Demenz - © Foto: Helmberger

Das Du als letzte Gewissheit

Die Zahl der Demenzbetroffenen wird in Zukunft dramatisch steigen. Wie verändert diese Krankheit einen Menschen? Und was bedeutet sie für Liebe und Partnerschaft? Ein Besuch beim "Alzheimerurlaub" für Paare in Bad Ischl.

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Die Krankheit hat Josef Pils schon Vieles geraubt: seine Erinnerung, seine Orientierungsfähigkeit, seine Selbständigkeit beim Waschen, Ankleiden und Essen. Doch seinen Charme und seine Kultiviertheit hat sie ihm nicht nehmen können. "Der Herr Pils ist noch ein Mann der alten Schule", sagen die Trainerinnen im "Clubraum" des Hotels "Goldener Ochs". Einer, der sich noch von seinem Sessel erhebt, wenn jemand den Raum betritt; einer, der es gewohnt ist, zu repräsentieren. "Herr Oberstudienrat, Professor, Magister", sagen sie deshalb gern zu ihm -und der ehemalige Braunauer Gymnasiallehrer und Reserveoffizier nimmt diese Ehrerbietung als das Selbstverständlichste der Welt: "Es ist schön, dass Sie mich kennen."

Gekannt werden: Was für eine Beruhigung in einer Welt, die aus den Fugen gerät. "Als wäre man aus dem Schlaf gerissen, man weiß nicht, wo man ist, die Dinge kreisen um einen her, Länder, Jahre, Menschen." So stellt sich der Schriftsteller Arno Geiger in seinem Buch "Der alte König in seinem Exil" Demenz in der mittleren Phase vor. Josef Pils' Erkrankung ist schon weiter fortgeschritten: Auf der siebenteiligen "Reisbergskala", mit der die Schweregrade der Alzheimer-Erkrankung unterteilt werden, befindet er sich etwa auf Stufe sechs: Ohne Unterstützung ist der Alltag für ihn nicht mehr zu schaffen.

Nähe, die erdrücken kann

Seine große Stütze ist Ehefrau Erika, sie ist seine letzte Gewissheit in einer Welt, die ihm fremd geworden ist. "Wenn ich auch nur in ein anderes Zimmer gehe, fragt er gleich: Erika, wo bist du?", erzählt die 79-Jährige. "Und hundert Mal am Tag sagt er mir: Erika, i mog di so gern." Ein solches Bekenntnis kann beglückend sein - aber auch erdrückend, wenn es keinen Raum für eigene Bedürfnisse gibt. Hier, beim zweiwöchigen "Therapie- und Förderungsaufenthalt für Paare", kann Erika Pils endlich loslassen. Bereits zum siebten Mal nutzt sie dieses österreichweit einzigartige Entlastungsangebot des Vereins "MAS Alzheimerhilfe" mit Sitz in Bad Ischl. Während ihr Mann mit den anderen Betroffenen von speziell ausgebildeten Trainerinnen gefördert wird, kann sie sich erholen, in Einzel- oder Gruppengesprächen mit Psychologen austauschen oder sich in Fachvorträgen weiterbilden.

An diesem Freitagvormittag steht "Inkontinenz" auf dem Programm; drüben im "Club" singt man derweil "Übers Bacherl bin i gsprunga" und trainiert mit Text-und Bildkärtchen "stadiengerecht" die Kommunikation. Die kurze Trennung war anfangs für Josef Pils kaum auszuhalten, doch mittlerweile ist er ruhiger geworden. Kurze Liebesbriefe an seine Gattin helfen ihm dabei: "Maine liebe Erika", hat er unlängst geschrieben, "ich bin jetzt im Klub und denken an dich meine Liebe. Ich warte mit Pop und ich hoffe du kommst im meinen Leben gleich. Mit Liebe, Dein Major Pils."

So kultiviert drücken sich nicht viele aus. Und doch ist das Verhältnis von Josef und Erika Pils für demenzbetroffene Paare ganz typisch. "Der Partner wird zur Prothese", erklärt die Gerontologin Felicitas Zehetner, die den Verein "MAS Alzheimerhilfe" gegründet hat. Auch sie selbst hat diese Enge und Isolation erlebt, als ihr Mann vor 30 Jahren an Demenz erkrankte. Besonders belastend ist die Frühphase der Erkrankung, in der sich die Aussetzer häufen, aber die Betroffenen verzweifelt darum bemüht sind, die Fassade zu wahren. "Viele beschuldigen ihren Partner für Fehler, die ihnen selbst passiert sind", sagt Zehetner. "Und der Partner reagiert wiederum mit Vorwürfen."

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