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Wahlen im Schatten der Krise

US Wahl - © Collage: Rainer Messerklinger  (unter Verwendung eines Bildes von iStock/THEPALMER und iStock/Nastasic)
International

Amerika, deine Wahlvölker

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Ausrutscher kann ja passieren. Aber wenn Donald Trump in diesem Jahr wiedergewählt wird, was sind denn dann die US-Amerikaner für ein Volk? Eine soziologische Glosse.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Ausrutscher kann ja passieren. Aber wenn Donald Trump in diesem Jahr wiedergewählt wird, was sind denn dann die US-Amerikaner für ein Volk? Eine soziologische Glosse.

Über das Wählerpotenzial des „unnachahmlichen Genies“ (Selbstbeschreibung) ist schon viel analysiert und spekuliert worden, weil viele (vor allem Europäer) sich schwer vorstellen können, was eine Wählerin oder einen Wähler dazu bewegen kann, eine derartige Karikatur zum Präsidenten zu machen. Donald Trumps Wählerschaft ist keine homogene Gruppe, er findet seine Anhänger quer durch Schichten, Berufe, Regionen. Auf diese Weise hat sich ein sonderbares Konglomerat von Leuten formiert, die miteinander nicht viel gemein haben, die aber als Gesamtheit ausreichen könnten, um diese skurrile Figur weitere vier Jahre im Amt zu halten. Das ist es, was Irritationen auslöst: Ein Ausrutscher kann passieren; aber wenn nach jahrelanger Beobachtung dieser Gestalt (mehr oder minder) die Hälfte der Wählerschaft erneut für sie votiert, löst dies doch die Frage aus: Was ist das für ein Volk, mit welcher Geisteshaltung?

Das Trump’sche Sammelsurium

Republikanische Wählerinnen und Wähler sind jedenfalls: Evangelikale, HardcoreChristen, Wertkonservative, Ländliche; Wirtschaftsliberale, Steuer- und Sozialstaatsgegner, Deregulierungsbefürworter; Härte- und Ordnungstypen, die gegen Kriminalität und Drogen und für die Todesstrafe kämpfen; Waffenliebhaber und Familienverteidiger; Reiche; enttäuschte Arbeiter.

Über das Wählerpotenzial des „unnachahmlichen Genies“ (Selbstbeschreibung) ist schon viel analysiert und spekuliert worden, weil viele (vor allem Europäer) sich schwer vorstellen können, was eine Wählerin oder einen Wähler dazu bewegen kann, eine derartige Karikatur zum Präsidenten zu machen. Donald Trumps Wählerschaft ist keine homogene Gruppe, er findet seine Anhänger quer durch Schichten, Berufe, Regionen. Auf diese Weise hat sich ein sonderbares Konglomerat von Leuten formiert, die miteinander nicht viel gemein haben, die aber als Gesamtheit ausreichen könnten, um diese skurrile Figur weitere vier Jahre im Amt zu halten. Das ist es, was Irritationen auslöst: Ein Ausrutscher kann passieren; aber wenn nach jahrelanger Beobachtung dieser Gestalt (mehr oder minder) die Hälfte der Wählerschaft erneut für sie votiert, löst dies doch die Frage aus: Was ist das für ein Volk, mit welcher Geisteshaltung?

Das Trump’sche Sammelsurium

Republikanische Wählerinnen und Wähler sind jedenfalls: Evangelikale, HardcoreChristen, Wertkonservative, Ländliche; Wirtschaftsliberale, Steuer- und Sozialstaatsgegner, Deregulierungsbefürworter; Härte- und Ordnungstypen, die gegen Kriminalität und Drogen und für die Todesstrafe kämpfen; Waffenliebhaber und Familienverteidiger; Reiche; enttäuschte Arbeiter.

Den typisch demokratischen Wähler gibt es ebensowenig wie den typisch republikanischen Wähler. Das ist das größte Problem der Demokraten.

Manfred Prisching

Man könnte es sich beim Blick auf die Demokraten leicht machen: Das Wählerpotenzial der Demokraten sind alle „anderen“, die Nicht-Trumpisten. Doch den demokratischen Wähler gibt es genauso wenig wie den republikanischen, und das ist das größte Problem einer Partei, die politische Themen kolportieren muss – im Unterschied zu Trump, der nur seine Person vermarktet. Demokratische Wähler bilden auch ein fragmentiertes Feld: ethnische und sexuelle Minderheiten, Schwarze und Latinos; Frauenemanzipateure, Bürgerrechtsbewegte; Religiös-Liberale und Ungebundene; Umweltschützer, Immigrationsbefürworter und andere Weltverbesserer; klassische Arbeiter, Sozialpolitikanhänger, Abtreibungsbefürworter; Vertreter eines offenen Bildungszugangs; Intellektuelle.

Meister des Gordischen Knotens

Aber so eindeutig ist auch das wieder nicht. Eigentlich gehörte die klassische Arbeiterschaft in das demokratische Sample, doch sie ist vielfach in das Trumplager abgewandert. Sie ist seit Jahrzehnten mit abnehmendem Lebensstandard konfrontiert und wurde aufgefordert, ihren Niedergang zu akzeptieren, während die Nutznießer des Systems Gleichgültigkeit zeigen: gegenüber der Verzweiflung, dem Selbstmord, dem Alkoholismus und dem Drogenmissbrauch. Die „deplorables“ – so wollen sie von jenen, die an ihrer Misere schuld sind, nicht bezeichnet werden. Deshalb lieber ein Führer, der jeden Gordischen Knoten durchschlägt, der sich nichts schert, der Stärke verkörpert und Zukunft verspricht. Aber auch andere Gruppen lassen sich nicht so leicht zuordnen: Die Latinos, die sich bereits etabliert haben, wollen nicht unbedingt den grenzenlosen Zuzug von ihresgleichen – und lassen sich von Trump eine kostenlose Mauer versprechen. Viele, die Trump nicht mögen, lassen sich dennoch von der Steuersenkung und der Wirtschaftslage überzeugen: Das eigene Konto liegt näher als die allgemeine Moral.

