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Der moralische Schluckauf fehlt

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In Amerika ist die öffentliche Meinung zum Haider-Erfolg von der Sorge bestimmter Meinungseliten und dem Desinteresse der breiten Öffentlichkeit bestimmt.

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In Amerika ist die öffentliche Meinung zum Haider-Erfolg von der Sorge bestimmter Meinungseliten und dem Desinteresse der breiten Öffentlichkeit bestimmt.

Aus österreichischer Perspektive wird gerne übersehen, daß eine Großmacht wie die USA Kleinstaaten nur wahrnimmt, wenn sie aus der Reihe tanzen. Im Falle Österreichs war dies auf der Ebene der US-Meinungsmacher der Fall, als man mit der Wahl Kurt Waldheims 1986 - und jetzt mit dem starken Zuwachs der FPÖ - das "braune Gespenst" einer nichtbewältigten Nazivergangenheit an die Wand malte und malt.

Vor allem die in der amerikanischen außenpolitischen Meinungsmache führende New York Times hat 1986 in Waldheims Kriegsvergangenheit herumgerührt und betont jetzt wenig differenzierend die "weit rechts"-Positionen des "Nazi" Haiders.

Bedenklich ist, daß die Berichterstattung der New York Times von vielen amerikanischen Provinzblätter abgedruckt wird, und somit im weiten Land meinungsbildend ist. Amerikanische Provinzblätter leisten sich oft keine Auslandkorrespondenten. Die äußerst spärliche außenpolitische Berichterstattung kommt von Associated Press Berichten oder der Duplizierung von New York Times Stories.

So hieß die Schlagzeile am 13. Oktober im New Orleanser Blatt "Austrian elections put far right at No. 2: Party's ,Nazi' leader could have government role". Es war eine New York Times Story, die im Provinzblatt nicht auf der ersten Seite, sondern weit hinten auf der Auslandsseite plaziert wurde, was schon ihren relativen Stellenwert andeutet. Dazu kommt, daß die führenden New York Times Kolumnisten auch in New Orleans und anderen Provinzzeitungen abgedruckt werden, was den einseitigen Eindruck meist verdichtet. Wenn also die New York Times mit Haiders Wahlerfolg in Österreich einen "Nazi"-Erfolg ortet, so verbeitet sich diese Sicht sehr rasch im ganzen Land.

Dabei nimmt in der amerikanischen Provinz das Desinteresse an Außenpolitik zu, je weiter man sich von den Meinungsbildnern des Ostküsten-Establishments in der Hauptstadt Washington, dem Finanzzentrum New York und der Studienstadt Boston entfernt. Wahlen in England, Frankreich oder Deutschland werden beobachtet. Solche in Kleinstaaten wie Österreich aber von der breiten Bevölkerung kaum registriert.

Amerikas Provinz nimmt weltpolitische Ereignisse meist nur wahr, wenn die Gefahr einer amerikanischen Intervention droht (wie jüngst in der Kosovo-Krise), bei denen dann in der Regel die Soldaten aus dem Hinterland, und nicht die Kinder des Ostküsten-Establishments, ihre Köpfe hinhalten müssen.

Dabei wurde das Haider-Phänomen in amerikanischen akademischen Fachzeitschriften schon seit Jahren aufmerksam analysiert und dabei neben Haiders Spiel mit den "alten Kameraden", gerade die Veramerikanisierung seiner Medienpräsenz und seines populistischen Zugangs zur Politik betont. Solche differenzierenden Analysen finden jedoch im schnellebigen Tagesjournalismus der Vereinigten Staaten und in den oberflächlichen Soundbites von CNN keinen Niederschlag.

Das Österreichbild der Amerikaner wird seid dem Waldheimjahr 1986 nicht mehr einseitig von kitschigen "Sound of Music" Klischees bestimmt, sondern auch vom langen Winterschlaf der Österreicher in ihrer Erinnerung an die NS-Vergangenheit und ihre Komplizenschaft an nationalsozialistischen Verbrechen. Das Herumstehlen der Gründergeneration der Zweiten Republik um die Mitverantwortung an den Verbrechen Nazi-Deutschlands fällt dem Land heute auf den Kopf. Die "moralische Integration" Österreichs in den Westen ist nach dem Krieg nicht ganz geglückt. Dazu hätte man sich aufrichtiger mit der Vergangenheit auseinandersetzen müssen.

Der Autor ist Professor für Geschichte und stellvertretender Direktor des "Center for Austrian Culture and Commerce" an der Universität von New Orleans.

Zum Thema Österreich fürchtet um seinen Ruf Die heftigen Proteste, die das österreichische Wahlergebnis im Ausland hervorgerufen hat, brachten nicht nur österreichische Wirtschaftsvertreter ins Schwitzen, sondern spielen auch bei der Regierungsbildung eine wichtige Rolle. Eine FPÖ, die vom Ausland fast ausnahmslos im rechtsextremen Eck angesiedelt wird, ist kein Koalitionspartner, selbst wenn man hierzulande die Vorwürfe differenzierter betrachtet und vieles relativiert wird. Das Schreckensszenario einer Fortsetzung der Waldheim-Krise steckt noch zu tief in den Knochen, als daß man die Sanktionsandrohungen des Auslands - besonders Israels - ignorieren dürfte.

Jörg Haider scheint die Bedeutung seines Images im Ausland zu erkennen. Auf seiner Werbetour in eigener Sache präsentiert er sich als aufrechter Demokrat. Wie sehr er damit jenes Bild korrigiert, das seine Äußerungen zur Nazi-Vergangenheit gezeichnet haben, bleibt abzuwarten. Mit halbherzigen Richtigstellungen wie bisher, wird er aber keinen Erfolg haben. Nur klare Distanzierungen können überzeugen.

Um einen Blick von außen zu bieten, schildern in diesem Furche-Forum zwei Auslandsösterreicher die Wahrnehmung ihrer Heimat aus israelischer und US-amerikanischer Perspektive. WM

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