hauptfiguren des Werks wider, dem Komponisten mit dem sprechenden Namen Krachmeyer. "Er singt nicht, wie in Pfitzners 'Palestrina' oder der Komponist in der 'Ariadne'. Er ist eine sehr verführerische Figur, ein älterer Herr, dem ich in allem, was er sagt, widersprechen würde. Er provoziert, aber es wird ihm nicht widersprochen, ein Steve Bannon der Musik", versucht Staud eine plakative Parallele zur politischen Gegenwart. "Einer, der viel gelesen hat, viel verbotene Literatur, der sich auf Verschwörungstheoretiker aus dem Zweiten Weltkrieg bezieht, Nietzsche umdeutet. Ein Rechtsintellektueller, der Geschichte umdeutet." Was Grünbein noch mit dem generellen Hinweis ergänzt, dass Krachmeyer Vertreter jener Kunstauffassung ist, die davon ausgeht, "dass Kunst in Übereinstimmung stehen muss mit Herkunft, Heimat, mit dem Raum, mit der Natur. Sie soll vielleicht Heilsfunktion haben." Für Staud "so ein Heidegger'sches Bild. Da klebt noch die Ackerscholle an jeder Note und Wagner ist natürlich der Komponist, an dem man sich da abarbeitet. Er ist der Titan, auf den vieles in der deutschen Romantik zuführt. Und unsere Oper ist sozusagen eine Auseinandersetzung mit der Schwarzen Romantik", erläutert der Komponist auch gleich, weshalb er erstmals in seinem Werk Werke anderer zitiert. In diesem Fall Wagners "Meistersinger" und "Tristan".

Noch nicht sicher ist man sich, ob man die großbesetzte Oper mit einer Pause unterbrechen soll. "Es ist nicht Film", gibt Staud zu bedenken, der andererseits keinen Zweifel daran lässt, wie sehr gerade diese Form künstlerischen Ausdrucks die Bildersprache der neuen Oper beeinflusst. "Aber bis zur Pause ist es eine persönliche Geschichte einer entzweiten Liebe, eine sexuell aufgeladene Geschichte. Nach der Pause kippt es ins Gesellschaftliche. Deswegen ist diese Pause dramaturgisch nicht so schlecht."

Moralisieren wollen der mehrfach ausgezeichnete Komponist und sein international nicht weniger hochgeschätzter Librettist nicht. Staud hat diese Haltung nicht zuletzt durch das "Theater der 1960er-Jahre gelernt. Ich habe mich gehütet vor einer Diskursoper." Er habe auch keine Antwort, "wie alles ausgehen soll. Deswegen schreibe ich Musik und ich hoffe, die Musik ist auch stark genug. Das Thema ist stark, das politische Umfeld in Österreich ist zur Zeit widerwärtig, um es gelinde auszudrücken. Trotzdem schreibt man Musik, sie soll einen aus dem Alltagswahnsinn herausheben, der hier herrscht, ich hoffe auf offene Ohren", verweist er auf das spezifische Spannungsverhältnis von Politik und Kunst.

Ironische Brechung

Und die Musik? Staud betont, dass man sich explizit entschieden hat, das Werk als Oper zu bezeichnen, weil es die ganzheitlichste Form der Kombination aus Musik, Bühne und Wort darstellt und er damit die Linie seiner bisherigen Opern fortsetzt. "Sie werden mich erkennen, ich verleugne mich nicht", gibt er in diesem Zusammenhang nicht ohne Augenzwinkern zu Protokoll. Ein Hinweis, dass ihm wie Grünbein Humor, die ironische Brechung immer wichtig ist. Er setzt auf ein großes Orchester, viel Schlagwerk, Live-Elektronik-Passagen, Zuspielungen, Verfremdung der Stimmen. Die Stimmen, das ist Staud wichtig, bleiben unverstärkt. "Wir haben wunderbare Stimmen, die würden sonst verlieren."

Die Partitur hat er übrigens erst Ende Juni abgegeben. Die Regisseurin Andrea Moses, die damit an der Wiener Staatsoper debütiert, war bei diesem Projekt schon früh dabei, hat dramaturgisch intensiv beraten. Es sind ja auch hochkomplexe Fragen, die sich in diesem Werk stellen: Was macht Politik mit den Menschen? Was macht sie mit ihrer Sprache? Wie werden sie instrumentalisiert, wie gesteuert? Dennoch betonen Staud und Grünbein: "Wir zeigen Flagge, mischen uns poetisch ein, machen aber keine Wahlkämpfe."

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