Fakt

Trump in roten Zahlen

Einen Rekord hat Donald Trump schon geknackt in diesem Wahljahr. Noch nie war ein Präsident am Ende seiner ersten Amtszeit derartig unbeliebt bei mehr als der Hälfte der Wählerschaft. In allen acht landesweiten repräsentativen Umfragen, die von verschiedenen US-Medien (von CNN bis Fox) in Auftrag gegeben wurden, ist das Ergebnis für Trump negativ. Nimmt man den Durchschnitt aller dieser Polls, finden 52,9 Prozent der Amerikaner, der Präsident mache seine Arbeit schlecht. Allerdings wirkt Trump noch für bis zu 48 Prozent der Menschen (bei Fox/Rasmussen Reports) überzeugend. Im Vergleich zu seinen Mitbewerbern um das Präsidentenamt ist das zwar ein Rückstand, aber Trump verstand es in seinem Wahlkampf 2016 besser als alle anderen, die Wählerschaft zu mobilisieren. Und so ist der Zwischenstand in den Umfragen für Joe Biden als auch für Bernie Sanders zwar ermutigend. Biden liegt demnach um bis zu zehn Prozent vor dem amtierenden Präsidenten, Sanders immerhin um sieben Prozent. Sollte aber die Wahlbeteiligung im November nicht hoch sein, könnten sie trotzdem das Nachsehen haben. (tan)

Bei den politischen Lagerungen sind auch alte historische Probleme im Spiel, etwa die Unversöhntheit seit dem Bürgerkrieg. Das Eintreten für die Rechte der Schwarzen sichert den Demokraten viele Stimmen aus dieser Gruppe, kommt aber ansonsten in den Südstaaten nicht gut an. Manche Demokraten glauben, dass die Zeit reif wäre für gewisse sozialpolitische Programme wie eine allgemeine Krankenversicherung. Aber man darf die Begeisterung für derlei „Leftismen“ nicht überschätzen: Amerikaner sehen es nicht als Aufgabe der Regierung an, die seit Jahrzehnten zunehmende Einkommensungleichheit zu reduzieren, obwohl die USA in ihrer eklatanten Ungleichverteilung ein Ausreißer unter den entwickelten Nationen sind. Intellektuelle sind nach wie vor bei den Demokraten zu Hause; aber gerade ihnen wirft man vor, dass sie mit ihrem fanatischen Eifer für Minderheiten und Korrektheiten aller Art einen Krieg gegen die „normalen Leute“ entfesselt und diese vergrault haben.

Kandidaten ohne Überzeugungskraft

Überzeugend war die Riege der demokratischen Kandidaten nicht. Die Auf- und Abstiege der Kandidatinnen und Kandidaten in den letzten Monaten lassen erkennen, wie „flüssig“ die Verhältnisse in der Wählerschaft sind. Aus dem bunten Feld sind zwei ältere Männer übriggeblieben, und der pragmatische Zentrist Joe Biden wird wohl eher Kandidat werden als der charismatische Oldie Bernie Sanders. Aber Trump ist der Volksheld, der einsame Rächer, der Selfmademan, der Milliardär, der Sugardaddy, der männliche Mann, der Dealmaker, der Über-den-Tisch-Zieher, der Ellenbogenrempler, das Monster. Irgendwie imponierend. Joe Biden ist „ganz ordentlich“: der Mann für eine „Vernunftehe“, für die Überwindung oder Überdeckung der Zersplitterung von Partei und Wählerschaft. Das klingt jedoch weniger imponierend. Der Garant dafür, dass im Großen und Ganzen alles so bleibt, wie es ist. Keine Wegweisung. Wahltaktisch ist es eine fast unlösbare Aufgabe: eine „starke“ Positionierung kommunizieren, die möglichst nirgends aneckt. Und politikstrategisch könnte es überhaupt zu wenig sein, um die Position der USA bestmöglich zu wahren.

Die USA waren einst der „Leuchtturm“ für Demokratien. Mittlerweile handelt es sich um ein kaputtes politisches System. Die „heilige“ Verfassung legt wenig fest über das Funktionieren der politischen Institutionen, es ist eine schwache Verfassung. Sie reicht nur aus beim Vorliegen politikkultureller („sittlicher“) Voraussetzungen, insbesondere eines starken Willens zur Zusammenarbeit. Die Logik der Politik war in den letzten Jahrzehnten zunehmend anders: Je vernünftiger Vorschläge sind, desto zuverlässiger werden sie von der Gegenpartei abgeschossen. Dann aber knirscht das System. Wenn man die plutokratischen und korruptoiden Elemente sowie die Schmähungs- und Lügenästhetik des gegenwärtigen Politikbetriebs dazudenkt, bleibt von einem System, das anderen Ländern der Welt als Ideal empfohlen werden kann, nicht viel übrig. Und das wird zu einem Problem der westlichen Welt.


Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz.