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Digital In Arbeit

Zeitungskauf aus dem TV-Gerät

Die wichtigsten Medien der Welt haben ihren Sitz an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Wir, das ist eine Gruppe österreichischer Journalisten, wollen die berühmte „New York Times”, die „Washington Post” (berühmt geworden durch die Aufdeckung des Watergate-Skandals), „Newsweek” und natürlich „CNN”, den Nachrichtensender, der in Europa durch Peter Arnetts Reportagen während des Golfkrieges bekannt geworden ist, kennenlernen.

Der erste Besuch gilt aber dem Sender „WFUV”, der auf 90.7 Ultrakurzwelle von der Fordham University in der Bronx sendet. Hier wird jeden Samstag eine zweistündige deutschsprachige Sendung gemacht. Marion Ockens moderiert für ihre etwa 20.000 Hörer „Grüße aus der Heimat”. Außer ihrer gibt es nur in Baltimore und in Maryland deutschsprachige Rundfunksendungen. „Grüße aus der Heimat” ist eine Wunsch- und Programmsendung für die kleine Kolonie Deutscher und Österreicher in New York und Umgebung. Hier erfährt man die Termine der nächsten Woche, wer geheiratet oder Geburtstag hat. Die Sendung ist eine Art „Klammer” für die deutschstämmige Minderheit und will die Kontakte zur - früheren -Heimat nicht abreißen lassen. Man ruft zur Eintragung in die Wählerevidenz auf und sendet Volksmusik.

Hermann Pichler ist Auslandsösterreicher und vor 17 Jahren in die USA ausgewandert. Er ist Chefredakteur des „Aufbau”, einer Zeitung, die im Herbst 1934 von deutsch-jüdischen Emigranten gegründet worden ist. Die 14tägig erscheinende Zeitung hatte in ihrer besten Zeit eine Auflage von 50.000 Stück, nun sind es nur mehr 4.500. Ein deutliches Zeichen, daß sich die deutschen Emigranten spätestens in der zweiten Generation assimilieren. Die Kinder der Flüchtlinge sprechen kein Deutsch mehr.

Das istnichtüberall so: In Brooklyns „Klein-Odessa” bei Brighton Beach gibt es an jedem Kiosk mehrere russische Zeitungen, in Manhattans China-town spricht und liest man (auch) chinesisch und in „Williamsburg” oder „Crown Heights”, bei den orthodoxen Juden, verständigt man sich hebräisch. Die „New York Times” ist nicht die größte Zeitung der USA. „The Wall

Street Journal” mit einer Auflage von 1,8 und „USA Today” mit 1,5 Millionen Exemplaren haben mehr Leser. Die „New York Times” ist nicht einmal eine nationale Zeitung, denn als solche gelten auch nur die beiden größten. Die „New York Times” ist nur eine überregionale Zeitung und doch ist sie die vielleicht bedeutendste Stimme Amerikas.

Diesen Anspruch unterstreichen die 1.100 (!) Bedakteure, die in New York für die Times arbeiten. Und insgesamt werden 5.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angegeben. Ein einziger Bedakteur ist etwa ausschließlich für den Luftgütertransport zuständig. Eine Wochenendausgabe hat mehrere hundert Seiten, die dickste Zeitung der Verlagsgeschichte brachte es auf 1.600 Seiten und 5,5 Kilogramm!

Die New York Times ist die liberale Stimme der Ostküste. Kritische Berichte betrafen nicht nur den früheren österreichischen Bundespräsidenten, sondern auch immer wieder neonazistische Umtriebe wie die Briefbomben. Die humanitäre Bolle Österreichs im

Rahmen des Bosnien-Konfliktes wird dagegen sehr positiv erwähnt. Am häufigsten sind Kulturberichte, etwa über die Salzburger Festspiele.

Eines ist bei unserem Besuch in den Großraumbüros der „Times” und der „Post” nicht zu übersehen. Die Redakteure erwecken den Eindruck von „Schreibsklaven”: 50 oder 60 Journalisten in einem Raum, Tisch an Tisch mit dem Kollegen ist die Norm. Erst zwei, drei Jahre vor der Pensionierung erhält ein Ressortleiter ein eigenes Zimmer, wenn man einen zwei mal drei Meter großen Glasverschlag Zimmer nennen will.

. Zu den mäßigen Arbeitsbedingungen gesellt sich der - für uns sehr überraschende - technische Rückstand in der Produktion: Für die „New York Times” wird noch immer händisch ein Klebeumbruch gemacht.

Die früher sehr strenge Trennung von Nachricht und Kommentar verschwimmt auch bei der „New York Times” ein wenig. Wie bei der,,Washington Post” sind die Kommentare und Kolumnen auch ein sehr wichtiges Handelsobjekt. Sie werden an Hunderte mittlere und kleinere Zeitungen verkauft, wodurch sich ihre Bedeutung multipliziert. In ganz Amerika gibt es etwa 10.000 Tages- und Wochenzeitungen mit einer gesamten Auflage von 118 Millionen Exemplaren. Eine durchschnittliche Zeitung verkauft also nur 11.800 Stück. (Da wäre auch das „Neue Volksblatt” mit zirka 30.000 Exemplaren ein sehr respektables Medium.) Nur 250 der etwa 1.600 Tageszeitungen haben eine Auflage von mehr als 50.000 Stück, alle gemeinsam 63 Millionen.

Zeitungen kosten in den USA sehr wenig. 1993 wurde für die Hälfte weniger als 35 Cents oder 3,5 Schilling verlangt. Die Werbeeinnahmen aller Printmedien wurden 1993 auf 31 Milliarden Dollar geschätzt, wobei der Anteil der Printmedien am Werbekuchen von 30 auf 25 Prozent stark rückläufig ist.

Neben dem „TIME Magazin” ist „Newsweek” das Nachrichtenmagazin der Staaten. 700 Redakteure machen wöchentlich etwa 50 redaktionelle Seiten, die in einer Auflage von vier Millionen Stück erscheinen. Neben der Domestic-Ausgabe gibt es Mutationen für Latein-Amerika, den Pazifik und jenseits des Atlantiks.

Picture Editor Guy Cooper bezeich-netdas Cover als halben Erfolg des Magazins. Ein gutes oder schlechtes Titelbild verkauft am Kiosk mehrere 100.000 Stück mehr oder weniger. Das bestverkaufte Heft war jenes mit Kennedy als Titelbild, gefolgt von der Ermordung des Ex-Beatles John Len-nons. „Newsweek” erscheint - wie das österreichische „profil” oder der deutsche „Spiegel” - am Montag, Redaktionsschluß ist aber erst Samstag abends oder bei wichtigen News am Sonntagmorgen ...

„Newsweek” hat eine Marketingidee umgesetzt, die auch unsere Verlage interessiert. Auf der Titelseite macht ein persönlicher Vermerk wie „Dear Mr. John, have a look at page 11” die Abonnenten auf ein ganzseitiges Inserat im Blattinneren aufmerksam. Der Vermerk ist an Stelle des Strichcodes, der bei Abonnenten nicht benötigt wird, plaziert.

Und wie wird man Journalist bei Newsweek? Ganz einfach: „You must be a good reporter or a good writer”, nennt Guy Cooper den Weg zu mindestens 75.000 US Dollar jährlich.

USA-Today hat einen Trick erfunden, wie die Amerikaner Zeitung lesen und fernsehen verbinden. Ihre Verkaufsständer sehen wie kleine Monitore aus. Der Kauf des Blattes soll durch die Assoziation mit dem TV-Gerät erleichtert werden.

USA Today hat mit einer Auflage von 1,5 Millionen Stück kaum mehr als die Neue Kronen Zeitung, obwohl die USA über 30mal mehr Einwohner als Österreich haben. 500 Bedakteure machen die Zeitung im Washingtoner Stadtteil Arlington. In den USA gibt es 32 Druckorte. Die internationale Ausgabe wird in Frankfurt, London und

Für sieben Dollar ein Blick in den „news-room” von CNN

Luzern gedruckt.

Die 1981 gegründete nationale Zeitung ist ein buntes Blatt, das zehn Jahre rote Zahlen schrieb, nun aber in der Gewinnzone ist. C-Span, das Cable Sattelite Public Affairs Network, ist selbst für einen Nachrichtenkanal eigenartig. 80 Prozent des Programmes befassen sich allein mit dem Kongreß, dem Abgeordnetenhaus der USA. Alle Sitzungen und Diskussionen werden live übertragen. Die übrigen 20 Prozent sind vielseitiger, sie enthalten allgemeine Politik.

US-TV wird von drei Networks beherrscht: ABC, CBS und NBC Sie haben zwei Drittel aller Zuschauer. Eigentümer sind Capital Cities, Sony und General Electric. Das vierte Network Fox gehört Rupert Murdoch. Paramo-unt und Time Warner sind neu am Markt. Derzeit herrscht große Aufregung auf dem amerikanischen Medienmarkt, denn ABC und der amerikanische Unterhaltungskonzern Walt Disney wollen sich zusammenschließen und damit das drittgrößte Medienunternehmen der Welt werden. Die entsprechende Transaktion soll nächstes Jahr über die Bühne gehen. Seit längerem ist auch von einer Übernahme von CBS Inc. durch die Westinghouse Electric Corp. die Rede.

In 98 Prozent der US-Haushalte steht mindestens ein Fernsehgerät, zwei Drittel haben mehrere. 62 Prozent besitzen einen Kabelanschluß und können aus bis zu 75 Kanälen wählen. Die Entwicklung des Kabel-TV geht zum interaktiven Fernsehen via Glasfaserkabel.

CNN, Cable News Network, der berühmte Nachrichtensender, sendet seit 1980 aus Atlanta in Georgia und kann von 62 der 95 Millionen Haushalten empfangen werden. Zu Ted Turners Reich zählen auch der Unterhaltungskanal TNT und der Comicsender Cartoon Network.

CNN macht 24 Stunden Programm mit 1.200 Mitarbeitern für 80 Millionen Menschen. 29 weltweite Büros und 600 Filialen sorgen für Nachrichten. Das Programm wird über 13 Satelliten ausgestrahlt, sodaß CNN fast auf der ganzen Welt zu sehen ist. AVeiße Flecken sind nur Sibirien, Grönland und Teile Indiens. Es gibt eine nationale und eine internationale Ausgabe. Verständlich: In Europa und Asien würde niemand täglich acht (!) Stunden Direktübertragung des O. J. Simpson Prozesses interessieren. International reicht eine Stunde. „ We think it is so boring, nobody can be inte-rested”, beschreibt Senior-Vize-President Gail Evans ihr eigenes Unverständnis für das ungeheure Interesse. Doch als man die achtstündige Übertragung vorübergehend aussetze, gab es massive Proteste des Publikums.

Acht andere Sender werden ständig überwacht, ob sie News haben, die CNN noch nicht hat. Und auch die Besucher werden überwacht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind mindestens so streng wie beim Weißen Haus. Stündlich gibt es Führungen, wie im Museum. Für sieben Dollar darf man einen Blick in den „newsroom” werfen, nur durch massives Glas von den Redakteuren getrennt, die wie fleißige Ameisen Ted Turners Ruhm mehren. Stolz ist der Sender auf seine berühmt gewordene Reaktionsfähigkeit. Bei der Explosion in Oklahoma war CNN eine Stunde vor CBS vor Ort, getreu dem Grundsatz: „time ist money”.

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