Das Ende der großen Regionalzeitungen

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Der Amazon-Gründer kauft die "Washington Post". Springer trennt sich von seinen Regionalzeitungen. Was bedeutet dies für die Zukunft?

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Der Amazon-Gründer kauft die "Washington Post". Springer trennt sich von seinen Regionalzeitungen. Was bedeutet dies für die Zukunft?

So viel Bewegung in der Medienbranche wie in den letzten Wochen war selten. Mit dem Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos, des Boston Globe an den Milliardär John Henry sowie eines traditionsreichen Herzstücks der Springer AG an die Funke-Gruppe einhergehend, schossen bei jeder dieser Transaktionen die Spekulationen und Fehlbewertungen ins Kraut. Der publizistische Umgang mit den Megadeals zeigt einmal mehr, wie sehr sich eine Branche schadet, die über alles und jeden in der Welt berichtet, indes aber meint, auf sachkompetente Beobachter des eigenen Metiers in ihren Redaktionen locker verzichten zu können.

Das Erbe des Unternehmensgründers werde "verraten", hieß es beispielsweise vielstimmig zum Springer-Funke-Deal, und mit dem Verkauf von Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost und Hörzu verabschiede sich das größere der beiden Verlagshäuser "vom Journalismus". Wer solchen Quatsch verbreitete, hat sich vermutlich nicht gefragt, wie ein begnadeter Verleger wie Axel Springer wohl selbst auf die Digitalisierung der Branche reagiert hätte, und zeigt obendrein, dass er das wichtigste Momentum des Internets nicht verstanden hat: "The winner takes it all" - dieser Grundsatz gilt im Netz viel stärker als in der Realwirtschaft. Microsoft, Google, Facebook und Amazon sind dafür die herausragenden Beispiele, aber das Prinzip gilt auch für Teilmärkte wie das Online-Rubrikengeschäft mit Auto-,Immobilien-oder Partnerschaftsanzeigen, und eben auch für News-Sites: Wer wissen möchte, was in der Welt los ist, klickt sich im angelsächsischen Raum absehbar auf cnn.com, nytimes.com oder theguardian.com. Wer sich wiederum informieren möchte, was bei ihm zu Hause um die Ecke passiert, hat in aller Regel lokale oder hyperlokale Websites zur Verfügung.

Zeitungsfinanzierung ohne Anzeigen

Aufgerieben werden dazwischen die großen Regionalzeitungen, wenn sie nicht, wie etwa in der Schweiz Medienkonzern Tamedia, bereits Teil eines Nachrichten-Netzwerks wie newsnet.ch sind. In der "guten, alten" Print-Ära haben sie ihrerseits meist als hochprofitable Monopolisten die Anzeigenkunden ausgeplündert - sei das die werbetreibende Wirtschaft, sei es der Kleininserent, der eine neue Freundin oder jemand sucht, der mit seinem Pudel Gassi geht. Wir wissen inzwischen, dass diese Zeiten der Regionalzeitungsmonopole auf Nimmerwiedersehen vorbei sind: "Zeitungen müssen sich in Zukunft ohne Anzeigen finanzieren", so zitierte jüngst der Spiegel (Nr. 32/2013) den Chef einer der großen Mediaagenturen.

Analysiert man die Megadeals zusammengenommen, so fällt auf, dass alle verkauften Zeitungs-Titel große Regionalblätter sind - auch die Washington Post ist letztendlich trotz der überregionalen Ausstrahlung ihrer Website als US-Hauptstadtzeitung nie über diesen Status hinausgekommen.

Zu erwarten steht, dass die neuen Eigentümer all jene Grausamkeiten gegenüber ihren Redaktionen begehen werden, die in Häusern wie der Washington Post Co., der New York Times Co., die bisher am Boston Globe verblutet ist, und auch der Springer AG undenkbar schienen - denn sie waren allesamt als Arbeitgeber bekannt für eine gewisse Noblesse, während zumindest in Deutschland sowohl die Funke-Gruppe (vormals WAZ-Gruppe) als auch Jeff Bezos' Amazon bereits bekannt dafür sind, dass sie ihre Arbeitnehmer nach Kräften ausquetschen und bei Bedarf auch ohne viel Aufhebens vor die Tür setzen.

Bündelung der digitalen Kräfte

Man kann es Häusern wie der New York Times Co. und der Springer AG nicht verdenken, dass sie sich von ihrem Regionalzeitungs-Ballast trennen. Digital haben auch sie nur eine Zukunft, wenn sie ihre Kräfte bündeln und ihre Wettbewerber mit nationalen Newssites wie nytimes.com, welt.de oder bild.de auf die Plätze verweisen, statt diesen im eigenen Haus mit Regionalzeitungs-Websites Konkurrenz zu machen.

Es kann und darf uns allen indes nicht gleichgültig sein, was mit den Regionalzeitungs-Redaktionen passiert. Zwar wurde in der Vergangenheit gerade dort viel unnötige Doppel- und Dreifacharbeit verrichtet. Der zweite und dritte Sportreporter, der aus demselben Verlagshaus über dasselbe Fußballspiel berichtete, ließ sich zum Beispiel wegrationalisieren, ohne dass das Gemeinwesen und der Journalismus Schaden nahmen. Andererseits sind große, funktionsfähige Regional-Redaktionen - darauf hat gerade Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, neuerlich hingewiesen -"systemrelevant" für den Journalismus und für die Demokratie. Ohne ihre Recherchekapazität und ohne ihr institutionelles Gedächtnis droht die "Vierte Gewalt" ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Denn die überregionalen Großen der Branche sind letztlich auf die Zulieferungen der Regionalzeitungen angewiesen und haben längst nicht mehr in jeder Großstadt eigene Korrespondenten vor Ort. Selbst wo es diese noch gibt, ersetzen solche Einmann-Büros auch keine Lokalredaktion, sondern schlachten deren Arbeit allenfalls mehr oder minder zuverlässig überregional aus.

Gefahr für die Demokratie

Wenn aber der Journalismus nicht mehr arbeitsteilig und flächendeckend seine Kontrollfunktion ausübt, wächst die Gefahr, dass sich Korruption und Machtmissbrauch in Politik und Wirtschaft rapide ausbreiten. Machthaber, das wusste bereits Joseph Pulitzer, haben nun einmal weit mehr Respekt vor recherchierenden, unabhängigen Journalisten als vor Staatsanwälten und ordentlichen Gerichten.

Wo es solche Journalisten nicht mehr gibt, hebeln mit großer Wahrscheinlichkeit politische Populisten und populistische Medienmogule gemeinsam die Demokratie aus - Berlusconi und Erdogan lassen grüßen.

Der Autor ist Medienwissenschafter an der Universität Lugano/CH

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