Wienfluss Renaturierung Natur Fluss  - Radfahrer auf einem asphaltierten Weg neben einem Fluss mit steiniger Uferböschung und umgeben von Bäumen und Hügeln - © Foto: APA / Barbara Gindl

Sophia Stanger: „Bei der Renaturierung können alle dazugewinnen“

Ist Österreich fit für die umstrittene Umsetzung der Verordnung zur Wiederherstellung der Natur? Konfliktforscherin Sophia Stanger erklärt, wie man Landwirte, Bürger und Naturschützer zusammenbringt.

Werbung
Werbung
Werbung

Ihre Entstehungsgeschichte führte zu einem regelrechten Regierungskrach: Die damalige grüne Umweltministerin Leonore Gewessler stimmte im EU-Rat gegen den Willen des Koalitionspartners ÖVP für die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Diese gilt somit seit Juni 2024.Ihr Herzstück ist das Ziel, 20 Prozent der beschädigten Naturflächen bis 2030 in einen möglichst naturnahen Zustand zu bringen. Das betrifft landwirtschaftliche Flächen, Städte, Naturschutzgebiete oder Siedlungsflächen – und somit sehr viele Akteure. So sollen etwa 25.000 Flusskilometer renaturiert werden; es steht aber nicht fest, in welchen Ländern das passieren soll (Artikel und Hintergründe dazu finden Sie in unserem Dossier „Renaturierung“).

Die Ziele auf EU-Ebene sind letztlich lokal umzusetzen. All das bedeutet weiterhin viel Konfliktpotenzial. DIE FURCHE sprach darüber mit Sophia Stanger, die als Friedensforscherin und Mediatorin am Österreichischen Friedenszentrum in Schlaining zu Konflikten rund um Umwelt- und Klimathemen arbeitet.

DIE FURCHE: Beim Streit um Renaturierung gingen in Österreich bereits die Wogen hoch. Wie sehen Sie diese Debatte?

Sophia Stanger: Die öffentliche Diskussion war stark durch die parteipolitische Perspektive geprägt. Medien berichteten verstärkt über den Konflikt und weniger über die Inhalte der Verordnung oder sie betreffende Interessen. Dabei ist doch eine große Bandbreite an Menschen betroffen: z. B. Grundstücksbesitzende, Landwirte und Landwirtinnen, Vertretende von Naturschutzorganisationen und die Zivilgesellschaft. Die Menschen haben ein berechtigtes Interesse an intakter Natur – etwa daran, dass sich nicht Krankheiten aufgrund sinkender Artenvielfalt ausbreiten oder Hochwässer ihre Keller unter Wasser setzen.

DIE FURCHE: Wird die Bevölkerung jetzt ausreichend eingebunden?

Stanger: Mittlerweile gibt es öffentliche Veranstaltungen, organisiert vom zuständigen Bundesministerium, bei denen sich Menschen informieren können. Es gab auch die Möglichkeit, online Stellungnahmen abzugeben. Nun ist die Frage, wie diese Beiträge in die Erstellung des Wiederherstellungsplanes miteinbezogen werden. Wird im Vorfeld ausreichend informiert und können Menschen mitreden, wird auch die Umsetzung der Verordnung leichter. Haben Menschen das Gefühl, Dinge werden über ihren Kopf hinweg entschieden, entsteht wohl eher Unmut.

DIE FURCHE: In knapp neun Monaten soll der Wiederherstellungsplan fertig sein. Reicht die Zeit für wirkliche Teilhabe?

Stanger: Hätte man vor einem Jahr begonnen, hätte man mehr Ideen aus der Bevölkerung einholen und Entwürfe diskutieren können. Diese Chance ist verpasst. Aber es ist nie zu spät für Teilhabe. Man muss nur realistisch bleiben. So könnte man etwa die übergeordneten Themen, über die die Arbeitsgruppen diskutieren, transparent machen. Man könnte Treffen online übertragen, damit Menschen sich zuschalten können, oder digitale Tools anbieten. Auf politischer Ebene ist es unklug, nur die Ergebnisse zu präsentieren. Dann bleibt viel Raum für Mythen und Mutmaßungen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung